"'Bundesland heute' hat DDR-Charakter"

30. April 2008, 16:30
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Als "Machtgeilheit" dem ORF Regional-TV erlaubte: Thaddäus Podgorski im STANDARD-Interview - Mit Reaktion der ORF-Landesdirektoren im Wortlaut

Als "Machtgeilheit" dem ORF Regional-TV erlaubte: Wie der ehemalige ORF-General Thaddäus Podgorski "Bundesland heute" erfand und heute findet. Harald Fidler fragte.

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STANDARD: Wenn Sie sich durch alle Bundesländersendungen zappen, sind Sie noch stolz auf Ihre Erfindung aus 1988, "Bundesland heute" täglich regional zu senden?

Podgorski: Die Erfindung lag auf der Hand. Zeitungen haben Lokalteile für Bundesländer. Und die Zuschauerzahlen geben mir noch immer Recht. Mir war schon bewusst, dass sich die Landeshauptleute da, sagen wir, einbringen werden. Aber dass es so arg wird, habe ich nicht erwartet. Das ist jetzt schlimm, ganz arg. Nirgendwo ein kritischer Bericht, nirgendwo ein richtiges Interview. Das hat DDR-Charakter, auch in der Wortwahl. Mit diesem verordneten Optimismus, wie das "Neue Deutschland". Immer die Perspektive der Landesregierung. Bei jeder Apfelernte muss ein Landesrat zu Wort kommen.

STANDARD: Woher kommt das?

Podgorski: Wenn der Landeshauptmann entscheidet, wer Landesdirektor wird...

STANDARD: Laut Gesetz muss der Landeshauptmann oder die Landeshauptfrau nur gehört werden zur geplanten Besetzung.

Podgorski: Aber die Vertreter der Landeshauptleute im Stiftungsrat wählen den ORF-Generaldirektor und seine Direktoren. Ein Generaldirektor, der den Job behalten will, wird sich hüten, einen wirklichen Krieg mit den Landeshauptleuten anzufangen. Der Stiftungsrat dreht ihm sonst ja jede Gebührenerhöhung ab. Und nicht nur der jeweilige Landesdirektor ist ja stark von der Landespolitik abhängig, der zieht ja eine Menge von Leuten mit, die vielleicht vorher ein bisschen abhängig von der Politik waren. Und die machen dann eine Art Puppenfernsehen.

STANDARD: Nicht gerade ein Kompliment an die Journalisten in den Landesstudios.

Podgorski: Es gibt in den Bundesländern sehr viel Potenzial, nur das kommt nicht zum Tragen. Zum Tragen kommt nur eine pfarrjugendartige Gestaltung. Die Begabungen kommen nicht so zum Vorschein. Ob sie sich nicht trauen? Wenn jemand wirklich tough wäre, wird ihm das nicht gedankt, im Gegenteil. Warum soll er etwas riskieren? Auf Dauer ist das gefährlich – dann ruft der Pröll an oder ein anderer Landeshauptmann oder ihre Vertreter.

Mit dieser Interventionspolitik wird viel Sendezeit vergeudet. Die Leute werden entmutigt. Wie man die Bundesländerstudios von der Politik entfesselt, weiß ich leider auch nicht, so lange sie die Direktoren und Generaldirektoren mitwählen. Entfesselt sind nur manche Gestalter dort – denken Sie an die peinlichen Versuche von Wettershows in den Sendungen. Aber vielleicht ist das der Geschmack der Landeshauptleute.

STANDARD: Hätten Sie als Erfinder nicht "pfarrjugendartiger Gestaltung" vorbeugen können?

Podgorski: Ich bin wie ein Zirkusdirektor von einem Landesstudio zum anderen gefahren und habe mit den Kollegen trainiert. Da ist viel Bodensatz in die Höhe gekommen an Provinzialität. Die wollten ganze Kabarettpassagen machen, politisches Kabarett. Selbstverwirklichung.

STANDARD: Bevor Sie als Zirkusdirektor durch die Landesstudios getingelt sind, mussten Sie erst einmal ihre Aufsichtsräte dressieren, die damals Kuratoren hießen. Die ÖVP müsste von ihrem Plan einer Plattform für die damals mehrheitlich bürgerlichen Landeshauptleute doch eigentlich begeistert gewesen sein.

Podgorski: Diese Geschichte war politisch ambivalent. Die Roten waren nicht sehr dafür, weil die Bundesländer eher schwarz dominiert waren. Die Schwarzen waren schon deshalb zögerlich, weil sie vom ersten Augenblick meiner Wahl zum ORF-General die Wiederwahl Gerd Bachers betrieben haben. Die Volkspartei hat alles, was ich geplant habe, konterkariert. Alles war einer unglaublichen Sabotage ausgesetzt.

In diesem Fall waren sie in einer furchtbaren Zwickmühle: Einerseits wollten sie keinen Erfolg für mich, andererseits würde ihren Landeshauptleuten eine solche Plattform natürlich schon gefallen. Und wie man sieht: Sie nützen sie weidlich aus. Sie wollten die Einführung aufsparen, bis Bacher zurückkommt. Aber das haben sie dann doch nicht ausgehalten. Die Machtgeilheit ist mit ihnen durchgegangen und sie haben zugestimmt.

STANDARD: Die Zuschauerzahlen von "Bundesland heute" haben unter der Programmreform 2007 und unter Digital-TV gelitten.

Podgorski: Im ORF sehe ich die Gefahr, dass man Sendungen mit hohen Quoten vernachlässigt. Das gilt für "Bundesland heute", das gilt für die "Seitenblicke", auch die "Zeit im Bild". Das gehört längst alles reformiert. Und: Eine Viertelstunde täglich ist für "Bundesland heute" zu kurz, auch die "ZiB" ist zu kurz. (DER STANDARD; Printausgabe, 30.4.2008, Interview Langfassung)

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Reaktion der ORF-Landesdirektorn im Wortlaut

"Kindesweglegung

Als damaliger Landes-Chefredakteur und damit stark in die mehrjährige (!) Entstehungsgeschichte von Bundesland heute eingebunden, stelle ich bei Lektüre des Interviews mit Thaddäus Podgorski fest, dass beim Ex-GI möglicherweise nostalgisch bedingte Erinnerungslücken vorhanden sind. Bundesland heute ist zwar tatsächlich während der Amtszeit von Podgorski gestartet worden, allerdings nach mehreren auf Gerd Bacher zurückgehenden Anläufen, die alle aus Kostengründen verworfen worden waren. So hat es schon Jahre vor Podgorski einmal pro Woche eine paarweise Auseinanderschaltung der Landesstudios gegeben. In der Folge haben die Landesintendanten, insbesondere Hannes Leopoldseder, umfangreiche Vorarbeiten geleistet. Podgorski hatte den Mut, das dann umzusetzen und hat die mehrere Monate dauernde Pilotphase mustergültig koordiniert.

Schon in den von ihm abgenommenen Pilots kamen immer wieder Landeshauptleute vor, weil von Anfang an klar war, dass auch Landespolitik Inhalt einer regionalen Nachrichtensendung sein muss, genauso wie die jeweilige Opposition. Kein Mensch käme auf die Idee, die ZiB (diesen Titel hat tatsächlich Podgorski erfunden) als Bundeskanzler-Fernsehen zu denunzieren, bloß weil der Kanzler eben auch in der ZiB auftritt. Ansonsten habe ich abgesehen von der unerklärlichen Kindesweglegung den Eindruck, dass Podgorski Bundesland heute nicht sehr oft sieht, sonst wären Punzierungen wie „DDR-Charakter“ oder „bei jeder Apfelernte muss ein Landesrat vorkommen“ nicht möglich.

Wahrscheinlich hätte eine solche Sendung nicht 20 Jahre lang eine so exorbitante Publikumsakzeptanz mit Marktanteilen jenseits der 60 Prozent. Wo gibt es das sonst noch in Europa? Jedenfalls möchte ich mich bei allen Redakteurinnen und Redakteuren der Landesstudios, ohne deren tägliche Knochenarbeit diese 20-jährige Erfolgsgeschichte nicht möglich wäre, auf das Herzlichste bedanken.

Wolfgang Burtscher für die ORF-Landesdirektoren"

Zur Person

Thaddäus Podgorski (72) war erster Redakteur der "Zeit im Bild", deren Namen er erfand, später Chefredakteur, Sportchef, Intendant und 1986 bis 1990 ORF-Chef. Ließ in einem "Kraftakt" (fast 50 Millionen Euro) die Sender regional auseinanderschalten, was 1988 "Bundesland heute" und Minderheitensendungen ermöglichte.

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  • Thaddäus Podgorski.
    foto: standard/cremer

    Thaddäus Podgorski.

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