"Heast, heute gibt’s Bananen"

29. April 2008, 19:05
20 Postings

Georgij Makazaria und Titus Vadon von der Wiener Russian-Balkan- Ska-Band "Russkaja" im Interview - Mit Gewinnspiel

Zwei Oberösterreicher, ein Wiener, eine Deutsche, ein Russe, ein Ukrainer und ein Ungar mit britischem Reisepass, der in Wien geboren wurde: das sind Russkaja. Ihre Basis hat die siebenköpfige Band in Wien eingerichtet, doch seit ihrer Gründung 2005 ist kein Monat vergangen, an dem sie nicht im In- und Ausland aufgetreten wären. Sänger Georgij Makazaria und Schlagzeuger Titus Vadon erzählen warum seit einiger Zeit die Fangemeinde von Balkan-Pop und Russen-Ska zunimmt und was Osten und Westen unterscheidet.

***

derStandard.at: Der bosnische Regisseur Emir Kusturica machte Mitte der 1990er Jahre mit seinen Filmen "Underground" und "Schwarze Katze, Weißer Kater" den Balkan-Sound einem breiteren Kinopublikum bekannt. Die New Yorker Band Gogol Bordello, die ihre Musik als "ukrainisches Zigeuner-Punk-Kabarett" bezeichnen, spielten schon mit Madonna zusammen und im Wiener Ost-Klub wird zu südosteuropäischen Klängen getanzt. Welchen Einfluss hatte dieser Hype auf die Gründung von Russkaja?

Titus Vadon: Ursprünglich kommt unser Sound aus Georgijs Heimat. Dort hatte er mit russischen Freunden den Plan, eben diese Musik zu machen, die sie früher auch zu Hause gehört haben. Lustigerweise sind mir die Ohren erst aufgegangen, als ich längst mit Georgij in der Band zusammenspielte. Damals gab es die Berliner Russendisko schon; der deutsche DJs Shantel war in Startposition - das war im Februar 2005. Unser erstes Konzert war gleichzeitig die Eröffnung vom Ost-Klub. Aber am stärksten hat uns eigentlich die Heimat von Georgij beeinflusst.

Georgij Makazaria: Damals, als wir angefangen haben, muss ich ehrlich sagen, habe ich Gogol Bordello noch nicht gekannt, obwohl es die schon seit Ende der 1990er Jahre gibt. Ich habe eher härtere Sachen gehört. Kusturica hab ich überhaupt nicht gekannt.

Titus Vadon: Wobei Kusturica aus der so genannten "echten Ecke" kommt. Der hat Balkan-Volksmusik mittlerweile populär gemacht. Eben diese Art von Musik habe ich aus Ungarn gekannt, die ist der des Balkans ähnlich. Damit sind wir aufgewachsen, solche Lieder haben wir in der Schule gesungen.

(Georgij Makazaria stimmt ein russisches Volkslied an)

derStandard.at: Wie steht ihr der Vermarktung dieses Genres gegenüber?

Georgij Makazaria: Positiv. Wir schauen, dass das irgendwie funktioniert. "Vermarkten", das ist so ein bourgeoiskeslowa Wort. Es geht doch vielmehr darum, den Leuten die Musik nahe zu bringen. Es ist gut für die Menschen, dass sie das zu hören bekommen.

derStandard.at: Besteht nicht eine gewisse Diskrepanz zwischen der Begeisterung der Westeuropäer für eure, hierzulande exotisch anmutende Musik auf der einen, und den nach wie vor bestehenden Vorurteilen gegenüber Osteuropäern auf der anderen Seite?

Titus Vadon: Aber es sind doch die Österreicher, die ihre Familien in den Keller sperren.

Georgij Makazaria: Alle Diskrepanzen sind plötzlich weg…

derStandard.at: Worin seht ihr die größten Unterschiede zwischen Osten und Westen?

Titus Vadon: Der große Unterschied liegt in der Geschichte, also im Kommunismus, den wir im Osten erlebt haben: der, der im Ostblock gelebt hat, war eingesperrt. Zwar nicht in einem Bunker sondern in einem Land, aber trotzdem eingesperrt. Man hat im Ostblock anders gelebt, man hat damit leben müssen, dass man zum Beispiel um Nahrungsmittel kämpfen musste. Man musste wissen, wann und wo Milch und Brot zu bekommen waren. Um Bananen hat man sich anstellen müssen. Wenn es einmal welche gegeben hat, sind meterlange Schlangen vorm Geschäft gestanden.

Georgij Makazaria: Nicht nur bei Bananen, auch wenn es Klopapier gab. Das wurde direkt aus dem Lastwagen verkauft und jeder hat maximal zehn Rollen mitnehmen dürfen. Ich hatte auf die Hand meine Nummer in der Schlange geschrieben gehabt: 473

derStandard.at: Dann haben Sie also selten Klopapier bekommen.

Georgij Makazaria: Ja.

Titus Vadon: Das war die eine Sache. Die andere war die, dass alle gegen das Regime waren. Das hat irrsinnig verbunden. Wenn man beispielsweise gewusst hat, dass es Bananen gibt, hat man zu den Anderen gesagt: "Heast, heute gibt's Bananen", oder Schrauben oder was auch immer. Einmal im Monat hat es irgendwo Joghurt gegeben, aber dann gleich in Massen und danach drei Wochen lang keines.

Georgij Makazaria: Es hieß ja auch nicht "ich habe etwas gekauft" sondern "ich habe etwas besorgt". Dafür gab es einen eigenen Ausdruck.

Titus Vadon: Dieser Zusammenhalt hat seine schönen Seiten gehabt; man ist anders zusammen gesessen. Wobei dieser Zusammenhalt mittlerweile natürlich auch schon weg ist. Jetzt läuft jeder dem Geld nach, wie es in einem kapitalistischen, wirtschaftsorientierten System eben üblich ist. Die ganze Romantik ist flöten gegangen. Jetzt heißt es nur noch "meins, meins, meins". Das ist ganz anders als früher. Der größte Unterschied heute ist der, dass man hier im westlichen Europa gewohnt ist, dass alle Güter verfügbar sind, wohingegen sie im Osten immer noch ein Statussymbol sind. Obwohl auch das schön langsam abnimmt.

Georgij Makazaria: Bei unseren Konzerten bekommen die Leute die Möglichkeit, zu dieser Romantik zurückzukehren - durch das Zusammengehörigkeitsgefühl, wenn man sich gemeinsam bewegt, wenn man etwas herausschreit, wenn man sich durch Laute reinigt.

derStandard.at: Ist das der Reiz, der von dieser Art von Musik ausgeht?

Georgij Makazaria: Schon möglich. Ist das so?

Titus Vadon: Sicherlich. Es ist kein privates, einsames Erlebnis, sondern ein Gemeinschaftliches, wo man einen Zusammenhalt spüren kann. Das ist etwas Angenehmes: gemeinsame Freude, gemeinsames Schwitzen. Das Schöne dabei ist, es werden gewisse Dinge wieder egal. Es ist egal, wenn von jedem das T-Shirt nass geschwitzt ist und es durch die Gegend fliegt. Es lockert sich.

derStandard.at: Was verbindet ihr mit Österreich?

Titus Vadon: Österreich ist im Grunde genommen ein begnadetes Land. Wir touren viel durch Europa und dabei stellen wir immer wieder fest, dass Österreich immer noch eine Insel der Seligen ist. Man kann hier in wirtschaftlicher Sicherheit leben und dieses Glück hat man in vielen anderen angrenzenden Ländern nicht mehr. Das wissen die Leute aber teilweise nicht zu schätzen.

Vor allem Künstler, die jammern, dass das Land so klein ist. Das ist eben eine Tatsache: man kann hier nun einmal nicht in der Dimension arbeiten, wie in den USA. Dann raunzt man. Auf der anderen Seite hat man viele Möglichkeiten und es ist ein herrliches Land zum Leben.

Georgij Makazaria: Für mich ist Österreich eine zweite Heimat geworden, hier leben meine Familie und meine Freunde. Hier habe ich die Hälfte meines Lebens verbracht. Es ist ein schönes Land. Nur die Berge gefallen mir nicht.

Titus Vadon: Die stehen ein bissl unnötig im Weg herum.

Georgij Makazaria: Die machen nur Schatten.

derStandard.at: Wie war der Start in Österreich?

Georgij Makazaria: Für mich war Österreich ein bisschen flashig. Meine Mutter hat Mitte der 1980er Jahre einen Österreicher geheiratet und ist mit ihm ausgereist. Damals war das in der Sowjetunion populär. Ich habe die Mittelschule in der UdSSR fertig gemacht, dann bin ich mit 18 Jahren nach Österreich nachgekommen. Ich habe von dem Land gar nichts gewusst. In Russland hatte ich mich auf ein Leben in einem spanischsprachigen Land vorbereitet: ich wollte nach Kuba, es ist dann aber eben Österreich geworden, weil meine Mutter leider keinen Kubaner kennen gelernt hat. Kann passieren.

Der erste Flash war jedenfalls, dass hier die Autos tatsächlich vor einem Zebrastreifen stehen bleiben. Als ich damals beim Flughafen vor einem Zebrastreifen stand – ich war gewohnt, dass die Autos vorbeigasen – hat das Auto angehalten. Ich schaute den Fahrer an, der Fahrer schaute mich einladend an. Ich habe einen ganz kleinen Schritt auf die Straße gemacht und bemerkt, dass er wirklich stehen bleibt. Da dachte ich mir, dass Österreich cool ist.

Titus Vadon: Ich bin ja parallel aufgewachsen: ich war in Ungarn in der Schule und dann auch in Österreich. Der Anfang war ein bissl hart, denn ich war ein klassisches Ausländerkind. Du bist dafür bestraft worden, dass du Ausländer bist. Das war nicht angenehm. Ich habe deshalb anfangs nicht gerne hier gelebt, obwohl ich hier geboren wurde.

Ab 14, 15 war es dann wurscht, denn ich habe genauso Deutsch gesprochen, wie alle anderen. Es war dann oft lustig, wenn ich im Taxi gesessen bin und der Fahrer sagte "der Tschusch do" und dann sagte ich "nicht schimpfen, ich bin auch Ausländer" und er "woher kommst denn?". Wenn ich "Ungarn" antwortete, kam dann immer "jo, des is ja was anderes". Aber als Kind war das einfach Scheiße, wenn du dafür, dass du aus einem anderen Land kommst der Arsch bist. Einfach mal so präventiv, nicht etwa weil du jemanden geschlagen hast.

Georgij Makazaria: Die erste Schule, die ich hier besucht habe, war ein polytechnischer Lehrgang. Dort waren die Österreicher sowieso in der Unterzahl. Deswegen habe ich nie Probleme gehabt. In Deutsch war ich irrsinnig schlecht, also hätte ich die Schimpferei auch gar nicht verstanden.

derStandard.at: Wie steht ihr zur EU?

Titus Vadon: Die EU ist eh lustig. Aber wozu das Ganze, wenn du erst wieder Ausländersteuer zahlen musst, wenn du über eine Grenze fährst? Wenn schon EU, warum vereinheitlichen sie dann nicht diesen ganzen Wirtschaftskack? Das ist mir unerklärlich. Es ist natürlich angenehm, wenn man über eine Grenze fahrt, ohne auspacken zu müssen, was in unserem Fall auf Tour oft ein Thema ist.

derStandard.at: Wie politisch sind Russkaja?

Georgij Makazaria: Der politische Anspruch ist bei uns minimal. Ich verarbeite das nicht in Texten, denn das würden die Leute hier auch kaum verstehen.

Titus Vadon: Wir beschäftigen uns nicht wirklich damit. Bei uns in der Gruppe haben wir verschiedene Nationalitäten, verschiedene Religionen und wir kommen wahnsinnig gut miteinander aus. Jeder ist einfach Mensch und Ende. Aber natürlich sind wir gegen Faschismus und machen uns lustig über diese Idioten, die das immer noch gutheißen. Wir leben unseren Standpunkt auf der Bühne.

derStandard.at: Letzte Frage: Zu wem haltet ihr bei der EM?

Titus Vadon: Ich halte mich beim Würschtelstand an der Budel fest, damit ich nicht umfalle.

Georgij Makazaria: Ich mich am Bierkrügel. Das hat auch einen Griff zum Anhalten. Schauen wir mal: wenn Russland weiterkommt, dann bin ich im Halbfinale für Russland. Aber sonst für Brasilien. Im Ernst: es ist total egal. Der Bessere soll gewinnen. (30.04.2008, derStandard.at, Birgit Wittstock)

Link
Russkaja
  • "Das ist etwas Angenehmes: gemeinsame Freude, gemeinsames Schwitzen."
    derstandard.at/wittstock

    "Das ist etwas Angenehmes: gemeinsame Freude, gemeinsames Schwitzen."

  • Das gesamte Band-Kollektiv Russkaja
    foto: russkaja

    Das gesamte Band-Kollektiv Russkaja

  • Gewinnspiel:  derStandard.at verlost 3 CDs "Kasatchok Superstar" von Russkaja
Mitspielen >>>
    foto: russkaja

    Gewinnspiel:
    derStandard.at verlost 3 CDs "Kasatchok Superstar" von Russkaja
    Mitspielen >>>

Share if you care.