Eigentlich wollte ich eine Weile lang nichts mehr von Fußball hören, nichts von Hörnchen, die Schneckerl heißen, nichts von Gurkerln und Jausengegnern ...
... nichts von Richard Lugners neuer Freundin und ihrer Fußballfrisur, die aussieht wie ein umgestülptes Vogelnest, nichts von der Zucker-EURO, Männerunterwäsche an der Latte, den anderen Werbe-Wuchteln und auch nichts von den Richtigen, die nicht die Besten sind. Wo geht das besser als in New York, wo sich der Fußball schon wegen der Zeitverschiebung nicht durchsetzt, die wichtigen europäischen Spiele um drei Uhr nachmittags beginnen.
New York, diese liebenswerte, aber irgendwie auch antiquierte Metropole, diese Stadt der Zahlen, in der alles nummeriert ist wie beim Football, wo man im Central Park abhängen kann wie Holden Caulfield (mit Ketchup im Roggen), oder in Brooklyn wie in Paul Austers Smoke (mit Chesterfield), es eine Oyster Bar mit 26 verschiedenen Austern (von Long Island bis New Brunswick) gibt, man zu Ground Zero pilgern kann oder zur John-Lennon-Ecke beim Dakota-Building, Bagels essen, sunnyside eggs over-easy, Burgers, Steaks, und man in den Fernsehern der Bars nur Baseball, Basketball und Eishockey serviert bekommt, nicht aber Fußball. So weit, so gut. Bis es mich nach Harlem in den legendären Jazz Club Lennox Lounge verschlagen hat. Nicht nur die schwarze Kellnerin hat mich da irritiert, die wissen wollte, woher ich komme, und auf mein "Austria!", ohne die Mundwinkel zu verziehen, fragte: "Mit dem Taxi?" Vor allem verblüffte mich die Jacke eines Schwarzen, eine grün-weiße Lederjacke mit der Aufschrift Rapid Wien. Sacramento!
Sollte sich der 32. Meistertitel bis nach Harlem durchgesprochen haben? Sollte man im Norden Manhattans von den Wundertaten Steffen Hofmanns wissen? Konnte es in Harlem Hütteldorfer geben? Harlem das Hütteldorf New Yorks? Kaum war die Band mit ihrer verjazzten Version von The Flintstones fertig, fasste ich mir ein Herz und fragte den Grün-Weißen, was er von Hoffer, Maierhofer halte? - Maierhoffer? Who? Soccer? What? Ach so, die Jacke, ja, die sei ein Geschenk von einem Cousin dritten Grades, und er trage sie nur, weil sie ihn an das Cover seiner Lieblingsplat-te ... Wer? Ich konnte die Antwort nicht verstehen, weil die Band schon wieder so laut spielte, dass Gesprochenes nicht mehr verstehbar war.
"Birdland" füllte nun die Lennox Lounge, was mich nicht nur wieder an die Vogelnestfrisur von Lugners neuer Freundin und die anderen Seitenblicke-Vögel erinnerte, sondern auch daran, dass dieser Klassiker des Jazz von einem Österreicher stammte. Aber ob das hier jemand wusste? Und ob Zawinul Rapidler war? (Franzobel, DER STANDARD, Printausgabe, Dienstag, 29. April 2008)