Ohne Floß nix los!

30. April 2008, 17:00
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Gäbe es die Flößer nicht, würde wohl überhaupt niemand in das Grenzgebiet zwischen Polen und der Slowakei kommen

Die uralten Burgen und den Pieniny Nationalpark sollte man auf der rasanten Fahrt durch die Dunajec-Schlucht nicht einfach vorbeiziehen lassen.

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Viel hört man nicht über das Pieniny-Gebirge. Wahrscheinlich liegt es zu sehr am Rande der touristischen Landschaften Polens, vielleicht zu sehr im Schatten der benachbarten Hohen Tatra. Auch die Tatsache, dass ein Teil des Gebirges bereits 1932 zum Nationalpark erklärt wurde, vermochte den Namen Pieniny nicht bekannter zu machen. Damals wurde hier im Grenzgebiet zwischen Polen und der ehemaligen Tschechoslowakei der erste grenzübergreifende Nationalpark Europas geschaffen, gilt doch das Pieniny-Gebirge als jene Landschaft Europas mit der artenreichsten Pflanzenwelt.

Das von Goralen, den "Gebirgspolen", besiedelte Bergland wäre im internationalen Fremdenverkehr wohl völlig unbekannt, gäbe es da nicht den Dunajec, jenen Nebenfluss der Weichsel, der während einiger Kilometer Gebirgsdurchbruch zum Grenzfluss zwischen Polen und der Slowakei wird und dabei eins der großartigsten Erlebnisse in Polen bietet. Die Touristen kommen aber nicht um das Flusstal, das als eines der schönsten Europas gilt, zu bewundern, sondern um seine Schlucht auf einer kühnen Floßfahrt zu erleben.

Seichter wird's nicht

Der Ruf der Wildnis hat einen Rufnamen: Sromowce Katy nennt sich der Ausgangspunkt der Tour, vor der Gebirgsbarriere des Pieniny liegt er noch an seichten Flussufern, südöstlich vom Czorsztynskie-See. Die eindrucksvolle Burg von Niedzica aus dem 14. Jahrhundert, die nur zwei Kilometer entfernt über dem See thront, hat man dann hoffentlich schon besucht.

Hier also beginnt das Abenteuer, wenn die mit dem Lastwagen von Szczawnica am Ausgang der Dunajec-Schlucht herangeschafften Flöße mit Fahrgästen besetzt sind. Natürlich sind das längst keine aus Baumstämmen zusammengebunden Flöße mehr, so wie früher, als die Goralen das Holz zur Weichsel brachten. Touristen müssen sich heute mit mehreren, untereinander verbundenen, schmalen Booten anfreunden. Und mit der Tatsache, dass sich die Flößer eigentlich nur mehr ihretwillen so bildhübsch aufs Wasser wagen.

Denn noch vor der Schlucht sind es die Flößer selbst, die jetzt unsere Blicke fesseln: Die Burschen mit den flachen schwarzen Filzhüten, überreich bestickten, ärmellosen Westen und weißen Filzhosen warten auf Kundschaft. Jetzt ist ein Floß besetzt, zwei springen auf, ergreifen die langen, schweren Lenkstangen, lassen das Gefährt zu Wasser. Bald treiben wir in einem Pulk von vier oder fünf Flößen hintereinander auf dem noch friedlichen Fluss. Einer der Burschen steht am Heck, der andere am Bug, nur schwerfällig lässt sich die Nussschale dirigieren.

Vor allem im Ausland lebende Polen kommen gern hierher, sie sind es nun, die die Flößer immer wieder anfeuern, das Fahrzeug durch besonders quirliges Wasser zu manövrieren. Der Dunajec nimmt's gelassen, noch fließt er seicht und breit an kleinen Waldstücken vorbei und an Gehöften, wo schnatternde Gänse durch die Wiesen ans Wasser schreiten. Dann ein kleines Dorf, Sromowce Nizne. Eine Handvoll Häuser gibt es hier, einen Greißler und ein Gasthaus, das heute praktisch nur mehr Gäste bewirtet, die über den Dunajec kommen. Eine Bushaltestelle verrät, dass zumindest hin und wieder jemand über die Straße kommt, die hier auf dem polnischen Flussufer endet.

Zwischen Sromowce Nice auf der polnischen und Ceverný Klástor auf der slowakischen Seite beginnt der Durchbruch. Der Fluss, in einer engen Rinne zwischen plötzlich aufgetauchten Felswänden eingezwängt, scheint sich hier befreien zu wollen. Ringsum ein nasses Chaos, das Wasser schießt dahin, prallt gegen Felsen, die sich ihm in den Weg stellen, es dreht sich, schäumt und gischtet.

Die Flößer, bislang äußerst lässig unterwegs, hantieren nun wild mit ihren Stangen, wenn das Floß einen der kleinen Katarakte überquert. Dann weitet sich für einen Augenblick die Schlucht, eine langgezogene Geröllbank liegt vor den Felsen, Fischotter sonnen sich, während hoch oben über dem Buchenwald die Adler kreisen. Ein letztes Mal begehrt der Fluss noch auf, und dann abrupt: Der Natur scheint endgültig der Atem ausgegangen zu sein für dieses Schauspiel. Die Felsen weichen und nach drei Stunden ist mit Szczawnica das Ziel erreicht.

Mündet in Geschichte

Hier muss denn auch die Entscheidung fallen, wie weit man zurückreist - zurück in die Geschichte von Kleinpolen. Der für seine sieben Mineralquellen bekannte Kurort Szczawnica überrascht mit einer Architektur, die teilweise aus den 1840er-Jahren stammt, aber sehr an die Jahrhundertwende danach erinnert. Wer hingegen die Rückfahrt auf trockenem aber durchaus nicht so eindrucksvollem Weg nach Sromowce Katy antritt, hat wohl Lust auf Älteres. Denn die Burg am Czorsztynskie-See am Beginn der Tour war nur der Auftakt zu einer touristisch noch kaum aufbereiteten Weiterreise. Mit den oft nur als Ruinen verbliebenen und weitgehend unbekannten Schlössern, Burgen und befestigten Kirchen nordwestlich vom See führt sie immerhin zurück bis ins 13. Jahrhundert. (Christoph Wendt/DER STANDARD, Printausgabe, 26./27.4.2008)

Link: poleninfo.at

Regen Kontakt pflegt man im Pieniny-Gebirge nicht mit den Nachbarregionen, zumindest nicht über ein öffentliches Verkehrsnetz. Vor Ort ist ein eigenes Auto unerlässlich, wenn man mehrmals die Grenze überquert. Über die gut ausgebaute D1, die Autobahn auf slowakischer Seite (Vignettenpflicht!) erreicht man den Nationalpark von Wien aus in rund sechs Stunden. Zilina, die hübsche slowakische Stadt aus dem 12. Jahrhundert, bietet sich für einen Zwischenstopp auf halber Strecke an. Die letzten 150 Kilometer legt man weitgehend auf der E77 zurück. Englische Informationen zum Nationalpark: pieninypn.pl

Heiter dürfte für die Mitarbeiter der Vereinigung der Pieniny-Flößer selbst das Warten auf Kundschaft sein - der Steg in Sromowce Katy ist wunderschön gelegen. Die Flöße fahren seit dem 1. April noch bis zum 31. Oktober, die Kassen haben in der Hochsaison bis 17 Uhr geöffnet. Ein Ticket für Erwachsene kostet umgerechnet rund 11 Euro, Kinder bis zehn Jahre zahlen die Hälfte. Man wählt zwischen einer 18 und einer 23 Kilometer langen Strecke. Zurück kommt man theoretisch auch mit dem Linienbus, praktisch ist meist nur ein extra zu bezahlendes Taxi verfügbar. flisacy.com.pl

Es scheint so, als hätte man die alte Kurarchitektur nicht auf die neue Hotellerie übertragen können. Pensionen und Privatunterkünfte sind die bessere, günstigere und stilvollere Alternative in der Region. Die meisten Unterkünfte findet man in und um Szczawnica. Als Beispiel wäre die Willa Marta zu nennen, die Zimmer um rund 16 Euro pro Person inklusive Frühstück anbietet. Die Eigenrecherche auf den polnischen Internetseiten fällt schwer, man sollte sich besser an das Polnische Fremdenverkehrsamt wenden: Lerchenfelder Straße 2, 1080 Wien, Tel.: +43-1-524 71 91, E-Mail: wien@pot.gov.pl

  • Unterwegs mit den Pieniny-Flößern.
    foto: polskie stowarzyszenie flisakow pieninskich

    Unterwegs mit den Pieniny-Flößern.

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