Der Mann als "Intensivpatient"

29. April 2008, 16:22
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Mangelnde Vorsorge kostet Lebensjahre - Gesundheit als Hauptthema der 6. Österreichischen Männertagung

Salzburg – Männer sterben in Österreich durchschnittlich um 5,7 Jahre früher als Frauen – dennoch fühlen sie sich gesünder als das weibliche Geschlecht. Die Gründe dafür sind vielfältig, männliche Verhaltensweisen scheinen aber mehr beizutragen als die Genetik. Was dran ist an der These vom "Gesundheitsidioten" Mann, war Thema der Diskussionen bei der 6. Österreichischen Männertagung Ende April im Salzburger Bildungshaus St.Virgil.

Mehr Frauen krank, mehr Männer sterben

Siegfried Meryn von der Medizinischen Universität Wien, seines Zeichens Präsident der internationalen und Vizepräsident der europäischen Gesellschaft für Männergesundheit, nannte als Beispiel für die These vom Vorsorgemuffel den Hautkrebs: Mehr Frauen als Männer erkranken daran – bei den Todesopfern ist das Verhältnis aber umgekehrt. Der einfache Grund laut Meryn: "Frauen gehen viel früher zum Arzt, wenn sie Veränderungen an den Muttermalen feststellen – zu einem Zeitpunkt, an dem man ihnen das Melanom herausschneidet, und sie sind geheilt. Männer kommen erst, wenn sich schon Metastasen gebildet haben."

Cholesterinwert unbekannt

34 Prozent der Männer gehen laut Meryn höchst ungern zum Arzt. Die meisten kennen ihre Gesundheitswerte nicht, etwa den Cholesterinwert; sie wüssten auch nicht, so Meryn, welcher Wert gut sei und welcher schlecht. Dass die kostenlose Vorsorgeuntersuchung kaum genützt wird, ist allerdings kein männerspezifisches Problem – nur neun Prozent der Männer gehen hin, und auch bei den Frauen ist es nur jede zehnte.

Fehlende "Sorge um sich selbst"

Gesundheitssoziologe Christian Scharinger hält wenig von solchen Statistiken: "Gesundheit an Arztbesuchen festzumachen, ist aus meiner Sicht nicht unbedingt sinnvoll." Dennoch sieht auch er ein wesentliches Problem in der mangelnden Aufmerksamkeit, die viele Männer ihrem Körper und ihrer Gesundheit entgegenbringen: "Wir brauchen eine neue Kultur der Sorge um sich selbst", fordert er. Haupthindernis dafür sei, dass Karriere und Beruf zu viele Kapazitäten für sich beanspruchten. Nicht umsonst werden in Umfragen quer über alle Altersgruppen Stress und Zeitdruck als Gesundheitsbelastung Nummer eins genannt.

Soziale Netzwerke von Frauen abhängig

"Die Frage, die überhaupt nicht gestellt wird, ist die nach den Ressourcen, auf die Männer zurückgreifen können", mahnt Scharinger: "Der Männergesundheitsbericht ist in Wirklichkeit ein Männerkrankheitsbericht." Wichtigste Gesundheitsressource für Männer seien Freundschaften – Hauptproblem dabei: Ab einem gewissen Alter seien die sozialen Netzwerke der meisten Männer völlig von ihren Ehefrauen abhängig.

Vier von fünf Alkoholikern sind Männer

Laut dem immer noch aktuellen 1. Österreichischen Männergesundheitsbericht von 2004 sind 68 Prozent aller Personen, die unter 65 Jahren sterben, männlichen Geschlechts. Von den aktuell rund 330.000 chronischen Alkoholikern sind 80 Prozent Männer; 1.200 Männer, aber nur 600 Frauen sterben jährlich an Leberzirrhose. Und: Drei Viertel aller, die Suizid begehen sind Männer. (Suizidversuche dagegen sind unter Frauen häufiger.)

Nachteile in der Genetik

Neben dem Verhalten gebe es aber durchaus auch genetische Gründe für die geringere Lebenserwartung von Männern, sagt Mediziner Meryn: Dass es das X- und das Y-Chromosom im Erbgut von Männern nur je einmal gebe und nicht wie bei Frauen zwei X-Chromosome, führe zu einer Reihe von Problemen; die höhere Sterblichkeit von männlichen Föten und Säuglingen sei damit erklärbar. Insgesamt mache dieser Faktor ein bis eineinhalb Jahre der Differenz in der Lebenserwartung aus.

Unterschiede bei Medikamenten

Genetische Gründe gebe es auch für "klare Unterschiede" in den Wirkungen vieler Medikamente auf die beiden Geschlechter, sagt Meryn: So zum Beispiel biete Aspirin einen gewissen Schutzeffekt vor Herzinfarkt, und zwar bei Männern stärker als bei Frauen; bei Schlaganfall sei es wiederum genau umgekehrt.

"Riesiges Potenzial" für Beratung

Der Organisator der Tagung, Eberhard Siegl vom Salzburger Männerbüro, sieht im Aufruf zu verstärkter Gesundheitsvorsorge "ein riesiges Potenzial" für Männerberatungsstellen. Dabei gehe es vor allem um Lebensstiländerungen bei Ernährung, Alkohol, Bewegung und Rauchen, um Stressreduktion, weniger risikoreiches Verhalten von jungen Männern etwa im Straßenverkehr und darum, bei Problemen schneller zum Arzt zu gehen. Mit einfachen Mitteln könne man hier viel für die Männergesundheit bewegen, sagt Siegl. Und er setzt auch gleich ein ambitioniertes Ziel: In den nächsten zehn Jahre soll versucht werden, die Lebenserwartung von Männern in Österreich von 75,5 auf 80,5 Jahre zu erhöhen. (Markus Peherstorfer, derStandard.at, 28.4.2008)

  • Männermediziner Siegfried Meryn kann ein bis eineinhalb der Differenz der Lebenserwartung von Männern und Frauen mit genetischen Faktoren erklären.
    foto: derstandard.at/peherstorfer

    Männermediziner Siegfried Meryn kann ein bis eineinhalb der Differenz der Lebenserwartung von Männern und Frauen mit genetischen Faktoren erklären.

  • Gesundheitsvorsorge nur an der Anzahl der Arztbesuche ablesen zu wollen, hält Gesundheitssoziologe Christian Scharinger für wenig sinnvoll.
    foto: derstandard.at/peherstorfer

    Gesundheitsvorsorge nur an der Anzahl der Arztbesuche ablesen zu wollen, hält Gesundheitssoziologe Christian Scharinger für wenig sinnvoll.

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