"Unser Ziel war ja, sie abzuschaffen"

28. April 2008, 16:33
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Von Studiengebühren über Gesamtschule: Sozialdemokratie und Bildung verbindet ein inniges, aber auch widersprüchliches Verhältnis - eine Analyse

"Education, education, education". Als der Brite Tony Blair 1996 die Parteifreunde auf den Weg von "New Labor" einschwor – und kurz darauf die Unterhauswahlen gewann – waren diese Worte seine Antwort auf die Frage nach den vorrangigen Zielen der britischen Sozialdemokraten. Die Sozialdemokratie gierte nach Bildung, also "education", um Gleichheit, also "equality", zu verwirklichen. Zwölf Jahre später, am 26. April 2008, fordert Wiens Bürgermeister Michael Häupl auf dem Landesparteitag der SPÖ Wien Ähnliches in ähnlichen Worten. "Die Ausbildung und Bildung unserer Kinder und Jugendlichen ist für die Zukunft dieses Landes von zentraler Bedeutung, und es ist unsere Pflicht jungen Menschen die beste Ausbildung anzubieten".

Die Visionen mussten warten

Tatsächlich werden in Großbritannien, "New Labour" hin oder her, weiterhin zum Teil empfindlich hohe Studiengebühren eingehoben. In Österreich wurden diese, nach einer längeren gebührenfreien Phase, 2001 wieder eingeführt – und auch unter der aktuellen, sozialdemokratisch geführten Regierung, nicht wieder abgeschafft. Und dennoch sind die Rufe der Linken nach mehr Gleichheit und mehr Bildung nicht verstummt

Ein zwiespältiges und doch inniges Verhältnis also, das Sozialdemokratie und Bildung verbindet – zwiespältig und innig genug, um ein Buch darüber zu schreiben. "Social Democracy and Education – The European Experience", ein Gemeinschaftswerk sozialdemokratischer Thinktanks in Deutschland, Österreich und den Niederlanden. Bildung und Sozialdemokratie – da lässt sich also ein ganzes Buch darüber schreiben?

Bildung an der Wurzel

"Eindeutig ja", meint Karl Duffek, Leiter des österreichischen Karl Renner Instituts und Mitherausgeber des Bandes, zu derStandard.at. "Gerade die österreichische Sozialdemokratie ist in den 1880er Jahren aus den Arbeiterbildungsvereinen hervorgegangen - An der Wurzel der Sozialdemokratie stand also schon die Bildungsthematik." Wie ein roter Faden zieht sich die Forderung nach gleichen Bildungschancen für alle durch linke Schul- und Universitätspolitik - nicht nur in Österreich.

Wie sehr ist diese Forderung in Österreich bereits verwirklicht? "Das ist in unterschiedlichen Bereichen unterschiedlich gut gelungen", resümiert Duffek. Jedenfalls: "Die Entscheidung in der Kreisky-Ära, keinerlei finanzielle Barrieren für den Zugang zu höherer Bildung zu schaffen, war eine absolut richtige Entscheidung". Drei Bereiche seien noch verbesserungswürdig: Die fehlende Frühkindförderung, die hohe Differenzierung des Schulsystems und das Feld des Lebenslangen Lernens und der Weiterbildung. "Es ist kein Zufall", so Duffek, "dass im sozialdemokratischen Wahlprogramm diese Bereiche so einen hohen Stellenwert haben."

Verfahrende Situation

Und dennoch: Trotz Wiedererklimmens des Kanzlersessels durch die Sozialdemokraten mit Alfred Gusenbauer bleiben die Ideale teilweise Träume. Wie sehr kratzt die Existenz von Studiengebühren am Selbstverständnis?

"Unser Ziel war ja, sie abzuschaffen", so Duffek. Bei Teilen der Volkspartei gebe es in bildungspolitischen Fragen "aus nicht nachvollziehbaren Gründen" eine unglaubliche Blockadehaltung. "Der Rolladen fährt hinunter, und aus". Duffek sieht allerdings keine verratenen Ideale, sondern nur temporäre Hürden: "Für uns ist das Ziel nach wie vor klar – wir wollen die Abschaffung. Aber es geht halt im Moment nicht."

Wo die österreichische Sozialdemokratie sich im Schulbereich hinbewegt, ist offensichtlich: Die Gesamtschule ist das Ziel. An den Universitäten, auch unter den Studierenden, scheint derweil eine gewisse Resignation vorzuherrschen, was die Unipolitik angeht. Die StudentInnen sind demo-müde geworden.

Kein linkes Bollwerk

"Ein linkes Bollwerk waren die Unis nie", betont Duffek. Und dennoch haben Demonstrationen gegen Zugangsbeschränkungen und Studiengebühren früher weit mehr Studierende auf die Straße gelockt. "Ein Hauptgrund ist der wesentlich zweckorientiertere Zugang zum Studium", meint Duffek. Auch die Gebühren würden ihren Teil dazu beitragen. "Früher gab es kritische Auseinandersetzung, Kritik an Lehrinhalten. Die Uni als Feld gesellschaftlicher Auseinandersetzung verschwindet."

Wie sieht der linke Ansatz bei Zugangsbeschränkungen aus? "Wir haben zu wenig AbsolventInnen und zu wenig Leute an den Unis. In diesem Zusammenhang halte ich es für wahnsinnig, den Zugang beschränken zu wollen". Duffek kritisiert außerdem die jahrelange Unterdotierung der Universitäten. "Unser Zugang ist hier, einfach mehr Geld hineinzustecken – denn wie schaffen es andere Länder?"

Zwei-Drittel-Mehrheit

Der Sammelband nennt auch acht Fehler der sozialdemokratischen Bildungspolitik, darunter etwa das zu starke Haften an staatlichen Bildungsinstitutionen. Was war in Österreich der "Kardinalfehler" der Bildungspolitik im 20. Jahrhundert? "Ich glaube, dass ein entscheidender Fehler gemacht wurde – dass nämlich die gemeinsame Dominanz der Großparteien so lange aufrechterhalten wurde", so Duffek. Im Bildungsbereich hat das zur "berüchtigten" Zwei-Drittel-Mehrheit geführt. "Die ich persönlich schon viel früher abgeschafft hätte", betont der Experte. Erst dadurch sei nämlich eine neue Dynamik in den Bildungssektor gekommen. "Die Angst vor politischen Debatten, die Angst vor politischem Wechsel hat da wohl dominiert". (Anita Zielina, derStandard.at, 28.4.2008)

  • Info
Social Democracy and Education
The European Experience
Frans Becker, Karl Duffek, Tobias Mörschel (Eds.)
Amsterdam: Mets & Schilt
2008
268 Seiten
ISBN 978-90-5330-596-6
€ 28,–

    Info
    Social Democracy and Education
    The European Experience
    Frans Becker, Karl Duffek, Tobias Mörschel (Eds.)
    Amsterdam: Mets & Schilt
    2008
    268 Seiten
    ISBN 978-90-5330-596-6
    € 28,–

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