"Ich bin ein Gegner dieses Systems"

28. April 2008, 10:27
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Der Industrielle Georg Kapsch, Obmann der FH Technikum Wien, will sich mit dem Bachelor nicht anfreunden - Ein Interview

Standard: Wie kam es zu Ihrem Engagement für die FH Technikum?

Kapsch: Ich bin Stellvertretender Vorsteher des Fachverbands der Elektroindustrie, des Trägers des Technikum Wien. Über den Verband wurde ich gefragt, ob ich die Obmannfunktion übernehme, und da ich der Bildungspolitik sehr zugeneigt bin - ich beschäftige mich damit seit mehr als 20 Jahren bei der Industriellenvereinigung - dachte ich, das ist etwas, wo ich auch ein bisschen in der Praxis mithelfen kann. Ich habe immer für die FHs gekämpft. Die gab es in Deutschland schon lange, aber Österreich hat sich bis 1993 gewehrt.

Standard: Sie setzen sich also umfassend mit der Funktion auseinander?

Kapsch: Ich sehe eine volkswirtschaftliche und sozialpolitische Verantwortung für Unternehmer. Wir sind nicht nur da, um Betriebe optimal zu führen, sondern um einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. Wir gehören zu denen, die etwas bewegen können. Deswegen habe ich diese Verantwortung übernommen.

Standard: Können die FHs heute mit den Universitäten mithalten?

Kapsch: Nun, ich möchte nicht sagen, es ist das eine oder das andere System besser. Die Uni hat den theoretischen Teil wesentlich stärker ausgebaut als die FH. Diese hat wiederum den Vorteil der Kleinheit, was auch bedeutet, dass sich Lehrende mehr um die Studierenden kümmern können - ein entscheidender Vorteil.

Standard: Durch die Bologna-Umstellung rücken die Systeme zusammen. Was bleibt typisch für die FHs?

Kapsch: Die Unis haben in der Vergangenheit versucht, die besseren FHs zu werden, anstatt sich auf das zu konzentrieren, was sie tun sollen: eine breite theoretische Ausbildung zu geben und die Wissenschaft zu forcieren. Andererseits wollten die FHs in die Wissenschaft eindringen. Das Bologna-System hat die Durchlässigkeit erhöht, wurde aber nicht eingeführt, um Unis und FHs einander näher zu bringen. Der Bachelor, da muss man ehrlich sein, wurde eingeführt, um die Akademikerquote auf dem Papier zu erhöhen! Ich bin ein absoluter Gegner dieses Systems. Ich halte es nicht für besonders klug, aber es ist eben eingeführt worden und wird so bald nicht verschwinden. Das ist ein Halbbildungssystem, sonst nichts.

Standard: Harte Worte. Sie empfehlen allen Studierenden den Master?

Kapsch: Ja natürlich, sicher!

Standard: Die Politik bewarb die Umstellung so, dass man nach drei Jahren sehr gut in der Wirtschaft unterkommt und später zurückkehrt, um die Praxis theoretisch zu unterfüttern. Können Sie damit nichts anfangen?

Kapsch: Doch, schon. Nur: Mir ist ein Master lieber als ein Bachelor.

Standard: Das Wifo belegt, dass sich jedes Bildungsjahr direkt auf das Gehalt auswirkt - das kommt Ihnen entgegen. Wird die Politik daraus lernen?

Kapsch: Nein, das glaube ich nicht.

Standard: FH-Absolventen setzen bei Gehaltsforderungen angeblich oft zu hoch an. Können Sie das bestätigen?

Kapsch: Die FHs machen oft den Fehler zu sagen: Wenn ihr bei uns studiert, kriegt ihr mit Sicherheit einen Job. Das ist Unfug, denn das hängt immer von der Marktlage ab und von der Qualifikation des Einzelnen, fachlich wie persönlich. Es gibt ein finanzielles Marktniveau, dem man als Unternehmer entsprechen muss, sonst bekommt man keine guten Leute. Dass manche die Vorstellung haben, sie kommen aus der FH und sind für eine Managementfunktion geeignet, stimmt schon. Die sollte man vielleicht in der Ausbildung darauf hinweisen, dass ein Studium die Basis ist, auf der die Praxis aufbaut.

Standard: Wie wichtig ist das Berufspraktikum während des Studiums?

Kapsch: Es ist gut, weil die Studenten so recht schnell in der Realität ankommen. Wenn das jemand macht, kann er sich leichter entscheiden, welchen Weg er gehen will: in die Wissenschaft oder in die Praxis? Was ich für schlecht halte, ist, dass Studenten zu Assistenten, Dozenten, Professoren werden, ohne jemals irgendwo "draußen" gewesen zu sein.

Standard: Sie meinen, man kann die Dinge einfach besser analysieren, die man selbst erlebt und durchläuft ... ?

Kapsch: Ja. Wenn Menschen nur lernen und dann nur lehren, verlieren Sie den Bezug zur Umsetzung.

Standard: Themenwechsel: Die technischen Studiengänge haben zu wenig Absolventen, die Industrie hat Probleme, Fachkräfte zu bekommen. Wie lässt sich dieser Missstand ändern?

Kapsch: Wir können Techniker nur durch Aus- und Weiterbildung kriegen - sowie durch Zuwanderung. Ersteres funktioniert, wenn wir die Mentalität ändern und Menschen ab dem Kindesalter für Technik begeistern, Mädchen wie Burschen. Und um den Technikermangel derweil etwas zu kompensieren, kommen wir zur Zuwanderung. Wir brauchen rund 20.000 bis 40.000 Personen im Jahr.

Standard: Die aber die Politik nicht bewilligt. Wie gehen Sie damit um?

Kapsch: Es ist extrem schwierig. Wir versuchen halt, Menschen hierher zu bringen. Und wenn das nicht geht, dann haben wir unsere Tochtergesellschaften in anderen Ländern, wo wir die Leute aufnehmen.

Standard: Die wahre Standortgefährdung passiert also genau dann, wenn man Zuwanderung nicht zulässt?

Kapsch: Ja. Das ist meine tiefe Überzeugung.

Standard: Sonst drohen Unternehmer ja eher wegen hoher, geschäftsgefährdender Lohnnebenkosten und Einkommensteuern mit einer Standortverlegung. Ist die Gefahr, dass man Zuwanderung nicht zulässt, dem ebenbürtig?

Kapsch: Ich glaube, die ist größer. (DER STANDARD-Printausgabe, 27.4.2008)

Zur Person

Georg Kapsch ist Vorstandsvorsitzender der Kapsch AG und leitet den Ausschuss für Gesellschaftspolitik in der Industriellenvereinigung. Er ist Absolvent der Wirtschaftsuniversität Wien.

  • Georg Kapsch: "Mit dem Bachelor wurde die Akademikerquote nur auf dem Papier erhöht!"
    foto: standard/urban

    Georg Kapsch: "Mit dem Bachelor wurde die Akademikerquote nur auf dem Papier erhöht!"

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