Schilderwald

9. April 2008, 19:00
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Der Knabe hatte ein selbst gemaltes Plakat in der Hand und hielt es den Autos wie ein Streckenposten entgegen

Es war vorletzte Woche. Und A. wollte dann ohnehin umdrehen. Aber mitten auf der Straße kommt das erstens nicht so sympathisch. Und außerdem hatte keiner von uns ein Photohandy mit. Und: nur weil wir zu langsam geschaltet hatten, und nicht auf die Hupe gedrückt hatten, hätte es ich dann doch nicht ausgezahlt, den Stau in der Kaiserstraße zu vergrößern.

Aber ein bisserl geärgert haben wir uns dann eben doch. Schließlich hätte es sich der Knabe an der Straßenbahnhaltestelle verdient, ein bisserl akustische Anerkennung zu bekommen. Zum einen wegen seiner Frisur: A. und ich meinten, der Jugendliche habe ausgesehen wie Limahl. Oder wie eine Kreuzung aus dem jungen Robert Smith und Amy Winehouse mit ein paar tausend Volt in den Haaren.

Bill

Aber von hinten, aus dem Fond, erklärte meine 13-jährige Nichte, wer oder was da gerade den Haltestellen-Streckenposten gegeben hatte: "Oh mein Gott, noch so ein Bill-Verschnitt!" Ob L. Tokyo Hotel nun mag oder nicht, habe ich allerdings noch immer nicht ganz durchschaut.

Egal. Denn allein die Frisur des Knaben an der Haltestelle wäre für uns noch kein Grund gewesen, zu hupen. Und schon gar keine Aufforderung. Aber der Knabe hatte ein Schild in der Hand. Genauer: Einen Bogen Zeichenpapier. Auf dem stand "Hupe, wenn du geil bist!" Und mit dieser Botschaft bewaffnet, stand er in wunderschöner Streckenpostenmanier in der Station und hielt es den vorbeifahrenden Fahrzeugen entgegen.

Öffentliches Dauerhupen

Niemand hupte. Vermutlich, meinte A., weil die Nachricht doch eine Spur zu persönlich war. Aber um der Idee willen, fand sie, hätte es sich eigentlich wirklich gehört, zumindest ganz ganz kurz Laut zu geben: Wenn wir das fröhliche öffentliche Dauerhupen schon den türkischen Hochzeitskonvois überlassen, könne man doch zumindest einem übereifrigen Pubertel bei der Bim eine kleine Freude machen, meinte A. Aber – wie gesagt – es war schon zu spät.

Das mit dem instrumentalisierten Hupen, erklärte L.s Vater gleich darauf aus dem Fond, sei aber ausbaufähig. Auch, um dem Hupen seine Grantfunktion zu nehmen: Erst unlängst habe er von dem Transparent gehört oder gelesen, mit dem Rad-Aktivisten von Critical Mass den Autofahrerzorn zur Liebeserklärung ummünzen: "Wenn ihr Radfahrer mögt, dann hupt." Besser, meinte mein Bruder, könne man Wut nur schwer in die Sackgasse schicken. Oder – ganz im Sinne asiatischer Kampfkünste – sich selbst außer Gefecht setzen lassen.

Stoppschild

Wir waren noch nicht viel weiter gekommen, als uns das nächste Schild ins Auge sprang. Ein Stoppschild – allerdings hatte das eine Erweiterungsplakette bekommen: unter dem "Stopp" stand – in fast derselben Schrift "Driving". Und das, was auf den ersten Blick wie ein fetter Strich unter dem einen Wort wirkte, entpuppte sich auf den zweiten Blick als alternative Handlungsanweisung: "Start walking oder cycling. Or use public transport."

Nett, waren wir uns einig – und ärgerten uns jetzt wirklich, kein Photohandy dabei zu haben. Zu recht: Als ich am nächsten Tag (mit dem Rad – man lässt sich ja belehren) zu dem Stoppschild fuhr, war der Zusatzaufkleber schon weg. Aber als ich an der Straßenbahnhaltestelle des Knaben mit dem Plakat vorbeifuhr, klingelte ich. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 28. April 2008)

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