Nächstenliebe als Gesellschaftskitt

27. April 2008, 18:46
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Italiens Innenminister Amato gegen Soziologen Giddens, Giddens gegen Gusenbauer, Gusenbauer gegen Amato: Die Fronten verliefen im Burgtheater kreuz und quer

In der vierten "Reden über Europa"-Veranstaltung stand zur Debatte, was denn eine Gesellschaft zusammenhält. Die Aussagen reichten von der Mittelschicht bis zur Religion.

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Wien - "Gesellschaften haben ihre Identität immer darüber bestimmt, wer ihre Feinde waren", setzte der Soziologe Antony Giddens bei der Debatte "What holds a Society together" am Sonntag im Burgtheater an. Seitdem es keine klassischen Kriege in Europa und Nordamerika mehr gebe, sei damit Schluss. In einer modernen multikulturellen Gesellschaft gehe es darum, neue Spielregeln zu finden, an die sich alle halten. "Also muss auch Einwanderern klargemacht werden, dass sie nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten haben", forderte Giddens.

"Das mag sein", erwiderte der scheidende italienische Innenministers Giuliano Amato. "Aber wie soll ich das 20 Einwanderern erklären, die in einem kleinen, heruntergekommenen Zimmer leben und dafür pro Kopf 200 Euro Miete zahlen? Wie propagiere ich die Regeln, an die sich auch meine Landsleute nicht halten?"

Kreuz und quer

Amato gegen Giddens, Politiker gegen Wissenschafter, aber auch Giddens gegen Gusenbauer und Gusenbauer gegen Amato: Kreuz und quer verliefen die Fronten bei der vierten Diskussion in der Reihe Reden über Europa am Freitag. Mit Amato und Giddens diskutierten im gut gefüllten Theater Bundeskanzler Alfred Gusenbauer und die Harvard-Professorin Jennifer L. Hochschild.

Moderator Krzysztof Michalski vom Institut für die Wissenschaften vom Menschen fragte zu Beginn, was in modernen demokratischen Gesellschaften Solidarität schaffen kann. Gestritten wurde dann über weite Strecken über den richtigen Umgang mit Migranten - also darüber, wie sich denn Solidarität in Gesellschaften mit so vielen verschiedenen Identitäten schaffen lasse.

Wer ist Österreicher?

Gusenbauer schlug drei "Diskussionsebenen" vor: Die Politik müsse interkulturellen Dialog fördern und soziale Kohärenz schaffen. Schließlich müssten sich alle Mitglieder einer Gesellschaft an das geltende Recht halten.

Nach Ansicht der meisten Österreicher mache das Migranten aber noch lange nicht zu gleichberechtigten Mitgliedern der Gesellschaft, warf Hochschild ein und belegte das mit einer OECD-Umfrage. Demnach ist für die Mehrzahl der Österreicher ein Österreicher, wer hier geboren ist oder die Staatsbürgerschaft bekommen hat. Erst an dritter Stelle (und für nur 40 Prozent der Befragten) bedeute Österreicher zu sein, sich an die Gesetze und Regeln des Landes zu halten. Im europäischen Vergleich spielten Geburt und Staatsbürgerschaft nur noch in Irland eine ähnlich große Rolle, sagte Hochschild.

Der politische Spielraum für Integrationsstrategien bewegt sich für Hochschild zwischen dem französischen und den US-amerikanischem Ansatz. In Frankreich versuche sich der Staat blind gegenüber Minderheiten zu stellen. Es solle keine Benachteiligungen geben, aber auch keine Förderungen. In Frankreich dürfe der Staat nicht einmal nach der ethnischen Zugehörigkeit fragen. In den USA gebe es dagegen positive Diskriminierung an Universitäten und Wirtschaftshilfe für afroamerikanische Unternehmer. Das französische Modell sei gescheitert, sagte Hochschild, dass würden die Unruhen in den Pariser Vorstädten belegen. Das US-System bringe gemischte Ergebnisse: "Es ist uns gelungen, eine schwarze Mittelklasse zu schaffen. Zugleich fragen sich aber immer mehr Menschen, warum sie für die Verbrechen der Sklaverei bezahlen sollen."

Unabhängigkeitsbestrebungen

Giddens, der ehemalige Leiter der renommierten London School of Economics, lenkte die Debatte dann auf einen ganz anderen Aspekt. Die größte Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt seien nicht die durch Einwanderung ausgelösten Konflikte, sondern die Unabhängigkeitsbestrebungen zahlloser nationaler Minderheiten wie in Schottland und am Balkan. Seine Gegenstrategie: Innerhalb der Gesellschaft müsse ein Kosmopolitismus entwickelt werden, der den Separatisten das Wasser abgräbt.

Nationale Unabhängigkeitsbewegungen seien nicht die größte Bedrohung, widersprach aber Gusenbauer. "Die friedliche Teilung der Tschechoslowakei war kein Desaster", sagte der Kanzler. Und genau hier hielt auch die Europä-ische Union erstmals Einzug in die Debatte. "Wir haben in Europa inzwischen Institutionen und Mechanismen entwickelt, um auch mit Separationsbewegungen friedlich umzugehen."

Wo sind die Grenzen?

"Aber wo ziehen Sie die Grenze?", fragte Giddens. "Würden Sie auch noch sagen, Separatistenbewegungen sind nicht das Problem, wenn die Teilung Italiens zur Debatte steht?"

Amato sah den Zusammenhalt der Gesellschaft noch durch etwas anderes gefährdet: ausgerechnet durch Freiheit und Individualität, also jene Kräfte, die als Triebkräfte bei der Entstehung der Demokratien fungierten. Die Ausdehnung marktwirtschaftlicher Mechanismen in alle Gesellschaftssphären führe dazu, dass immer mehr Menschen ihre eigene Freiheit betonen und aber die Rechte anderer ignorierten. "Wenn wir das nicht aufhalten, könnte unsere Gesellschaft auseinanderbrechen", warnte Amato. Einig waren sich schließlich alle auf dem Podium, dass der Wohlfahrtsstaat eine zentrale Integrationsfunktion erfüllen kann.

Daher propagierte Gusenbauer vor allem eine Stärkung der Mittelschicht: "Es ist die Mittelschicht, die Gesellschaften zusammenhält. Wo immer wir die Zerstörung einer Gesellschaft beobachten konnten, begann diese Entwicklung mit der Schwächung der Mittelschicht." Die Mittelklasse dürfe nicht nur das Gefühl haben, den Staat aufrechtzuerhalten, sie müsse auch etwas zurückbekommen.

Mehr Ehrlichkeit

Bei der Zukunft des Sozialstaates war Migration auch für Giddens ein zentrales Thema. Der europäische Wohlfahrtsstaat basiere auf der Idee der Homogenität, sagte er. Ähnliche Menschen, die ähnlichen Gefahren ausgesetzt seien und daher bereit sind, den Sozialstaat mitzufinanzieren. Aber was, wenn die Homogenität verlorengeht? In diesem Zusammenhang plädierte er für mehr Ehrlichkeit: "Gesellschaften profitieren von Einwanderung. Aber es gibt auch Verlierer. Auf lokaler Ebene kann Migration sehr wohl zu einem Absinken der Löhne führen."

Gegen Ende der Debatte erhielt schließlich die Religion eine Rolle. Religion spiele für den Zusammenhalt von Gesellschaften eine immer geringere Rolle, sagte Gusenbauer. Das bestritt Amato und verwies auf Nächstenliebe. "Es gibt säkulare Prinzipien, die den Zusammenhalt fördern können. Aber es gibt kein säkulares Prinzip, das uns sagt, andere zu lieben." Und das sei eine immense Kraft. (András Szigetvari, DER STANDARD, Printausgabe 28.4.2008)

Reden über Europa:

Die vierteilige Veranstaltungsreihe fand auf Initiative der Allianz Kulturstiftung in Zusammenarbeit mit dem Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM), Tanzquartier Wien, Burgtheater und dem Standard statt.

  • "Reden über Europa" fand am Sonntag erneut großen Publikumszuspruch im Burgtheater.
    foto: cremer

    "Reden über Europa" fand am Sonntag erneut großen Publikumszuspruch im Burgtheater.

  • Jennifer L. Hochschild: "Es ist uns gelungen, eine schwarze Mittelschicht zu schaffen. Zugleich fragen sich viele: Warum soll ich für die Verbrechen der Sklaverei bezahlen?"
    foto: cremer

    Jennifer L. Hochschild: "Es ist uns gelungen, eine schwarze Mittelschicht zu schaffen. Zugleich fragen sich viele: Warum soll ich für die Verbrechen der Sklaverei bezahlen?"

  • Anthony Giddens: "Gesellschaften profitieren von Einwanderung. Aber es gibt auch Verlierer. Auf lokaler Ebene kann Migration zu einem Absinken der Löhne führen."
    foto: cremer

    Anthony Giddens: "Gesellschaften profitieren von Einwanderung. Aber es gibt auch Verlierer. Auf lokaler Ebene kann Migration zu einem Absinken der Löhne führen."

  • Giuliano Amato: "Es gibt säkulare Prinzipien, die den Zusammenhalt in der Gesellschaft fördern können. Aber es gibt kein säkulares Prinzip, das uns sagt, andere zu lieben."
    foto: cremer

    Giuliano Amato: "Es gibt säkulare Prinzipien, die den Zusammenhalt in der Gesellschaft fördern können. Aber es gibt kein säkulares Prinzip, das uns sagt, andere zu lieben."

  • Alfred Gusenbauer: "Es ist die Mittelschicht, die Gesellschaften zusammenhält. Die Zerstörung der Gesellschaft beginnt mit der Schwächung der Mittelschicht."
    foto: cremer

    Alfred Gusenbauer: "Es ist die Mittelschicht, die Gesellschaften zusammenhält. Die Zerstörung der Gesellschaft beginnt mit der Schwächung der Mittelschicht."

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