Auf den Spuren vergessener Gespenster

27. April 2008, 18:28
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Am Sonntag ging in Linz das Festival zu Ende - den Crossing Europe Award bekam die Französin Isild Le Besco für ihr Drama "Charly" zugesprochen

Linz - Die Katastrophe tritt vom Rand her ins Bild, anfangs als Rinnsal, Augenblicke später hat die Sturmflut den gesamten Strand erobert. Verzweifelt klammert sich eine Gruppe in den Fluten aneinander, der Regen und die Nacht machen es umöglich, das Ufer auch nur zu erahnen. Im Februar 2004 ertrinken 23 illegale Arbeitsmigranten aus China bei der Muschelernte im Nordwesten Englands. In Ghosts stellt Nick Broomfield deren Schicksal an Originalschauplätzen mit Laiendarstellern nach. Der Rassismus der britischen Muschelfischer, so rekonstruiert es der Film, zwang die Migranten, sich nachts bei verheerendem Wetter zu weit hinauszuwagen.

Auf dem gestern zu Ende gegangenen Filmfestival Crossing Europe in Linz lief Ghosts im Sonderprogramm "Arbeitswelten". Einer von mehreren Filmen, die sich mit der Darstellung von Migrantenschicksalen, riskanten Grenzübertretungen, der Problematisierung der Sicht auf den Fremden und der Perspektive der Heimatlosen auf Europa beschäftigen. Geister sind bei Broomfield nicht nur die Migranten ohne Aufenthaltsrecht, auf deren Ausbeutung die Nahrungsmittelindustrie in England beruht. In den Augen der Chinesen sind umgekehrt auch alle Weißen nichts als blasse Schemen, Untote.

Auf die Spuren vergessener Gespenster begibt sich auch Philip Scheffners dokumentarischer Essay The Halfmoon Files, der dem Schicksal britischer Kolonialsoldaten in deutscher Kriegsgefangenschaft nachspürt. Weniger als feindliche Truppen denn als fremdartiges Studienobjekt behandelt, wurden indische Gefangene im Ersten Weltkrieg unter Anleitung von Ethnologen und Linguisten einem rigiden Programm der Vermessung, Registrierung und Aufzeichnung unterworfen. Eine in Schellack gepresste Sprachaufnahme von 1916 ist Ausgangspunkt des Films, der sich vom Faszinationspotenzial technischer Medien, die um die Jahrhundertwende immer auch als okkulte Medien, als Portale ins Jenseitige, verstanden wurden, anleiten lässt. Allerdings findet er seine Geister nicht auf Séancen in verrauchten Hinterzimmern, sondern in den Archiven von Humanwissenschaft und Geschichtsschreibung.

Die Dramaturgie der Verknüpfung von Verschiedenartigem, auf der Scheffners Film beruht, ließ sich in Linz öfters beobachten. Die Bewegung der meist ortlosen Figuren artikulierte sich in Grenzübertretungen der Filmgenres selbst. So beginnt Andalucía des senegalesisch-französischen Filmemachers Alain Gomis als lose sozialrealistische Studie über einen Sozialarbeiter algerischer Herkunft, der auf der Suche nach Frieden mit seinen inneren Dämonen schließlich den Weg ins spanische Toledo findet, um in eine Art surreal-messianistische Erlösungsgeschichte überzugehen.

Löchrige Grenzen

So lässt Marco Simon Puccioni in seinem Wettbewerbs-Beitrag Riparo einen Flüchtling aus Marokko eher unfreiwillig das scheinbar gefestigte Paarverhältnis zwischen einer Industriellen-Tochter und ihrer Angestellten auf die Probe stellen und überkreuzt so gleich mehrere (soziale, erotische, ethnische) Differenzen miteinander. Auf der anderen Seite standen dieses Jahr in Linz Filme, in denen der Versuch, löchrig gewordene Grenzen mit allen Mitteln aufrechtzuerhalten, zu - meist männlich konnotierten - Gewaltexzessen führt. Der Spielfilm This is England von Shane Meadows zeichnet das Auseinanderdriften der Skinhead-Bewegung zur Thatcher-Zeit in einen jugendrebellischen Strang und in rassistisch-nationalistsche Prügelbanden nach.

In Corrections von Thanos Anastopoulos sucht ein haftentlassener Ex-Hooligan in Griechenland nach Versöhnung mit der Familie eines seiner Opfer. Thomas Heises mittlerweile sechzehn Jahre alte Dokumentation Stau - Jetzt geht's los! liefert ein so kenntnisreiches wie reflektiertes Porträt der Rechtsradikalen in Halle/Neustadt kurz nach der Wende. Frontière(s) von Xavier Gens verbindet alle diese Motive des Durch- und Überquerens, dem zwanghaften Ausschluss und der Gewalt, um sie ins Burlesk-Grausige zu wenden. Der Film eröffnet mit Straßenkämpfen und brennenden Autos in den Pariser Banlieues, die eine kritische Milieustudie erwarten lassen, um rasch in eine krude Splatterstory mit Nazi-Trash-Einlagen zu münden.

In der Sektion Europäischer Wettbewerb wurde der von "Linz - 2009 Kulturhauptstadt Europas" gestiftete Crossing Europe Award an Charly von Isild Le Besco verliehen. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert. Die französische Filmemacherin bekam damit nach 2005 bereits zum zweiten Mal den Hauptpreis des Festivals zuerkannt. 2009 wird das Festival, das heuer rund 16.000 Besucher zählte (2007: 13.000), um einen Tag verlängert, von 20. bis 26. April stattfinden. (Dietmar Kammerer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28. 4. 2008)

  • "Ghosts" von Nick Broomfield rekonstruiert beim Filmfestival Crossing Europe die wahre Geschichte von 23 ertrunkenen chinesischen Arbeitsmigranten.
    foto: magdalena blaszczuk

    "Ghosts" von Nick Broomfield rekonstruiert beim Filmfestival Crossing Europe die wahre Geschichte von 23 ertrunkenen chinesischen Arbeitsmigranten.

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