Elektrifizierende Zeiten

26. April 2008, 18:00
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Rund ein Viertel der Weltbevölkerung, das sind 1,6 Milliarden Menschen, leben noch immer ohne Strom - In Bhutan kommt der Strom jetzt in die Dörfer

Von Andreas J. Obrecht

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Vier Tage waren lang waren wir 1991 in der Provinz Chambu in Papua-Neuguinea schon unterwegs, von Streusiedlung zu Streusiedlung. Mühevoll ist der Weg für Menschen, die aus der industrialisierten Welt kommen. Wir müssen im Freien campieren, der Weg zur nächsten Siedlung ist weit. Ein großes Feuer wird entfacht, wir essen Süßkartoffeln mit wilden Vogeleiern und gegorenen Sagopalmmaden. Dann bricht die tropische Nacht herein. Ich rekle mich in meinem Schlafsack, für mich ist der gefahrvolle Teil der heutigen Reise überstanden - für meine Begleiter beginnt dieser gerade erst.

Die Nacht und deren Schatten wird sie kaum schlafen lassen. Für mich bietet die Nähe zum Feuer hinreichend Schutz vor Schlangen und anderem lästigen Getier. Meine papuanischen Begleiter sitzen angespannt um das Lager, plaudern mit gedämpften Stimmen, haben ab und an beschwörende Formeln auf den Lippen. Für sie ist der Wald des Nachts beseelt, bevölkert von unzähligen Wesenheiten, Geistern und Kobolden. Sie können eine ernste Bedrohung für Körper und Seele darstellen und wollen rituell besänftigt werden. Erst wenn die Schreie der Tiere vor dem Morgengrauen verstummen, entspannt sich die Situation und meine Begleiter dösen in den beginnenden Tag hinein.

Seitdem Menschen Feuer hüten, wird die Nacht besänftigt. Erst die industrialisierte Welt hat die Dunkelheit radikal domestiziert. Mit der Elektrifizierung der Dörfer und Städte, mit der Ausleuchtung dessen, was vorher im Dunkeln lag, reduzierte sich neben dem Glauben an Gott auch jener an den Teufel, an Geister und seelenwandernde Tote. Die artifizielle Verlängerung des Tages korrespondiert mit den wirtschaftlichen und technologischen Beschleunigungen im Zuge der Industriellen Revolution.

Das Ticken der Weltzeit

Nicht mehr Tag und Nacht, soziale Ereignisse, Ernte- und Jagdzyklen strukturieren die Bewegungen der Menschen, sondern das Ticken der Weltzeit, die ein lückenloses Koordinatensystem spannt, innerhalb dessen sich Effizienz, Präzision und Koordination komplexer Handlungsabläufe realisieren lassen. In nichtelektrifizierten Gesellschaften sind Tag und Nacht nicht zwei Seiten eines Phänomens, einer "Zeit", sondern voneinander unterschiedliche Welten. In der Dunkelwelt begegnen dem Menschen andere Ereignisse, Gedanken, Wesen als in der Lichtwelt; die Gesetze, Bewegungen, Erklärungen und rituellen Absicherungen der einen Welt sind auf die andere nicht übertragbar.

Der Griff zum Lichtschalter ist eine Selbstverständlichkeit. Die Nacht tritt uns nur bedingt als eigener Lebens-, Denk- und Empfindungsbereich gegenüber, und die Städte erstrahlen auch nachts in gleißendem Licht, das aus Millionen Kilometern Entfernung besehen die Nachtseite unseres Planeten mit Lichtermeeren schmückt.

Dramatische Wende

Doch diese Selbstverständlichkeit trügt: Noch immer leben 1,6 Milliarden Menschen - rund ein Viertel der Weltbevölkerung - ohne Strom und ohne jederzeit aktivierbare Lichtquelle. Der Siegeszug des zeitunabhängigen Lichts, das unlimitierte Produktivität ermöglicht und die Rationalität des tätigen Menschen über jene der "Natur" oder "metaphysischer Wesen" zu stellen scheint, ist begrenzt. Verfügen die Papuas aufgrund des Ressourcenreichtums und geringer Besiedelungsdichte über genug Holz und Biomasse, um das Feuer zu ihrem ständigen Begleiter zu machen, so mehren sich jene Gebiete auf unserem Planeten, wo Abholzung, Desertifikation und Bevölkerungsdruck zu einer dramatischen Situation führen: Konnten diese Engpässe früher noch durch saisonale Wanderungen oder Migrationen ausgeglichen werden, so fehlt heute mitunter die nötige Biomasse für die Nahrungszubereitung, geschweige denn für die Befriedung der Nacht.

In der Stadtanthropologie gibt es den Begriff des "Bright Light": Das strahlende Licht der Städte ist einer der wesentlichen Gründe für die nach wie vor ungebrochen hohen jährlichen Zuwachsraten von bis zu 7 bis 10 Prozent in den Städten der sogenannten "Dritten Welt". Untersuchungen haben gezeigt, dass nicht in erster Linie "rationale" Erwägungen - Jobs, Bildungsmöglichkeiten usw. -, sondern die sinnliche Attraktivität der Städte die hohen Migrationsraten bedingen - trotz der damit verbundenen Risken, wie etwa Verslumung oder Kriminalität.

Lesen Sie weiter: Strom bedeutet mehr Hygiene

Provinz Pema Gyatsel, 2007: Das Königreich Bhutan ist nicht nur das einzige Land der Welt, in dem Demokratisierungsschritte per königlichem Dekret umgesetzt werden, sondern auch das einzige Land der Welt, das "Entwicklung" nicht in erster Linie ökonomisch definiert. Das Konzept "Gross National Happiness" - Bruttosozialglück - strebt individuelle und gesellschaftliche Zufriedenheit auf der Basis buddhistischer Kultur und Spiritualität an. Verglichen mit anderen Ländern der Region, sind die Grundbedürfnisse der meisten Bhutaner gedeckt: Auch in entlegenen Gebieten gibt es Trinkwasser, Nahrung, medizinische Versorgung und eine hohe Einschulungsrate. Bhutan investiert in den Ausbau der Wasserkraft, verkauft Strom nach Nordindien und will die ländlichen Gebiete - mit der Hilfe von internationalen Gebern - bis 2020 elektrifizieren. Wir haben unser Nachtlager im Dorf Yajure aufgeschlagen - im Haus von Sangay Wangchuk, einem liebenswürdigen, alten Mann. An den Abenden übersetze ich im Schein der hier erst seit zwei Monaten lichtspendenden Glühbirne eine Geschichte aus einem Buch Als das Licht kam, das ich mitgebracht habe.

Das Forschungsteam (meine bhutanischen Mitarbeiter und ich führen in zehn Dörfern eine Forschung über soziale und ökonomische Folgen der Elektrifizierung für die Österreichische Entwicklungszusammenarbeit durch) ist fasziniert von den Ähnlichkeiten zweier Welten, die geografisch, zeitlich und auch technologisch so weit voneinander entfernt scheinen. Wie im Zeitraffer spiegelt das heimische Kochen, Heizen und Beleuchten vor der Einführung des Stroms, samt den dazugehörenden Geistern, Kobolden, Mythen, dem "Ausräuchern" des Wohnbereiches und der numinosen Bedeutung des Lichts, die Lebenswelten der Menschen am Fuße des Himalaja, die heute einem rigorosen Wandel unterworfen sind.

Bessere Gesundheit

"Strom" bedeutet nicht nur Licht und Reduktion des Biomasse-Verbrauchs, sondern auch mehr Hygiene und bessere Gesundheit. Waren vor der Elektrifizierung 59 Prozent der Erwachsenen innerhalb der letzten sechs Monate krank, so sank dieser Prozentsatz nach der Elektrifizierung auf 13 Prozent. Die signifikante Reduktion der Feuerholzsuche bedeutet für die Frauen eine enorme Zeitersparnis. Auch die Anteilnahme an der Welt jenseits des Tales wird möglich: Mehr Radioapparate kommen in die Dörfer, deren Betrieb mit Batterien zu teuer war. Der Stromtarif wird von der Regierung stark gestützt, mehr als 80 Prozent der Bevölkerung kann sich den Strom leisten. Auch bietet das elektrische Licht den Jugendlichen neue Erfahrungen im Dorf, in Form von Unterhaltung, Lesen und Treffen am Abend, Musik und manchmal ein Video. Wollten noch 71 Prozent der Jugendlichen vor der Elektrifizierung in der Stadt leben, so geben jetzt 67 Prozent an, im Dorf bleiben zu wollen.

Mögen Geister und Dämonen sich in den Nachtschatten wohlfühlen, unseren Gastgeber Sangay Wangchuk hat das Wunder des strahlenden Lichts mehr überzeugt als alle Mythen der Vergangenheit: "Vor zwei Jahren hätte ich in Frieden sterben können. Ich habe mein Leben als Bauer gelebt und eine gewisse Harmonie erlangt. Aber jetzt, wo wir Strom haben, möchte ich nicht mehr sterben. Meine Eltern sind in Dunkelheit gestorben. Aber ich habe das strahlende Licht erfahren: Es ist so hell, dass ich nicht einmal weiß, ob es Tag oder Nacht ist. Ich will nicht mehr älter, jetzt will ich jünger werden - viele Jahre noch das Licht genießen. Unsere Enkelkinder wachsen in einer anderen Welt auf - in einer besseren!" (Andreas J. Obrecht/DER STANDARD-Printausgabe, 26./27.4.2008)

"Bhutan - Land des Donnerdrachen",
Werkstattgespräch am 28. 4. im "Zauberberg",
ORF-Ö1-KlangTheater.

"Hörbilder", 3. 5, Ö1, 9.05 Uhr.

  • Mit dem Ohr an der Welt, auch jenseits des Tales: Das ländliche Bhutan steht zunehmend unter Strom, und mit der Elektrifizierung kommen auch die Radioapparate in die Dörfer, deren Betrieb vorher mit Batterien zu teuer war.

    Mit dem Ohr an der Welt, auch jenseits des Tales: Das ländliche Bhutan steht zunehmend unter Strom, und mit der Elektrifizierung kommen auch die Radioapparate in die Dörfer, deren Betrieb vorher mit Batterien zu teuer war.

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