Schwefelkur fürs Klima, bitte warten

25. April 2008, 19:53
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Um die Erderwärmung zu stoppen, schlagen For­scher vor, Schwefelpar­tikel in die Atmosphäre zu pusten - Nun warnen US-Kollegen vor Folgen

Washington - Es ist gerade einmal zwei Jahre her, da hatte Paul Crutzen eine spektakuläre Idee. Er schlug - auch im Gespräch mit dem Standard - vor, die Erdatmosphäre mit Schwefelteilchen anzureichern, um so der Klimaerwärmung Einhalt zu gebieten. Und Paul Crutzen ist nicht irgendjemand: 1996 erhielt der Niederländer den Chemie-Nobelpreis für seine Forschungen über das Ozonloch.

Dass an der Sache etwas dran ist, zeigte sich vergangene Woche auch auf dem Jahrestreffen der European Geosciences Union (EGU) in Wien. Einige Forscher warnten zwar vor riskanten Experimenten mit ungewissem Ausgang, andere standen dieser Form des sogenannten Geo-Engineering eher positiv gegenüber.

Doch der Reihe nach: Auf die Idee mit den Schwefelteilchen war Crutzen durch den Ausbruch des Vulkans Mount Pinatubo 1991 gekommen: Forscher hatten nach dem Ausbruch des Vulkans festgestellt, dass mit den hoch in die Atmosphäre ausgestoßenen Sulfatpartikeln die globale Temperatur sank - wohl, weil die Partikel das Sonnenlicht reflektierten.

Laut den Berechnungen von Crutzen und anderen Proponenten des Geo-Engineering müssten fünf Millionen Tonnen Sulfatpartikel jährlich in die Stratosphäre gepustet werden, um eine Verdoppelung der Kohlendioxidmenge in der Atmosphäre zu kompensieren und das Klima wieder zu kühlen.

Schaden für die Ozonschicht

Nun aber zeigten US-Forscher in der aktuellen Ausgabe der US-Zeitschrift Science (24. 4., online), dass eine solche Schwefelkur für das Weltklima heftige Folgewirkungen hätte. Injektion von Schwefelpartikeln in die Erdatmosphäre würden nachhaltig die Ozonschicht schädigen, so Forscher um Simone Tilmes vom US-amerikanischen nationalen Atmosphärenforschungszentrums (NCAR) in Boulder.

Die US-Forscher ließen ihre Computer Szenarien mit verschieden hoher Schwefelanreicherung durchrechnen. Dabei gingen sie davon aus, dass das Geo-Engineering bereits in zwei Jahren beginnen würde, um auf die für 2050 bis 2100 vermutete Verdopplung des Kohlendioxids vorbereitet zu sein.

Wie die Atmosphärenchemiker dabei herausfanden, würden die zusätzlichen Schwefelteilchen den Ozonabbau in der Stratosphäre insbesondere im Winter deutlich verstärken. Über der Arktis könnte sie 25 bis 75 Prozent des vor gefährlichen UV-Strahlen schützenden Ozons verlieren. Und über dem Südpol würde sich das Schließen des Ozonlochs um Jahrzehnte verzögern.

Die Schlussfolgerung der Studienautoren: Wir müssen noch sehr viel mehr über die möglichen Auswirkungen des Geo-Engineering lernen, bevor solche Injektionen mit Schwefelteilchen in Erwägung gezogen werden können. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Printausgabe, 26./27.4.2008)

  •  Polare Stratosphärenwolken beeinflussen nachhaltig die Ozonschicht. Zusätzlicher Schwefel täte ihr gar nicht gut.
    foto: ross j. salawitch

    Polare Stratosphärenwolken beeinflussen nachhaltig die Ozonschicht. Zusätzlicher Schwefel täte ihr gar nicht gut.

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