Stimmlappenfantasien - Lydia Mischkulnig

28. April 2008, 11:03
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Ich räkelte mich in der Sonne, gedanklich aufgehoben im derzeitigen Frieden, zumindest in Wien. Es geht mir gut, flüsterte die Gedankenstimme, und wieso geht es mir gut?

Also: Ich hätte gern einen Ehrenplatz. Dafür muss man Opfer bringen oder Opfer machen. Der Heldenplatz ist grün und der Burggarten ist es auch und der Volksgarten und der Rathauspark sind es. Die Gesichter der Sonntagssitzer auf der Terrasse reflektieren das erste radikalere Sonnenlicht des Jahres. Serbische Demonstranten schwingen auf dem Heldenplatz gegen die Unabhängigkeit des Kosovo Flaggen.

Friedlich waren die Gespräche rundum auf der Palmenhausterrasse und die Kolleginnen lasen geduldig meine erste Vorlesung, die von Jean Amérys Essay die Tortur handelt. Worin Folter mit Vergewaltigung gleichgesetzt wird.

So deutlich hat Améry es ausgesprochen und zum Glück ist er ein Mann gewesen, der um Worte gerungen und sie gefunden hat, um seinen Zorn über Folter und Vergewaltigung in luzide Sätze zu transformieren, die heute auf internationalen Gerichtshöfen als Argument dazu dienen, dass in Tribunalen von Verbrechen gegen die Menschheit, wie in Yugoslawien und Ruanda geschehen, sexualisierte Gewalt als Folter bewertet werden kann und damit nach internationalem Recht als Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu ahnden ist. Einer vergewaltigten Frau hätte man nicht geglaubt. Auch nicht einer feministischen Anwältin. Man hätte die Diskussionen nicht ernst genommen. Vergewaltigung galt und gilt als normale Begleiterscheinung der Gräueltaten im Krieg und gilt als natürlich, wenn eine Kultur so drauf ist, daß Föten abgetrieben werden, weil sie weiblich sind. Als gesund geradezu gilt der sexuelle Stressabbau für die unter Hochanspannung stehenden ums Überleben kämpfenden brutalisierten Männer, wenn sie sich an Trostfrauen, sexuell versklavten Opfern vergehen. Ich studierte die Speisekarte und belauschte das Gespräch eines Paares. Der Mann war sehr nett und die Frau sagte, er sei dumm, weil er nicht auf sie höre. Er blieb weiterhin sehr nett und sagte, er sei nicht dumm, nur könne er sie nicht mehr hören, denn er ertrage ihre Stimme nicht. Er würde am liebsten seine Hand zu einer Faust ballen, diese ihr ins Maul stecken und so weit hinein drängen, bis er in der Gurgel anstoße, und dann würde er die Finger ausstrecken und nach ihrer Stimmritze fingern und die Stimmlappen erwischen und dann herausziehen aus dem Hals und durch die Mundhöhle und heraus aus dem Mund, um sie dann wieder zurückschnalzen zu lassen. Die Frau war sprachlos. Ich nicht, mir gefiel seine Kritik an ihrer schrillen Stimme und ich schrieb mit. Satz zu lange! Der Mann sagte, diese Phantasie klinge grausam, aber wäre sie in die Tat umgesetzt, wäre das erst eine richtige Riesensauerei. Es würde wahrscheinlich nicht sein Gehör für die Frau verfeinern, weil sie durch die Torturierung ihrer Stimmlappen, zwar ausgeleierte Stimmlappen hätte, die ihr dann eine tiefer klingende Stimme angedeihen ließen, was ihn aber nur frustrieren würde, weil er an die schlappe Saite seiner Gitarre denken müsste, die er einst in Griechenland am Strand gezupft hatte, wo sie, seine Frau, ihm beim ersten Mal kein Gehör geschenkt hätte. Darüber sei er sehr gekränkt gewesen, und die ausgeleierten Stimmbänder, die ja eine Stimmritze seien, würden ihn nur weiterhin wütend machen, weil er sie ausgeleiert hätte und nun auch noch wegen des Schuldgefühls leiden müsse und so weiter und so weiter. Du bist grausam, sagte die Frau. Ich bin es nicht, sagte der Mann, ich bin nur ehrlich. Deine Ehrlichkeit, sagte sie, kannst du dir, und sie räusperte sich, an den Hut stecken. An welchen Hut, fragte er. Noch nie habe er einen Hut getragen und sei es daher nicht saudumm, ihm ein Sprichwort mit Hut aufzudrängen. Doch, sagte die Frau, alles was du sagst, ist ein alter Hut. Aber du bist ein Sublimierer, und das ist gut. Und dieser Hut hat Löcher, sagte der Mann. Furchtbar, sagte die Frau und ihre Wangen entflammten und der Mann bestellte sich beim Kellner eine Melange.

Der Kellner stutzte. Was ist das? fragte der Kellner.

Nun horchten ich und die Kolleginnen auf und waren ganz Ohr für den Ober: Wie kann es sein, dass in einem Wiener Kaffeehaus ein Kellner keinen Begriff von einer Melange hatte. Das machte mich misstrauisch. Das sich streitende Paar und ich und meine Damenrunde, wir waren alle sprachlos. Der Ober war im mittleren Alter. Weißes Hemd, schwarze Hose, weiße lange Schürze. Er hielt einen Block in der Hand und in der anderen einen Stift. Er setzte ihn an und fragte den Herrn mit der unmöglichen Stimmlappenphantasie: „Können Sie bitte buchstabieren, was sie gerne trinken mögen?“ Der Herr räusperte sich und blickte kurz zu seiner Begleiterin, die ungläubig den Kopf schüttelte. Sie leierte, was wie idiotisch klang. Der Herr fühlte sich verarscht vom Ober, und lachte unsicher und neigte den Kopf schief zur Schulter. Er buchstabierte aber folgsam und mit erwartungsvollem Blick. Der Ober notierte und wiederholte: Melenge- ist das richtig. Der Herr bestätigte und ich meinte, einen fremdländischen Akzent beim Kellner herauszuhören, der Kellner sprach so gut deutsch, dass sein Akzent deutschlanddeutsch war. Nein, rief ich, das sei ja falsch. Man schreibe Melange mit einem A. Blödsinn, sagte der Mann. Mit E, schreibe man Melange. Nein, beharrte ich, das sei doch lächerlich, ich sei des Französischen mächtig und wisse, wie man Melange schreibe. So ein Blödsinn, sagte der Typ und beharrte auf dem Melenge. Seine breite Grimasse ging beim E noch weiter in die Breite und ich fragte mich, wie die Frau an seiner Seite sein dummes und breites Gesicht aushalten könne, ohne es zu zwicken.

Der Ober war mir mittlerweile völlig egal. Als er auch unsere Bestellung aufgenommen hatte, war keine Rede mehr von der Melange. Wir orderten Große Braune und dazu Sodawasser- alles kein Problem, nur ich wollte meine Melange. Der Kellner entschuldigte sich im voraus für die lange Wartezeit, die Bedienung käme kaum nach an diesem Sonnentag, der so viele Kaffeetrinker (!) ans Licht locke. Ich warf meinen Blick hinüber in den Park, wo noch kein Baum nur den Anschein eines Triebes zeigte, als zwei Mädchen am Rande der Terrasse auftauchten und miteinander ins Gespräch vertieft, an der Terrasse und an mir vorbeispazierten. Zwei junge Damen, etwa dreizehn, den ersten Sonnentag ohne elterliche Begleitung bestreitend, kurzärmelig unterwegs. In meiner Jugend war es unmöglich gewesen, an meiner Mutter einfach so vorbeizuspazieren, wie es hier gerade eben meine Tochter tat. Ich rief ihren Namen nicht, sie drehte sich daher nicht um. Ich tauchte in meiner Handtasche nach dem Mobiltelefon, erfasste es und drückte schon die Nummer, um meine Tochter zu erreichen- aber wozu überhaupt? Ich konnte mich trotzdem nicht zurückhalten und schickte ihr eine sms mit der Nachricht, daß ich auf der Terrasse säße und wenn sie Durst und Hunger hätte, dann solle sie sich bei mir jederzeit einfinden. Meine Tochter reagierte nicht. Ich sah sie ins Gespräch vertieft, im kurzärmligen Kleid durch den Burggarten auf die Hofburg zugehen, und die Tasche, deren Gurt schräg über den Rücken lief, baumelte mit dem darin aufpiepsenden Mobiltelefon auf Hüfthöhe. Die Kolleginnen lasen noch immer die Notizen zu meiner ersten Vorlesung und befanden die Faktizität für gut, dass Frau Recht bekommt, dass Vergewaltigung Folter ist und dass Vergewaltigung ein Verstoß gegen das Menschenrecht sexueller Selbstbestimmung ist. Nach internationalem Recht ist jede Vergewaltigung zu ahnden, denn sie ist Part von Genozid, versklavt, generiert mentale Folter und „entehrtes“ Leben. Und wo bleibt die Melange? Ein Vater mit Kleinkind kam über die Terrasse und die Beobachtung, daß er nach uns Ausschau hielt, legte nahe, dass er nicht lange seiner Frau im Schlepptau treu sein würde. Die flinken Äuglein hinter seiner Sonnenbrille begegnen meinem Blick, und ich lenkte den Fokus sofort wieder auf die Tischmitte, wo mein Manuskript lag, mit dem ich im fernen Land eine Gastprofessur über den "Subjektmenschen" ansteuerte. Die Überlegung, dass es immer besser sei, sich auf seine Arbeit und auf die Women´s rights zu konzentrieren, anstatt auf Männer oder Ex-Männer, setzt neue Impulse.

Wie ich mich gefühlt hätte, hätte ich bemerkt, dass mich mein letzter EX gar nicht wahrnimmt? Wie einst, am Flughafen, wo ich ihm im Transitraum begegnet war, und er mir entgegen kommend, kein Lächeln und kein Zeichen des Erkennens zeigte- weil er mit seinen Gedanken woanders war, als ich auftauchte. Einst holte man sich einander ab, dann begegnet man einander ohne einander zu erkennen. Was sich leer anfühlte ist heute, wie der Entzug des Hofes, den er mir einst gemacht hatte, ist heute Text- mein Spielraum. So war der meinerseitige Blick auf das Papier der Vorlesungsschrift gerichtet, um mich zu fesseln und mein existentielles Interesse an Opfer und Täterdisposition zu vertiefen.. Der Wind fuhr in die Blätter. Und ich schnupperte die Frühlingsluft, die mit den Zigaretten gemischt, den Geruch von Erwachsenheit und Genuss ergab. Der Blick über die Gesichter der Gäste und hoch zum Entree suchte nach dem schwarzhaarigen Ober mit dem Kaffee. Ich streckte die Beine aus und verschränkte die Hände vor der Brust und räkelte mich in der Sonne, gedanklich aufgehoben im derzeitigen Frieden, zumindest in Wien und meinem Japan. Es geht mir gut, flüsterte die Gedankenstimme und wieso eigentlich, geht es mir gut? Ich spüre keine Schmerzen, noch nagt das Alter kaum spürbar, zumindest noch nicht an den Reserven, da sie noch Ressourcen sind, meine Neugier zum Beispiel, und ich schöpfe aus meiner Phantasie Geschichten, die sich um Stimmritzen drehen können, solange ich hier sitze und mich gemütlich über Folter und Vergewaltigung grübelnd empfinde. Die Tische glänzen und die Kinderwagen werden vor den Tischen an der Terrasse vorbeigefahren, während Mütter einen prüfenden Blick über uns schweifen lassen, die wir noch immer auf unsre Melange und große Braune warten. Da hörte ich im Gezwitscher der Spatzen, die auf ihren knorrigen Krallen über die Tische hüpften und von Stuhlrücken zu Stuhlrücken flatterten, Brösel pickten und abschwirrten, Stiefel plump und unwuchtig dahertrampeln und den Krimskrams in der um die Hüfte baumelnden Tasche klimpern. Meine Tochter raste außer Atem durch die Höfe der Hofburg heraus auf den Burggarten und zu mir auf die Terrasse des Palmenhauses. Hinter ihr lief die um zwei Köpfe größere Freundin hinterher. Noch bevor ich die beiden sah, hatte ich sie gehört und drehte mich bereits um, das mobile Telefon in meiner Tasche ergreifend, schnellte hoch und winkte schon den Mädchen, bevor sie mich anrufen konnten. Sie zwängten sich durch die Reihen eng beieinander sitzender Sonntagsfrischler. Außer Atem standen sie vor mir. Die Hände meiner Tochter zitterten. Und die große Freundin war bleich im Gesicht und verwirrt. Mir schossen die Geheimgänge und dunklen Winkel der zu Einzelteilen zerfallenden Hofburg durch den Kopf, als stünde mein Archiv privater Horrorvorstellungen zur Schnellsuche nach dem passenden Setting für eine Gewaltszene zur Verfügung. Der Wind fuhr durch die Manuskriptblätter auf dem Tisch und durch das schulterlange Haar der Mädchen. Ich nahm aus dem Augenwinkel den Ober wahr, der auf einem Tablett eine Melange balancierte. Im selben Augenblick spürte ich die aufflammende Wut auf den Ober, und auf mich, die ich meine Tochter nicht ausgiebig beschützte, sie allein um die Hofburg herumstreunen ließ und nicht für zivilen Anstand auf dieser Welt gesorgt hatte. Und überhaupt. Der Ober mit der Melange näherte sich dem Tische und er servierte nur eine Melange. Was denn los sei, fragte ich, mich nun innerlich beruhigend, indem ich mich fragte, ob er wirklich nur MEINE Melange zu unserem Tisch brächte, ob er wirklich so blöd sei, nicht zu verstehen, dass hier viele Gäste JE eine Melange bestellt hatten.

Die Tochter begann mit der Erklärung, dass auf dem Heldenplatz eine Gruppe demonstriere - was waren das für Typen noch mal - Serber.

Ja, die Serber demonstrierten. Und die Freundin sei eine – Nun stockte das Mädchen und schüttelte den Kopf und rang mit den Händen und fragte die Freundin, woher bist du noch mal?

Die um zwei Köpfe größere Freundin, selbst noch klein, antwortete: Bosnien. Ach, ja, Bosnien, sagte meine Tochter. Das verwechsle ich immer mit Bratislava. Also sie ist aus Bosnien und wir wissen nicht, ob die Serber gesehen haben, daß sie ihnen den Finger – Sie zuckte mit der linken Schulter und verzog die Mundwinkel. Die Bosnische Freundin grinste verschämt.

Darauf sagte meine Tochter: Wir wissen nicht, ob die Demonstrierer das gesehen haben.

Plötzlich verstand ich die Panik und zwar meine, die ausgelöst worden war, daß nämlich meine Tochter, die nur Frieden kennt und maximal Hausfriedensbruch durch Ehekrach der Eltern, wie sie parteiergreifend für ihre Schulfreundin, die als Flüchtling in Wien lebt, gegen die Vertreiber und Unterdrücker den Stinkfinger gezeigt hatte, ohne irgendwie zu ahnen, in welche Gefahr sie sich durch die unverhohlene Solidarität mit ihrer Freundin gebracht hatte. Ich sah auch die Angst in den Augen der bosnischen Freundin, woher sie kommt, nämlich aus der Angst in den Erzählungen ihrer Familienreise, den Gräueltaten und dem Menschheitsverbrechern auf muslimischer und serbischer Seite. Als ich im Fernsehen die gekränkten Politiker auf den Straßen Belgrads nationalistische Hetze betreiben sah, weit weg, war mir klar, daß die Mädchen in ihrer Schule nicht nur ihre Kulturellen Geschichten miteinander zu teilen lernten und sich einander stützten während ihrer Adoleszenzzeit, sondern auch die Diskrepanz zwischen persönlicher Erfahrung und Fernsehbildern. . Angst vor ethnischem Konflikt verstörter Männer kennen sie jetzt auch und ich erkenne, die Sinnhaftigkeit meiner Vorlesung über human subject und womens rights - damit kleine Mädchen unbehelligt den Stinkfinger gegen eine tobende Männermeute richten können und ich unverschleiert eine Melange auf der Palmenhausterrasse bei einem deutschen Gastarbeiter kriege. (Lydia Mischkulnig, ALBUM/DER STANDARD, 26/27.04.2008)

Zur Person:
Lydia Mischkulnig, geb. 1963 in Klagenfurt, studierte Bühnenbild und Film in Graz und Wien und arbeitet seit 1991 als Schriftstellerin. Von ihr erschien der Roman "Halbes Leben" (1994), zuletzt "Umarmung" (2002).
  • Lydia Mischkulnig: "Plötzlich verstand ich die Panik, und zwar meine, die ausgelöst worden war dadurch, dass meine Tochter, die nur Frieden kennt und maximal Hausfriedensbruch, parteiergreifend für ihre Freundin, die als Flüchtling in Wien lebt, gegen die Unterdrücker den Stinkefinger gezeigt hatte, ohne zu ahnen, in welche Gefahr sie sich mit der Freundin gebracht hatte."
    foto: heribert corn

    Lydia Mischkulnig: "Plötzlich verstand ich die Panik, und zwar meine, die ausgelöst worden war dadurch, dass meine Tochter, die nur Frieden kennt und maximal Hausfriedensbruch, parteiergreifend für ihre Freundin, die als Flüchtling in Wien lebt, gegen die Unterdrücker den Stinkefinger gezeigt hatte, ohne zu ahnen, in welche Gefahr sie sich mit der Freundin gebracht hatte."

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