"Passivhaus für alle Klimazonen"

Redaktion
26. April 2008, 18:31
  • Wolfgang Feist, Leiter des Passivhaus Instituts (PHI) in Darmstadt: "Die Kostendifferenz muss reduziert werden, die Technik muss auch bei Gebäudesanierungen Anwendung finden."
    foto: phi

    Wolfgang Feist, Leiter des Passivhaus Instituts (PHI) in Darmstadt: "Die Kostendifferenz muss reduziert werden, die Technik muss auch bei Gebäudesanierungen Anwendung finden."

Wolfgang Feist gilt als Erfinder des Passivhauses. Aus heutiger Sicht ist das Wichtigste, die hohen Baukosten weiter zu reduzieren, erklärt er im Interview

Im Folgenden die Langfassung des Interviews, das Martin Putschögl mit dem Leiter des Passivhaus Instituts Deutschland führte.

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STANDARD: Sie gelten als der Erfinder des Passivhauses. Wie zufrieden sind Sie mit der bisherigen Entwicklung?

Feist: Passivhäuser gab es schon lange vor unseren Aktivitäten. Zum Beispiel war das Nordpolarschiff von Fritjof Nansen, die "Fram", im Grunde genommen ein Passivhaus. Unser Ziel war es, diese Technik allgemein für den Neubau zugänglich zu machen. Das musste bei den Pilotprojekten noch mit handgefertigten Komponenten erfolgen. Inzwischen sind alle benötigten Komponenten am Markt erhältlich und mit herkömmlichen Bauteilen wettbewerbsfähig. Mit dem bisher Erreichten können wir also zufrieden sein.

STANDARD: Wo sehen Sie das Passivhaus in zehn Jahren?

Feist: Jetzt wird es entscheidend sein, dass die Kostendifferenz weiter reduziert wird und dass die Technik auch bei der Modernisierung von Gebäuden Anwendung findet. Bei der Wärmedämmung und bei den Verglasungen werden die durch das Passivhaus eingeleiteten Entwicklungen in den nächsten Jahren europaweit zum Standard. Ich bin ziemlich sicher, dass die Qualitätsstandards auf dem Niveau des Passivhauses in zehn Jahren selbstverständlich sind.

STANDARD: Kürzlich fand in Nürnberg die 12. internationale Passivhaustagung statt. Welche Neuerungen gab es, worüber wurde diskutiert?

Feist: Konkret ging es um den Einsatz der Passivhaustechnik in bestehenden Gebäuden und um die Übertragung des Konzeptes auf andere Klimazonen und Bautraditionen. Beim derzeitigen Bauboom in China und Indien wird es Zeit, dass es für die dortigen Neubauten energieeffiziente Lösungen gibt. Das ist keine einfache Herausforderung, aber die Beiträge auf der Tagung haben gezeigt, dass die Passivhaustechnik dafür eine sehr gute Grundlage bietet. Die Diskussionen drehten sich um neue Produkte (wie z.B. einen monolithischen Ziegel, der Passivhausstandard erreicht), neue Anwendungen der Passivhaustechnik bei vielfältigen Bauaufgaben, die Integration der Technik in die Architektur und die internationale Vernetzung.

STANDARD: Das EU-Parlament hat kürzlich empfohlen, das Passivhaus ab 2011 als Mindeststandard festzuschreiben. Ist das realistisch?

Feist: Die Europäische Kommission ist zusammen mit der UNO die treibende Kraft weltweit, um einem wirksamen Klimaschutz den Weg zu bereiten. Die Kommission ist in fast allen Fragen weiter als alle nationalen europäischen Regierungen. Das ist auch dem zuständigen EU-Kommissar, Andris Piebalgs, zu verdanken; als Physiker hat er die Bedeutung dieser Aufgaben erkannt und die richtigen Weichen gestellt. Europa kann durch eine Verbesserung der Energieeffizienz nur gewinnen - diejenigen Lobbyisten, die dies immer noch zu bremsen versuchen, handeln entgegen der gemeinschaftlichen, aber letztendlich auch entgegen ihrer eigenen Interessen. Nur eine konsequente Innovationspolitik mit der Zielsetzung Energieeffizienz kann die Europäische Union im internationalen Wettbewerb stärken. Das hat die Kommission erkannt - und sie handelt auch konsequent danach.

STANDARD: Auf Initiative Ihres Instituts wurde vor einigen Jahren der "Arbeitskreis kostengünstige Passivhäuser" ins Leben gerufen. Kann das Passivhaus in absehbarer Zeit auch von den reinen Baukosten her billiger sein als ein "herkömmlicher" Bau?

Feist: Wie bei allen Innovationen gibt es beim energieeffizienten Bauen eine Lernkurve. Die derzeit noch gegebenen Mehrinvestitionen des Passivhauses, die sich über den Nutzungszeitraum übrigens schon heute rechnen, lassen sich künftig noch weiter reduzieren. Da es neben Mehraufwendungen beim Passivhaus auch Investitionskosteneinsparungen gibt, können die Kosten tatsächlich in die Nähe von Null herangeführt werden; eine Entwicklung, wie wir sie etwa beim Telefonmarkt und dem Übergang vom Festnetz zum Mobiltelefon schon gesehen haben. Das wird sich vor allem auf in Zukunft noch geringere Bauerhaltungskosten bei Passivhäusern auswirken; abgesehen davon, dass der Erhaltungsaufwand ohnehin wegen der verbesserten Bauqualität geringer ist.

STANDARD: Auf der Tagung befassten sich zwei Arbeitsgruppen mit dem "Einsatz der Passivhaustechnik in aller Welt". Welche jüngsten Fortschritte gab es da zu vermelden?

Feist: Es gibt inzwischen Passivhäuser in Kanada, Moskau, in der Nähe von Pisa und von Johannesburg - nicht als Planung, sondern in der Realisierung bzw. schon genutzt. Dieses Konzept ist nicht theoretischer Natur, sondern einsatzfähig in der Praxis. Die Planungstools für unterschiedliche Klimazonen sind verfügbar, spezielle Lösungen für das Mittelmeerklima wurden vorgestellt. Im Vergleich zu bestehenden Gebäuden sind auch dort Einsparungen von 75 bis 90 Prozent erreichbar. Das führt auch in heißen Klimaten zu bezahlbaren nachhaltigen Lösungen.

STANDARD: Zum Thema Passivhaus-Standard in der Altbausanierung: Gibt es auch hier Fortschritte bei Techniken bzw. Bauteilen zu verzeichnen?

Feist: Definitiv. Die Anbieter von Wärmedämmverbundsystemen haben jetzt durch die Bank hocheffiziente Lösungen im Programm - wir haben neue Dämmstoffe mit deutlich niedrigeren Wärmeleitfähigkeiten auf der Ausstellung gesehen. Bei den Fenstern geht der Trend zu schlankeren und zugleich besser gedämmten Rahmen - so lässt sich zugleich die Energiebilanz verbessern und die Lichttransmission erhöhen. Bei der Technik haben wir bedeutende Automatisierungsfortschritte der zentralen Lüftungsanlagen gesehen und eine Erweiterung des Angebotes für Platz sparende Zentralgeräte und Luftkanälen.

STANDARD: In Österreich übernimmt die öffentliche Hand zunehmend eine Vorbildfunktion in Sachen Bauen im Passivhaus-Standard, viele neue Projekte auf Gemeinde- und Landesebene sind geplant oder bereits in Umsetzung. Wie sieht das im Vergleich dazu in Deutschland aus?

Feist: Österreich hat hier Deutschland den Rang abgelaufen. In Österreich hat man die Experimentierphase bereits hinter sich. Die öffentlichen Bauherren waren auch dort nicht die ersten, aber inzwischen gibt es bereits Selbstverpflichtungen von Gebietskörperschaften. Vergleichbares kenne ich in Deutschland nur vom Vorreiter Frankfurt/Main. Dort wird aus diesem Grund auch die nächste Passivhaustagung stattfinden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26./27.4.2008)

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6 Postings
mia baun massiv - wos interessiert mi dea neimodische schax

auf landesebene drah ma den bledsinn eh wieda oh...

ing.huber

(baumeister, nebenerwerbsbauer, jäger und övp-mitglied, konto bei der raiffeisen, sohn beim bundesheer, tochter in der uniqa ahs))

Wichtig wird vor allem sein,

dass Möglichkeiten gefunden werden, PH auf eine ökologisch verträgliche Art und Weise zu bauen.
So wie sie derzeit gebaut werden, sind sie - oder zumindest Komponenten wie die Dämmung - nach ein paar Jahrzehnten Sondermüll. Das hat mit Umweltschutzgedanken nicht mehr zu tun, wenn wir einfach nur Styropor auf die Außenwand kleben und eine Lüftungsanlage mit Wärmetauscher installieren!

Stimmg grundsätzlich, aber: Styropor kann man recyclieren

Abgesehen davon basiert das Passivhaus vor Allem auf besserer Fensterdämmung und dem aktiven Lüftungssystem.
Styropor fällt vermutlich in viel größerem Umfang als Verpackungsmaterial an.

Vor Allem aber - ohne es nachgerechnet zu haben: Vermutlich spart ein Passivhaus schon im ersten Winter so viel CO2 ein, wie bei der Dämmstoff-Entsorgung in der Müllverbrennung freigesetzt wird - nach 70 Jahren, wenn das Haus abgerissen wird.

Gerade betreffend der finanziellen UND energetischen=CO2-bilanziellen Rendite ist das Passivhaus zur Zeit die beste Umweltinvestition, viel besser als zB Windkraftwerke, Hybridautos oder dieser schwachsinnige Biosprit (mit Ausnahme von Biosprit aus Brassilien, der ist nämlich auch ohne Förderung rentabel).

das stimmt allerdings! da habens recht.
eine gute idee ist hierfür das vorarlberger förderungsmodell. die höchste förderungsstufe (PH-Förderung) vom Land gibts nur, wenn das PH auch ökologisch gebaut wird, wie zB nur bestimmte Dämmung zulässig, Lackierungen, etc.

wenn das PH nicht unter ökologischen mindeststandards gebaut wird, dann macht energieeinsparung mit ideen wie 3-fach-verglasung wenig sinn.

Das PH ist ein ganzheitliches (Lebens-)konzept!

Feist schreibt selbst in einem seiner Bücher,


sie seien von den skandinavischen Niedrigenergiehäusern ausgegangen. Ihn als Erfinder des Passivhauses anzusprechen, zeugt von Ignoranz und war Feist sicher peinlich. Die Hauptarbeit waren sicher Berechnungen und Messungen, die passenden Bauteile musste eh die Industrie fertigen.

Er wird eben gemeinhin als Erfinder des PH bezeichnet, wie auch immer, natürlich stimmts nicht. Aber peinlich muss ihm das nicht sein - Feist in Deutschland und Krapmeier in Österreich haben wir es zu verdanken, dass das PH soviel Öffentlichkeit bekommt. Das PH Institut und das Energieinstitut Vorarlberg sind treibende Kräfte für die ständige Weiterentwicklung und Lobbying des PH.
Aber bei der Berechnung habens sicherlich recht, das PH Institut entwickelte ja die PHPP-software zum berechnen.

Schön dass Feist hier Öffentlichkeit bekommt!
Das Passivhaus IST STANDARD, alles andere ist herkömmlich VON GESTERN.

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