"Daddy come home" und Frauenquote

27. April 2008, 17:00
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Norwegen lebt Verein­barkeit von Beruf und Familie vor, Österreich hinkt nach - Das norwe­gische Erfolgsmodell er­läuterte Grete Johansen, HR Managerin Microsoft Norwegen

In Norden ticken die Uhren anders: Während in Österreich noch über den Ausbau von Kinderbetreuungsplätzen und einem "Papamonat" debattiert wird, exerziert Norwegen schon längst Vereinbarkeit von Karriere und Familie vor. Ein anderes Karenzmodell, umfangreiche Kinderbetreuungseinrichtungen und flexible Arbeitszeiten sind der Schlüssel zum Erfolg. Norwegen ist mit diesen Maßnahmen zum familienfreundlichsten Land in Europa avanciert. Über das skandinavische Erfolgsmodell referierte Grete Johansen (HR Managerin Microsoft Norwegen) im Rahmen des Mentoring-Circle. Gemeinsam mit Microsoft lud ACM (academic mentoring) zur Special-Interest-Veranstaltung des STANDARD-Mentoring-Circle mit derStandard.at/Karriere als Medienpartner. Microsoft Norwegen wurde vor kurzem zum familienfreundlichsten Unternehmen des Landes gekürt.

Einkommensschere

"75 Prozent der Frauen sind berufstätig", berichtet Grete Johansen. In Österreich liegt die Frauenerwerbsquote bei rund 65 Prozent. Immerhin 30 Prozent der Führungspositionen sind in Norwegen in weiblicher Hand. Die in vielen Ländern weit auseinander klaffende Einkommensschere existiere dort in dieser Form nicht: "Frauen verdienen nur um 15 Prozent weniger als Männer." Zum Vergleich: In Österreich lukrieren ganzjährig vollzeiterwerbstätige Frauen nur 74 Prozent des mittleren Männereinkommens.

Das auch hierzulande vorsichtig diskutierte Thema "Frauenquote" ist in Norwegen schon seit längerer Zeit Realität. Während in Österreich vor kurzem ein verpflichtender Frauenanteil von 40 Prozent in Universitätsgremien beschlossen wurde, hat Norwegen seit Anfang 2004 eine weit reichende Regelung, um die Präsenz von Frauen in Führungsgremien zu erhöhen. Parallel zum Gesetz habe die landesweite "Daddy come home"-Kampagne für Sensibilisierung gesorgt.

Positive Diskriminierung

Diese "positive Diskriminierung" umfasse alle öffentlichen Dienstgeber sowie private Aktiengesellschaften, erläutert Johansen. Das Ziel: Mindestens 40 Prozent der Vorstände und Führungspositionen sollen von Frauen besetzt werden. "Vor dem Gesetz hatten wir einen Frauenanteil von sieben Prozent, jetzt sind wir bei über 36 Prozent", konstatiert Johansen einen großen Nutzen der Maßnahme. Es gebe schließlich genügend qualifizierte Frauen am Arbeitsmarkt: "Man muss sich nur umschauen, auch wenn es dann manchmal zwei oder drei Bewerbungsrunden braucht."

Die Quotenregelung gilt auch vice versa: Falls in einem Betrieb zu wenig Männer beschäftigt sind, müssen diese gezielt rekrutiert werden. Das betreffe zum Beispiel "traditionelle" Frauenberufe, die in Norwegen primär in der Gesundheitsbranche oder im Erziehungssektor angesiedelt sind. Neben der kontinuierlichen Steigerung des Frauenanteils in Führungspositionen sei das "Aufbrechen" von konventionellen Berufsbildern ein weiterer positiver Effekt der Maßnahme. Frauen würden in "Männerdomänen" wie technikaffine Berufe eindringen und umgekehrt.

Strafen für Firmen

Firmen, die sich nicht an die Geschlechterverteilung halten, müssen laut Johansen mit Sanktionen rechnen. Der Strafenkatalog reicht von monetären Verwaltungsstrafen bis zu einer möglichen Zwangsliquidation des Betriebes. "Als im Jahr 2003 das Gesetz auf Schiene gekommen ist, hatten wir eine sehr emotionale Debatte, heute ist es eine Selbstverständlichkeit", so die HR Managerin. Frauen seien jetzt durch die vielen Toppositionen "sichtbarerer" als früher, was sich etwa in erhöhter medialer Präsenz widerspiegle: "Gleich kompetent wie Männer waren sie ja schon immer." Annähernd egalitär ist auch die Aufteilung der Hausarbeit. "40 Prozent" gehen auf die Kappe der "Kerle", erzählt Johansen. Damit nehme Norwegen die führende Rolle in Europa ein.

Maximal ein Jahr Karenz

Ein europäisches Unikum ist auch das norwegische Karenzmodell. Eltern haben die Wahl zwischen insgesamt 44 Wochen Karenz mit 100 Prozent Gehalt, oder 54 Wochen mit 80 Prozent des Salärs. Sechs Wochen der gesamten Karenzzeit sind für den Vater reserviert und neun Wochen für die Mutter, präzisiert Johansen. Die restlichen 29 Wochen können sie sich aufteilen. "Immer mehr Männer wollen länger zuhause bleiben", meint sie. Aufgrund der geringen Einkommensunterschiede sei es nicht unbedingt Usus, dass nur die Frauen zu Hause bleiben. Die Männer würden fast durchwegs die vorgesehene Karenz "und mehr" in Anspruch nehmen. Generell kann man in Norwegen auch länger als ein Jahr bei aufrechtem Kündigungsschutz auf Babypause gehen. Der Staat dreht dann allerdings den Geldhahn zu, so Johansen. Das Land weist neben Schweden die höchste Geburtenrate in Europa auf.

Die Managerin räumt ein, dass dieses System nicht so einfach auf andere Länder übertragbar sei. Gesetze alleine können keine lange tradierten Werte aus den Angeln heben. Als Initialzündung für einen Umdenkprozess eignen sie sich aber doch. Norwegen sei auch nicht von einem Tag auf den anderen "progressiv" geworden. Die Politik habe für die geeigneten Rahmenbedingungen zu sorgen: "Im Endeffekt sind es individuelle Entscheidungen, die aber stark von der gesellschaftlichen Struktur begünstigt werden."

85 Prozent der Kleinsten gehen in den Kindergarten

Norwegen gehört aufgrund der Öl- und Gasfelder in der Nordsee zu den reichsten Ländern der Welt und rangiert weltweit in puncto Lebensqualität hinter Island an der zweiten Stelle. Das erleichtere natürlich kostspielige Maßnahmen wie die Schaffung von umfangreichen Kinderbetreuungsmaßnahmen, meint Johansen. Knapp 85 Prozent der Kinder von eins bis fünf Jahren gehen in den Kindergarten. Nach der einjährigen Karenz sei es normal, dass Mütter wieder Vollzeit zu arbeiten beginnen, betont sie.

Als essenzielles Fundament, um Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, identifiziert Johansen die flexiblen Arbeitszeiten in Norwegen. Am späten Nachmittag heimzugehen sei sehr weit verbreitet: "Wenn du bei uns jemanden erreichen willst, musst du das vor 16.00 Uhr tun." Die Kinder werden dann im Normalfall gegen 16.00 oder 16.30 Uhr von ihrer Betreuungsstätte abgeholt. Ganz einfach: "Der Mann bringt sie hin, die Frau holt sie ab."

"Daddy Paket

Microsoft Norwegen wurde vor kurzem als familienfreundlichstes Unternehmen des Landes ausgezeichnet. Eine Folge des "Daddy Paketes", sagt Johansen. Das Programm wurde vor vier Jahren initiiert und basiere auf den Eckpfeilern "Sicherheit, Gesundheit und der Work-Life-Balance". Im absoluten Fokus stehe die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, so die 50-Jährige, die das Arbeitsumfeld als Erfolgsgarant bei der Rekrutierung der "besten Köpfe" für ihren Konzern sieht.

Überall arbeiten

Bei Microsoft werde Flexibilität groß geschrieben: "Wir müssen nicht ständig im Büro sein, da wir die Technologie haben, dass wir von überall arbeiten können." Es sei sehr selten, dass Mitarbeiter am Abend noch im Büro sitzen. Das betreffe die gesamte Riege der Angestellten, "auch Manager", wie Johansen betont. Das heiße nicht, dass die Leute in Norwegen weniger arbeiten würden als in anderen Ländern: "Ganz im Gegenteil." Es komme natürlich manchmal vor, dass einige dann von zuhause aus noch das eine oder andere für die Firma erledigen. Um zeitintensive Geschäftsreisen zu minimieren, setze Microsoft auf "Online-Meetings", erzählt die Managerin. Alles nur eine Frage der Technologie.

Die Grundprämisse für das Funktionieren des ganzen Systems sei, den Mitarbeitern mit "absolutem Vertrauen" zu begegnen. Es werde an die Eigenverantwortung appelliert. Kontrollmechanismen, um zu überprüfen, ob die Angestellten tatsächlich die vorgeschriebenen acht Stunden Arbeit pro Tag absolvieren, gebe es nicht.

Längere Babypausen

"In unserem Unternehmen werden die Väter ermutigt, länger als sechs Wochen auf Babypause zu gehen", nennt Johansen einen weiteren Grund, dass Microsoft die Liste der familienfreundlichsten Betriebe anführt. Nach dem Ende der gesetzlich verankerten Karenzzeit für Väter werde der Verdienstentgang durch Zuschüsse von Seite Microsofts kompensiert. Ob letztendlich Mütter oder Väter die Karenz in Anspruch nehmen, spiele keine Rolle. Wichtig sei einfach, während dieser Zeit "in Kontakt mit den Angestellten zu bleiben".

Kontakt nicht verlieren

Gerade in ihrer Branche ortet sie ein sehr schnelllebiges Geschäft, wo technische Innovationen auf der Tagesordnung stünden. Deswegen dürfen die in Karenz Befindlichen "nicht den Anschluss verlieren". Das gehe bei Microsoft zum Beispiel über den "Juniorlunch", der alle sechs Wochen stattfindet. Bei dieser Art der "Netzwerkveranstaltung" würden Mütter oder Väter mit ihren Kindern in die Firma kommen, um sich auf informeller Ebene auszutauschen. Dabei können die Angestellten "up to date" gehalten werden, so Johansen.

"Arbeitet nicht zu viel"

Ein weiteres Instrumentarium bestehe in der Kooperation mit Organisationen aus dem Gesundheitssektor, erzählt die Managerin. Dabei gehe es um Informationen und Präventivmaßnahmen, um beispielsweise mögliche Burn-out-Syndrome schon im Keim zu ersticken. "Arbeitet nicht zu viel", laute die Unternehmensphilosophie von Microsoft, meint Johansen. Ein wichtiger Teil des gesamten "Wohlfühlpaktes" sei die jährliche Mitarbeiterbefragung, die einen "hohen Stellenwert" bei Microsoft genieße. Auf diese Weise könnten die Angestellten ihre Wünsche deponieren. Die Kritikpunkte werden dann Johansen zufolge "so gut es geht" ausgemerzt, was letztendlich in der Optimierung der Arbeitsbedingungen resultiere. Ein eigener "Arbeit-Gesundheit-Index" wird jedes Jahr erstellt.

Theoretisch auch in Österreuch möglich

Das in ihrem Unternehmen implementierte Modell will Johansen nicht rein als "Microsoft à la Norwegen" verstanden wissen. Andere Niederlassungen des Softwaregiganten könnten es natürlich importieren. Von Seiten der Chefetage würde dies explizit goutiert werden. Sie glaubt jedoch, dass so ein Arbeitsumfeld nur in Ländern funktioniere, wo es nicht sanktioniert werde, wenn Mitarbeiter einmal früher heimgehen. Das bestätigt auch der HR-Manager von Microsoft Österreich: "Wir könnten theoretisch auch um vier Uhr das Büro verlassen, tun es aber nicht." Hierzulande wäre dies kontraproduktiv für die Karriere, so Alexander Hahnefeld. (om, derStandard.at, 27.4.2008)

  • Grete Johansen ist HR Managerin bei Microsoft Norwegen.
    foto: derstandard.at/mark

    Grete Johansen ist HR Managerin bei Microsoft Norwegen.

  • Microsoft Norwegen wurde vor kurzem zum familienfreundlichsten Unternehmen des Landes erklärt.
    foto: derstandard.at/mark

    Microsoft Norwegen wurde vor kurzem zum familienfreundlichsten Unternehmen des Landes erklärt.

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