Wii das echte Leben

26. April 2008, 16:47
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Bisher standen Computerspiele bei Übergewicht und falscher Körperhaltung ganz oben auf der Verdächtigungsliste - das ändert sich nun

Wer lieber vor der Konsole hängt, statt aufs Laufband zu gehen, darf sich jetzt freuen - und vorm Bildschirm bleiben: Neue Videospiele sollen Bewegungsmuffel auf Trab bringen, unter anderem mit dem Balance Board für die Wii-Konsole

Böser Verdacht

Bisher standen Computerspiele bei Übergewicht und falscher Körperhaltung ganz oben auf der Verdächtigungsliste. Wer mehrere Stunden gerade einmal seinen Finger am Controller bewegte, konnte beim Wort Fitness wohl nur auf das Fremdwörterlexikon verweisen. Das könnte sich jetzt mit Nintendos eben erschienenem "Balance Board", einem intelligenten, weißen Plastikbrett samt dazugehörigem Programm "Wii Fit", gründlich ändern.

Kreislauf

Bewegungsfaule Videogamer hatten ihren Kreislauf mit den bisherigen Spielen der Wii-Konsole schon in Schwung bringen können, die über die Wii-Fernbedienung am TV- oder Computerbildschirm funktionieren: Boxen, Tennis oder Bowling. Auch beim neuen "Wii Fit" setzt eine Komponente auf klassische Spielelemente wie Snowboardfahren oder Balancieren auf einem Hochseil.

Möglich wird diese bewegungssensitive Steuerung über das neue Sensorbrett: Es funktioniert wie eine intelligente Waage und steht kabellos per Bluetooth-Schnittstelle mit der Konsole in Verbindung. Selbst minimale Bewegungsveränderungen registrieren die Sensoren des soliden Boards, auf dem man gar nicht wackelig steht. Diese Gewichtsverlagerung nutzt man auch bei diversen Mini-Spielen, bei denen der Sport auf dem Board richtig lustig wird und seinen Anspruch als Familien- oder Partyspiel einlöst: Da trainiert man etwa virtuell Murmelschießen oder Hula-Hoop - und lässt dazu auf dem Brett stehend die Hüfte kreisen. Ein anderes Spiel übt den Torwart in dir: Anfliegende Fußbälle müssen mit dem Kopf abgefangen werden, die eigenen Bewegungen spiegelt eine Figur auf dem Bildschirm wider.

Super-Mario

Der eher spielerische Umgang mit dem Thema Eigengewicht war auch die zündende Idee für seinen Erfinder Shigeru Miyamoto, der schon die Super-Mario-Figur oder die Nintendogs erdachte. Sich täglich morgens wiegend, kam er eines Tages auf die Idee, tägliche Sportübungen spielerisch mit der Kontrolle des Body-Mass-Index' zu kombinieren. Außer den sogenannten Mini-Spielen enthält "Wii Fit" auch einen Yoga-Lehrgang, dessen Körperübungen dann eher sachlich inszeniert sind.

Im Mittelpunkt dieser Übungen stehen Zeitlimits oder Balanceherausforderungen. So heißt es etwa, innerhalb von 60 Sekunden einen gelben Punkt zu halten, der auf dem Bildschirm in der Mitte eines Kreuzes auftaucht. Darüber ermittelt "Wii Fit", wie stabil und über welchen Zeitraum der Fitnessgamer auf dem Board gestanden ist. Für den Spieler bedeutet dies jedoch auch, dass er bei allen Übungen auf einen Bildschirm schaut und er dadurch von der Konzentration auf die eigene Körperhaltung auch abgelenkt wird.

Zweifel

Gerade am Anfang bleiben deswegen Zweifel, ob man einer Firma mit einer Expertise für lustig hüpfende Figuren die eigene Gesundheit anvertrauen will. Wie sieht eine Expertin das neue Fitnessprodukt? Alexandra Ruschke arbeitet seit acht Jahren in Berlin als Personal Trainerin und Physiotherapeutin. Gerade bei den ersten Yoga-Übungen bemerkt die 34-Jährige, dass hier ein recht anspruchsvolles Programm aufgerufen wird. Während sie selbst bei einem Neukunden erst einmal Funktionstest sowie Statik- und Gewichtsanalyse für ein Trainingskonzept erstellen würde, geht "Wii Fit" schneller ans Werk.

Ihm reichen Alter, Größe und Gewicht, um danach gleich in die ersten Übungen einzusteigen. Was das für angehende Fitnessjünger bedeutet, die bislang eher die Maushand bewegt haben als den ganzen Körper? "Die eigene Fitness wird meistens überschätzt, und daraus können sich gesundheitliche Folgeprobleme ergeben", sagt Ruschke. Allerdings sieht der Hersteller "Wii Fit" auch gar nicht als alleinige Lösung, um Gewichtsprobleme zu lösen, und hält sich damit bewusst aus möglichen Konsequenzen heraus, die falsche Versprechungen für Nintendo haben könnten.

"Mein Vital Coach - Spielend zur Traumfigur"

Auch andere Unternehmen bewerben ihre neuen Fitnesstitel eher als unterstützende Maßnahme. Dazu zählt das Nintendo DS-Programm "Mein Vital Coach - Spielend zur Traumfigur" (UbiSoft), das voraussichtlich im Juni herauskommen wird. In Verbindung mit einem ansteckbaren Pedometer, einem Schrittzähler, fungiert das Spiel als eine Art Fitnessratgeber. Ein animiertes Strichmännchen führt durch ein Fitnesstagebuch, welches die Kalenderfunktion der DS-Konsole nutzt. Der "Vital Coach" gibt allgemeine Tipps zu Ernährung und gesunder Lebensweise, etwa: häufigeres Treppensteigen. Und stellt konkrete Aufgaben, die der Fitnessgamer innerhalb eines bestimmten Zeitraums erledigen muss. Sobald der Schrittzähler am Nintendo DS angeschlossen ist, zählt er alle Aktivitäten und rechnet diese in eine virtuelle Strecke um. Ob sich daraus wirklich eine Traumfigur ergibt, kann das Gerät selbst natürlich nicht kontrollieren.

Motivation

Gerade weil die Motivation der größte Mangelpunkt in einem konsequenten Fitnessprogramm ist, könnten solche interaktiven Programme durchaus Anreize liefern, die verschwitzte Fitnessclubs und die langweilige Runde rund um den Block eben nicht aufbieten. Das Fazit der Personal Trainerin? "Wii Fit wäre sicherlich zu einem normalen Fitnessprogramm eine gute Ergänzung, weil man durch das Halten der Körperspannung auf dem Board viele Übungen mitnimmt, die die Körperwahrnehmung ändern - und damit auch die Körperhaltung." Der "Vital Coach", wendet sie ein, ließe sich recht einfach überlisten, wenn man etwa den Pedometer schüttelt, um so die Schrittzahlen zu erzeugen.

Doch wer sich wie jedes Jahr schwört, nun aber wirklich etwas für die eigene Fitness zu tun, hat nun ein Argument mehr, täglich eine Stunde für die Videospielkonsole zu reservieren. (Gregor Wildermann, DER STANDARD Printausgabe, 25 April 2008)

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