Die Ausweglosigkeit als einzige Chance

25. April 2008, 10:53
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Erstickende Verhältnisse und die Versuche Jugendlicher, daraus auszubrechen, bilden einen thematischen Schwerpunkt beim Linzer Filmfestival

Linz – "Ich weiß es nicht." Auf jede Frage, die dem 14-jährigen Nicolas gestellt wird, kommt diese Antwort. Etwas anderes als Gleichgültigkeit hat er nie kennengelernt. Sein Lehrer ist bestenfalls oberflächlich an ihm interessiert, zu seinen Pflegeeltern findet er keinen Kontakt.

Charly, die dritte Regiearbeit der französischen Schauspielerin, Drehbuchautorin und Filmemacherin Isild Le Besco, erzählt eine Coming-of-Age-Geschichte, der jeglicher jugendlicher Überschwang fehlt. Die enervierende Trägheit, die die Hauptfigur an den Tag legt, wird von der unruhig geführten Handkamera nur noch akzentuiert. Auf dem Crossing-Europe-Filmfestival in Linz bildet Charly – zusammen mit Beiträgen wie Früher oder später von Ulrike von Ribbeck, dem mazedonischen Spielfilm I Am From Titov Veles oder Regarde-Moi von Audrey Estrogou – einen thematischen Schwerpunkt innerhalb des Wettbewerbs, der von Jugendlichen, erstickenden Verhältnissen und Ausbruchsversuchen handelt.

Für Nicolas beginnt der Aufbruch, als ihm eine Kopie von Wedekinds Frühlings Erwachen in die Hände gerät. Er stiehlt sich heimlich davon, mit nichts als einem fernen Postkartenziel vor Augen.

Die Prostituierte Charly findet ihn und nimmt ihn auf. Selbst noch eine Kindfrau, entwickelt sich zwischen ihr und Nicolas ein vertrauter Umgang auf Basis von Gegensätzen: die hyperaktive Charly muss ihre Umgebung stets penibel unter Kontrolle halten, während Nicolas lesend und dösend seinen Tag verbringt.

Charly folgt ästhetisch den Vorgaben des ungeschminkten Realismus’ eines Bruno Dumont, ohne dessen pessimistische Weltsicht zu teilen. Die gemeinsame Probe einer Szene aus Frühlings Erwachen verwandelt die Trostlosigkeit im engen Wohnwagen in die Weite einer Bühne und die Gewalt, von der Wedekind erzählt, in entdeckende Neugierde und Spielfreude.

Am Ende sieht Nicolas das Meer – und dem Film gelingt das Kunststück, diese im Kino schon tausendmal erzählte Schlussszene zugleich wissend zu zitieren und derart unmittelbar spürbar werden zu lassen, als würde man sie tatsächlich zum ersten Mal sehen.

Von ganz anderen aber verwandten Konstellationen berichtet die Dokumentation Allein in vier Wänden von Alexandra Westmeier. Die deutsch-russische Filmemacherin schildert den Alltag in der Besserungsanstalt Tscheljabinsk im Ural, in der über hundert Kinder und Jugendliche ihre Strafe absitzen. Manche sitzen wegen Gurkendiebstahl ein, andere wegen mehrfachen Mordes.

Besser als draußen

Dass sich die Haftstrafen in beiden Fällen nicht sonderlich unterscheiden, erklärt sich aus den besonderen Bedingungen dieses Ortes: Wer hier eingesperrt wird, hat es besser als draußen. Kleine Diebe, so die Logik der Gerichte, erhalten täglich zu essen und können ihre Ausbildung vollenden; für Mörder hingegen ist der Weg in ein "richtiges" Gefängnis ohnehin schon vorbestimmt, sie haben die Vorzüge des Anstaltlebens im Grunde genommen nicht verdient.

Die vorbildliche Disziplin und die Sauberkeit, die der Film zeigt, sind somit gerade ein spiegelverkehrter Verweis auf das Elend, den Hunger und die Perpektivenlosigkeit, die außerhalb dieser Mauern herrscht.

In klaren Bildern und konsequent aus der Sicht der Kinder, erzählt Westmeier von den Hoffnungen und Ängsten von Menschen, für die paradoxerweise gerade die räumliche Ausweglosigkeit die einzige Chance auf Zukunft darstellt. (Dietmar Kammerer, DER STANDARD/Printausgabe, 25.04.2008)

  • Disziplin als spiegelverkehrten Hinweis auf Verwahrlo-sung und Elend zeigt Alexandra Westmeiers Film "Allein in vier Wänden".
    foto: crossing europe

    Disziplin als spiegelverkehrten Hinweis auf Verwahrlo-sung und Elend zeigt Alexandra Westmeiers Film "Allein in vier Wänden".

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