Der Stil der Freiheit

24. April 2008, 17:58
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Daniela Fally singt in der Volksopern-Premiere von Rossinis "Barbier von Sevilla" - Ein Gespräch über mangelnde Opernerfahrung und die Moderne

Wien – Das klingt halb nach perfekter Karriereplanung, halb nach Märchen. Franz Welser-Möst war es, der Daniela Fally in Bad Ischl hörte und für Arabella als Fiakermilli an die Staatsoper holte. Obwohl, "so ganz direkt war’s nicht, weil ich schon an der Volksoper engagiert war. Das war lustig: Direktor Holender hat mich offenbar gesucht und schlussendlich an der Volksoper auch gefunden."

Am Währinger Gürtel ist sie seit 2005 engagiert – nur wenige Monate, nachdem sie ihr Studium an der Musikuniversität abgeschlossen hatte. Zunächst waren ihre Interessen weit gestreut. So studierte sie Publizistik ("Ich wäre Journalistin geworden, wenn es mit dem Singen nicht geklappt hätte."), befasste sich mit Musical und Schauspiel, aber "nur während der Ausbildung, ich habe gemerkt, dass das nicht zu mir gepasst hat. Dann kam die Liebe zur Oper, die ich vorher gar nicht kannte."

Erst mit 20 habe sie die erste Oper gesehen – und mit 21 bereits in der ersten gesungen, die Zerlina im Don Giovanni. Den Betrieb eroberte sie sich zunächst durch learning by doing: "Als ich zur ersten Produktion in die Schweiz gefahren bin, konnte ich nur meine Arien, dachte, die Rezitative lernt man in den sechs Wochen Probenzeit. Der Dirigent wollte mich gleich hinauswerfen. Ich konnte ihn aber doch überzeugen, dass ich das in einer Woche lernen durfte." Da hat sich wohl was geändert, zumal sich Fally inzwischen zu einem Aushängeschild der Volksoper entwickelt hat. Und an der Staatsoper ist sie zurzeit noch gern gesehener Gast, wie zuletzt, als sie für Diana Damrau als Zerbinetta einsprang; 2009 wird sie aber ins dortige Ensemble wechseln.

Ein Vergleich der beiden Häuser? "Um Gottes Willen! Sie bringen mich in Teufels Küche! Nein, im Ernst: Es lässt sich nicht vergleichen, beide bedienen ja unterschiedliche Zielgruppen. Die Staatsoper ist eines der drei bis vier wichtigsten Häuser der Welt – mit den größten Stars und anderen Möglichkeiten, schon finanzieller Natur. Die Volksoper ist ein wirkliches Mehrspartenhaus." Dieses sieht sie unter Direktor Robert Meyer "derzeit absolut im Aufwärtstrend. Sie hat wieder ein Profil bekommen. Ich kann nur schwärmen. Es ist ein gutes Klima, und es gibt sehr gute Sänger. Da gibt’s nichts zu bemängeln."

Das südliche Temperament

An der Volksoper, wo sie zuletzt die Olympia sang und sonst regelmäßig Adele, Ännchen oder Tytania verkörpert, bereitet Fally nun gerade die Rosina in Rossinis Barbier von Sevilla (Regie: Josef Ernst Köpplinger) vor. Solche Partien entsprächen ihrem Naturell, wie sie heiter erzählt: "Ich bin vom Storch falsch abgeworfen worden: Vom Temperament her gehöre ich eindeutig in den Süden." Denn sie sei, erzählt Fally, äußerst italophil, spricht Italienisch und möchte sich in Zukunft in Richtung Belcanto-Repertoire vorarbeiten. Die Rosina sei "gerade für einen Koloratursopran eine Herausforderung, weil die Rolle ursprünglich für Mezzosopran gedacht war. Das merkt man vor allem in den Rezitativen. Aber es gibt auch Freiheiten. Die Koloraturen kann ich legen, wie ich möchte – selbstverständlich aber immer stilgetreu."

Fragen der Moderne

Stilistisches Wissen sei ihr sehr wichtig, sagt die Sängerin: "Traditionen muss man kennen und kann sie dann immer noch brechen. So wie damals nicht alles schlecht war, ist auch in der Moderne nicht alles schlecht, man muss sich mit beidem auseinandersetzen." Apropos Moderne – ihr Verhältnis zum Zeitgenössischen beschreibt Fally als "sehr offen: Ich freue mich immer, wenn gute Stücke kommen. In den Mengen wie früher kommen sie aber leider nicht – wo sind die neuen Opern? Obwohl es Gott sei Dank manche gibt. Man muss aber kritisch anmerken, dass viele Stücke unsanglich sind. Ich habe keine Lust, in einer unmöglichen Lage Texte zu schreien. Es muss keine Melodie sein, kann auch atonal sein. Aber ich bin Sängerin, und entsprechend zu schreiben, gehört zum Kompositionshandwerk."

Zu ihrem Handwerk gehört für die 30-Jährige vor allem Routine: "Ich bin ja am Anfang. Wenn man eine Rolle zum ersten Mal singt, ist das noch gar nichts. Eine Rolle beginnt nach der zwölften Vorstellung, lebendig und verinnerlicht zu sein. Und dann ist sie auch um drei Uhr in der Früh abrufbar." (Daniel Ender, DER STANDARD/Printausgabe, 25.04.2008)

  • Daniela Fally: Eine Rolle beginnt erst  nach der zwölften Vorstellung, richtig lebendig und verinnerlicht zu sein. Und dann ist sie auch um drei Uhr in der Früh abrufbar."
    foto: cremer

    Daniela Fally: Eine Rolle beginnt erst nach der zwölften Vorstellung, richtig lebendig und verinnerlicht zu sein. Und dann ist sie auch um drei Uhr in der Früh abrufbar."

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