Natascha Kampusch: "Man kommt sich wie ein Tier im Zoo vor"

24. April 2008, 17:43
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Die "Heute"-Enthüllungen haben sie wütend, der sorglose Umgang mit Daten "sprachlos" gemacht

Wie Natascha Kampusch auf den Medienstress reagiert.

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Wien – Ein journalistisches Interview lebt von der Unmittelbarkeit des Gesprächs, vom spontanen, verbalen Hin und Her. In diesem Sinn hat der STANDARD mit Natascha Kampusch diesmal kein Interview geführt: Die folgenden Fragen und Antworten wurden per E-Mail ausgetauscht.

Überhaupt hat die 20-Jährige, seit ihr "Fall" nach den Heute-Veröffentlichungen wieder in aller Munde ist, keine direkten Journalistengespräche geführt. Dazu sei es "zu früh", sagt ihr Medienberater Dušan Uzelac, der mit seiner Klientin jetzt über das Verfassen eines "offenen Briefes" nachdenkt.

STANDARD: Ist es Ihrer Einschätzung nach möglich, dass es außer Wolfgang Priklopil noch andere Personen gab, die von Ihrer Gefangenschaft wussten. Vielleicht Personen, die nur mit dem Entführer, nicht jedoch mit Ihnen zu tun hatten?

Kampusch: Soweit ich das beurteilen kann, nein.

STANDARD: Was sagen Sie dazu, dass gerade Herr Adamovich als Leiter der Kampusch-Kommission weitere Täter nicht ausschließen möchte und damit die Diskussionen um Ihre Person am Kochen hält?

Kampusch: Das überrascht mich schon. Ich hätte mir von der Kommission eigentlich erwartet, dass sie sich in erster Linie der Aufklärung der offensichtlichen Ermittlungsfehler und Schlampereien in der Polizeiarbeit widmet. Immerhin gab es ja mehrfach zum Teil eindeutige Hinweise auf den Entführer. Wäre nur einem davon wirklich nachgegangen worden, hätte ich nach wenigen Wochen befreit werden können.

STANDARD: Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie vergangenen Freitag von dem "Heute"-Artikel erfuhren?

Kampusch: Wut. Gewöhnt bin ich ja schon einiges. Aber dass es dann so tief wird ...

STANDARD: Haben Sie einen Vorschlag, wie man derartige Veröffentlichungen, die die Intimsphäre verletzen, verhindern könnte?

Kampusch: Eine klare gesetzliche Regelung gibt es ja, die solche Berichte verbietet. Offensichtlich sind die Strafen aber zu gering, um abschreckend zu wirken. Es fehlt wohl auch ein entsprechendes Berufsethos, der dazu führt, dass ein Medium, das Anstandsgrenzen so eindeutig verletzt, abgelehnt wird. Da ist vor allem der Leser gefordert.

STANDARD: Was sagen Sie dazu, dass Aktenteile mit persönlichen Inhalten über Sie aus den Akten auf DVDs gepresst in den Parlamentsklubs verteilt worden sind?

Kampusch: Als ich das erfuhr, war ich absolut sprachlos. In einer Zeit, in der Datenschutz ein zentrales Thema der öffentlichen Diskussion ist und Ermittlungsbehörden immer weitere Kompetenzen erhalten, ist es schockierend mitzuerleben, wie mit sensiblen Daten tatsächlich umgegangen wird.

STANDARD: Werden Sie in diesen Tagen auch auf der Straße auf all diese Dinge angesprochen?

Kampusch: Direkt angesprochen nicht, aber die Reaktionen sind vielfach eigenartig. Man kommt sich wie ein Tier im Zoo vor.

STANDARD: Ist Ihnen öffentliche Aufmerksamkeit im Grunde eigentlich eher angenehm oder eher unangenehm?

Kampusch: Auf die Art der derzeitigen Aufmerksamkeit kann ich gerne verzichten. (Irene Brickner, DER STANDARD - Printausgabe, 25. April 2008)

  • Da es manchem Journalisten offensichtlich an "entsprechendem Berufsethos" fehle, sei "vor allem der Leser gefordert", meint Natascha Kampusch – hier auf einem Foto während des STANDARD-Interviews von vergangenem Februar.
    foto: standard/matthias cremer

    Da es manchem Journalisten offensichtlich an "entsprechendem Berufsethos" fehle, sei "vor allem der Leser gefordert", meint Natascha Kampusch – hier auf einem Foto während des STANDARD-Interviews von vergangenem Februar.

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