Auf der Suche nach einer neuen Basis für die Wissensgesellschaft

24. April 2008, 12:32
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Das Festival für Medienkunst verortet sich mit dem Titel "A New Cultural Economy" zwischen Urheberrecht, Informationsfluss und der Neudefinition von Besitz

Linz - Musik ist frei kopierbar, Informationen und Nachrichten sind jederzeit abrufbar, Open-Source-Software kann weitgehend kommerzielle Produkte ersetzen - die Welt ist in der lange gepriesenen Wissensgesellschaft angekommen und hat dort eine kräftige Überraschung erlebt: Denn jenes Wissen, das so wertvoll für den Einzelnen und die Gesellschaft sein soll und auch jener Vorsprung, den etwa Europa vor den wirtschaftlich starken asiatischen Ländern haben soll, ist plötzlich gratis zu bekommen. Das Linzer Computerkunstfestival Ars Electronica setzt sich unter dem Motto "A New Cultural Economy" von 4. bis 9. September damit auseinander, wie jenes viel gepriesene "Eigentum an seine Grenzen stößt", sagte Ars-Chef Gerfried Stocker.

Künstler, "Netzwerknomaden", Theoretiker, Rechtsgelehrte und Wissenschafter werden sich in den Ausstellungen und einem vom japanischen Internetguru Joi Ito geleiteten Symposium mit diesen neuen Realitäten der Informationsgesellschaft beschäftigen. Denn die Vertriebsindustrie kämpft zwar etwa im Musikbereich "für alte rechtliche Schutz-Instrumente", indem gerichtlich gegen Raubkopierer vorgegangen wird. Auch in der Pharmaindustrie und der Biotechnologie soll mit Patenten auf genetische Codes, Saatgut oder Lebewesen Geld gemacht werden. Aber "die gängige Vorstellung von Besitz passt nicht mehr", sagte Stocker. Paradebeispiel sei Google: Wirtschaftlich höchst erfolgreich, stellt das Unternehmen dennoch all seine Produkte den Usern gratis zur Verfügung und macht sein Geld anderswo - durchaus auch auf Arten, die für Kritik sorgen.

Gängige Vorstellungen der Wissensgesellschaft

Die Ars Electronica will nun die gängigen Vorstellungen der Wissensgesellschaft hinterfragen - denn diese sei "von verschiedenen Richtungen aus in der selben Sackgasse gelandet", so Stocker. Das Festival macht sich insbesondere auf die (theoretischen) Fersen einer "sharing economy", wie sie etwa in der Wissenschaft (mit frei zugänglichen Publikationen) oder der Open Source-Gemeinschaft (die gemeinsam Software erstellt, die dann alle nutzen können) bereits existiert. Dies "funktioniert wirklich", so Stocker. Und auch ehemals skeptische Zweige kommen schön langsam dahinter, was durch Gratis-Content oder freie (Online-)Vertriebswege gewonnen werden kann. Die in Urheberrechtsfragen derzeit noch mit allen Mitteln gegen Neuerungen kämpfende Musikindustrie macht dies übrigens selbst bereits seit Jahrzehnten: TV-Sendern zur Verfügung gestellte Musikvideos sorgten seit den 1980er Jahren für kräftige Verkaufszuwächse bei den Tonträgern.

Insbesondere das Urheberrecht sei im wahrsten Sinne des Wortes an seine Grenzen gestoßen, so Stocker: Es sei ein "enorm hoher Aufwand" selbst innerhalb der EU notwendig, wenn man Content (etwa TV-Sendungen) grenzüberschreitend anbieten will. Das Copyright sei jedoch "der gordische Knoten der Wissensgesellschaft", und dessen Neubewertung solle nicht den Juristen überlassen werden: "Wir brauchen breiten gesellschaftlichen Konsens" darüber, wie künftig mit urheberrechtlich geschützten Werken umgegangen werden soll, sagte Stocker.

Plan A, B, C

Dieses Thema sei der Abschluss einer programmatischen Phase der Ars Electronica, die sich in den jüngsten Festivals auf Veränderungen in der gesellschaftlichen Realität konzentriert hat. Das neue und bei weitem vergrößerte Center, das "nach derzeitigem Stand" am 1. Jänner pünktlich zu Beginn des Linzer EU-Kulturhauptstadtjahres eröffnet werden soll ("Ich gehe davon aus, dass wir das schaffen. Aber es gibt einen Plan B und einen Plan C"), wird nun "neue Themen" bringen, stellte Stocker in Aussicht. Als Probelauf für die Kulturhauptstadtjahr-Aktivitäten sieht Stocker das heurige Festival daher nicht. Es werde zwar kein "Festival auf Sparflamme" geben, jedoch seien die Einrichtung des neuen Hauses und die Vorbereitung von 2009 sehr fordernd. So werde es heuer keine "intensive Intervention" im öffentlichen Raum geben. (APA)

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    foto: ars electronica
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