Schanghai am Gürtel

25. April 2008, 17:00
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Wieder ein Versuch, in den Wiener Gürtelbögen ein Lokal mit Qualität zu etablieren - Dem "Neon" könnte es gelingen: Essen gut, Architektur super, Preise günstig - Und: null Verkehr!

Der Plan, den Gürtel durch die gastronomische Nutzung der Stadtbahnbögen vom Odium der Verkehrshölle und Rotlichtmeile zu befreien, um stattdessen einen Ausgeh-Boulevard zu schaffen, darf als gescheitert gelten. Zwar haben einige Lokale sich als Konzert-Location etabliert, hie und da soll man sogar ordentlich essen können - die meisten aber müssen seit Jahren als Billig-Tankstellen für minderjähriges Partyvolk das Auslangen finden.

Insofern hat sich der Gastronom Chen "Jay" Zhishi ziemlich was vorgenommen, als er sein Restaurant mit Schanghai-Küche ausgerechnet in zwei Gürtelbögen baute. Die sind Teil des neuen Bürokomplexes "Skyline" an der Heiligenstädter Straße - dort, wo der Gürtel beginnt und die Trasse der alten Stadtbahn sich zu einem Y aufteilt. Auf den nicht mehr benutzten Teil der Geleise wurde ein elliptischer Korpus gesetzt, in den Bögen Gastronomie untergebracht. Die Wirte können über einen verkehrsfreien, sonnigen Gastgarten verfügen und scheinen mehrheitlich auf Studenten der nahen WU zu hoffen. Die sollen möglichst auch im "Neon" zu Kunden werden (Mittagsmenüs ab € 5), gleichzeitig wird mit langen Öffnungszeiten, mit heftig lauter Musik und einer Cocktailbar auch um jene geworben, die bislang anderswo (am Gürtel) abfeierten.

Betont reduzierte Einrichtung

Der Unterschied liegt in der Qualität der Küche und, ganz speziell, der Gestaltung: Die Planung stammt vom Architektur- und Designbüro "Ten.Two" des gebürtigen Taiwanesen Chieh-Shu Tzou, dessen "Kaffeeküche" im Jonas-Reindl am Schottentor 2007 mit dem Design-Staatspreis prämiert wurde. Im "Neon" zeichnet Tzou auch für die betont reduzierte Einrichtung und das verspielte, die Formensprache des sozialistischen Realismus ironisierende Geschirr verantwortlich.

Das namensgebende Element ist eine rosa Neon-Installation, die sich über beide Stockwerke zieht und das Lokal in merkwürdiges, dem Teint aber durchaus zuträgliches Licht taucht. Gesessen wird auf niedrigen schwarzen Stühlen und Kunststoff-Kuben, gleich beim Eingang ist die offene Küche mit acht massiven Wok-Flammen und vier Köchen samt Mützen untergebracht.

"Feueratem des Wok"

Serviert wird von ethnisch durchmischtem, aber kaum chinesischem Personal, womit auch klar sein dürfte, warum die Speisekarte weder Nummern noch Schriftzeichen aufweist. Sehr empfehlenswert ist Tintenfisch Gong-Bao mit scharfer, rauchiger Sauce und dem in der chinesischen Küche so wichtigen "Wok Hay" (lässt sich als "Feueratem des Wok" übersetzen), der nur bei gut eingebrannten Woks und der richtigen Kombination aus großer Flamme, wenig Inhalt und geübtem Durchwirbeln der Ingredienzien entsteht. Auch die Nudelsuppe mit Hung Sao Rind überzeugt, speziell wegen der feinen Würzkombination aus Sternanis, Zimt, Ingwer und Soja. Rindfleisch mit getrockneten Mandarinenschalen ist eine spannende Kombination, die man am besten in größerer Runde bestellt, weil der Zitrusgeschmack ohne Abwechslung auf die Dauer gar intensiv wird. Nur gut gemeint und deshalb ehestens zu streichen: die heftige Erdbeer-Deko samt zuckersüßem Krautsalat auf jedem Teller. (Severin Corti/Der Standard/rondo/25/04/2008)

Neon
Gürtelbogen 215 / 216, Heiligenstädter Straße 29-31
1190 Wien
Tel.: (01) 908 17 72
Küche täglich 11-23 Uhr, VS € 2,80-4,90 HS € 6,50-14,90

Fotos: Gerhard Wasserbauer
  • Nicht am Bund, sondern am Gürtel:
    foto: gerhard wasserbauer

    Nicht am Bund, sondern am Gürtel:

  • Das Neon in Wien-Heiligenstadt bietet ziemlich authentische Schanghai-Küche...
    foto: gerhard wasserbauer

    Das Neon in Wien-Heiligenstadt bietet ziemlich authentische Schanghai-Küche...

  • ...und bemerkenswerte Architektur.
    foto: gerhard wasserbauer

    ...und bemerkenswerte Architektur.

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