Gebt Schallfreiheit

26. April 2008, 17:00
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Im Südtiroler Hochpustertal entkommt der Wanderer noch jeglicher Hüttenbeschallung

Ernst Strouhal genoss die Stille und verfasste einen Appell.

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Also, Frau Kulturministerin Schmied, ich hätte ein Projekt für Sie, ein schwieriges, tolles, innovatives Projekt. Eines, das zwar aller Kunstfreiheit zuwiderhandelt, aber für das es sich zu kämpfen lohnt. Frau Bundesministerin, schaffen Sie nicht nur Kultur, schaffen Sie auch manches ab. Schaffen Sie musikfreie Zonen in den Alpen - per Gesetz, Dekret, Bescheid, wie auch immer. Gewähren Sie Schallfreiheit und glauben Sie mir, Frau Ministerin, die Herzen würden Ihnen zufliegen wie schon lange nicht mehr: Ich spreche aus unmittelbarer Erfahrung.

Unser Land der Berge hat leider Echos. Wer in Österreich die Nähe zur Natur sucht, ist fortwährender Beschallung ausgesetzt. Zwischen Semmering und St. Anton, zwischen Schladming und Lech dröhnt organisierter Lärm aus Hütten, Jausenstationen, bis hoch hinauf auf die Gipfel und von dort hinunter. Da sitzt man am Nachmittag am Almrand mit herrlichem Talblick und empfängt statt Vogelgezwitscher und Kuhglockenläuten minutenlang die gebrüllte Zeile: "Oh Joana - du geile Sau." Immer wieder: "Oh Joana - du geile Sau."

"Ahrll torgether now!"

Man glaubt an einen auditiven Spuk, aber schon kündigt eine hysterische Lautsprecherstimme "uunserää geilee Mööhre", die "ultimaative Partyfrau", an. Möhre singt: "Pack ihn ein, la la la la, pack ihn ein, la la la la." Kaum ist das überstanden, folgt Mickie Krauses Alpinhit "Reiß die Hüttn ab", ein "erchter Hamma", wie die Stimme des Berghysterikers verspricht: "Reiß die Hüttn ab, ganz, ganz schnell, denn gleich wird's hell, denn gleich wird's hell." Unterbrochen wird das Lied vom gutturalen Schrei: "Ahrll torgether now!", dem eine unsichtbare, beängstigend fröhliche Singgemeinschaft ständig Folge leistet.

Man flieht von diesem Ort, macht erschöpft Rast in einer Bergstube. Doch kaum sitzt man, dröhnt schon in ungeheurer Lautstärke: "Drei weiße Tauben - die machen Gurú / Drei weiße Tauben - die scheißen dich zu. Gurú, gurú, gurú, gurú."

Bin ich wirklich zu empfindlich, Frau Ministerin? So viel ist von Ökologie die Rede, vom Naturschutz, aber ich kann weder wandern noch Ski fahren, wenn ich mir dabei die Ohren zuhalten muss. Gibt es nicht auch ein Recht auf kulturellen Schallschutz? Besteht da nicht Handlungsbedarf? Und: Gehört der Berg nicht auch irgendwie mir? Doch ich sehe schon: Aus meinem Projekt wird nichts werden. Die Ministerin wird mich lächelnd an die Gemeinden verweisen, und dort wird der Herr Bürgermeister die Achseln zucken: der Markt, der Markt, gurú, gurú.

Dolomitische Stille

Man muss sich selbst nach Alternativen umsehen. Die Wüste, ein Leben unter Wasser oder das Hochpustertal in Südtirol. Denn wer bei Sillian die Südtiroler Grenze überschreitet und dann bei Innichen nach links abbiegt, entdeckt nach ein paar Kilometern ein Dorf von relativer dolomitischer Stille. Sexten ist kein mondäner Ort, man kann dort nicht viel tun außer wandern, italienisch essen und in der Sonne sitzen, aber dieser Mangel an Betriebsamkeit ist für Lärmempfindliche ein nachgerade uneinholbarer Vorsprung.

Vom Ortszentrum führt ein Weg ins Fischleintal, das, vermeidet man die Hochsaison, tatsächlich ein idyllischer Ort am Fuße der berühmten Drei Zinnen ist. Es gibt noch viele andere Bergkolosse, rund 70 Dreitausender, über die der Karnische Höhenweg führt, aber die anderen Namen werden Sie alle wieder vergessen. Einheimische jedoch können mit einem Blick auf den Stand der Sonne über den Gipfeln ziemlich exakt die Zeit bestimmen. Die Bergkette aus Kalk und Dolomit, die das Tal seit 200 Millionen Jahren umgibt, funktioniert als natürliche Sonnenuhr. Die Zeit ist im Hochpustertal natürlich nicht stehengeblieben. Das berühmte Grand Hotel, einst Treffpunkt der Nomenklatura der Donaumonarchie, gibt es zwar nicht mehr, aber dafür moderat moderne Architektur. Das Hotel "Drei Zinnen" von Clemens Holzbauer von 1930 steht verdientermaßen unter Denkmalschutz und erzählt auch heute noch von der Sommer- und Winterfrische in der Zwischenkriegszeit.

Der Besitzerin Traudl Watschinger ist der Spagat zwischen Erhalt und Erneuerung gelungen. Die Watschingers gehören zu den Alteingesessenen in der Alta Pusteria, ebenso wie die Innerkoflers und die Tschurtschenthalers. Die Sippe der Letzteren lässt sich bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts zurückverfolgen, als Urahn Lienhard, der Stammvater aller Tschurtschenthalers, am Sextner Mitterberg auf 1700 Metern einen Hof betrieb. Sie waren fleißig und fruchtbar: Beim Familientreffen am Stammhof kamen bereits vor 50 Jahren über tausend Tschurtschenthalers aus aller Welt zusammen.

Weniger gebetet, kaum gefastet

Sexten ist seit dem frühen Mittelalter bewohnt und erlebte eine wechselvolle Geschichte. Über Jahrhunderte standen die Bauern unter dem Joch fremder Grundherren. Bettelarm war es hier, bis vor 150 Jahren ein paar verrückte Dolomitenkraxler den Alpinismus entdeckten und sich von den einheimischen Handwerkern auf die Berge leiten - und manchmal auch tragen - ließen. Seitdem ist die Schönheit der Zacken und Gletscher die Geschäftsgrundlage der meisten Sextner, und sie leben gut damit.

Das Brauchtum ist, wie der Dorfschullehrer und Historiker Rudolf Holzer bedauert, allerdings vielen nicht mehr so vertraut wie früher, es wird weniger gebetet und kaum noch gefastet. Die Moderne hat Wohlstand verbreitet und ihre Kollateralschäden im Bewusstsein angerichtet, auch der Urlaub am Bauernhof ist nicht mehr so ganz das, was er einmal war.

Der 450 Jahre alte Glinz-Hof etwa oberhalb von Innichen verfügt heute neben Schaf und Pony, ein paar Schweinderln und dekorativen Kühen vor allem aber über einen hocheffektiven Internet-Anschluss für das Gästewohl. Seitdem sein Hof im Katalog mit vier Blumen, die absolute Höchstzahl, ausgezeichnet wurde, hat der junge Besitzer Manfred Jud einen Wintergarten angebaut. Der Top-Biobauernhof bewegt sich, heißt es, im oberen Preissegment. Auf Zimmerfernsehen wird allerdings verzichtet. - "Ein paar Tage dauert's," so Manfred Jud mit einem Lächeln, das man schlau nennen könnte, "und die Gäste gewöhnen sich daran." Woran? "Ans Stillsein." (Ernst Strouhal/DER STANDARD/rondo/25/04/2008)

Allgemeine Informationen: Tourismusverband Hochpustertal, Consorzio Turistico Alta Pusteria (Pflegplatz 1, I-39038 Innichen), www.altapusteria.info
Tourismusverein Sexten: Dolomitenstr. 45, I-39030 Sexten, www.sexten.it

Anreise: Mit dem Auto über Tauernautobahn oder Felbertauern nach Lienz und weiter ins Hochpustertal; mit dem Zug von Wien-Westbahnhof bis Innichen (San Candido) und danach mit dem Bus; mit dem Autoreisezug von Wien-Südbahnhof bis Lienz.
  • Vom Sonnenstand vor markanten Gipfeln wie den Drei Zinnen lesen die Einheimischen routiniert die Uhrzeit ab.
    foto: tvb hochpustertal

    Vom Sonnenstand vor markanten Gipfeln wie den Drei Zinnen lesen die Einheimischen routiniert die Uhrzeit ab.

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