Spießig war einmal

26. April 2008, 17:00
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Der Nelke haftet der Nimbus des Vorgestrigen und Verstaubten an - zu Unrecht, behauptet Ute Woltron

Möglicherweise sind die Erinnerungen an die 70er-Jahre-Nelkensträuße schuld daran, dass man dieser Blume in unseren Breiten heute nicht mehr mit der gleichen Freude huldigt wie etwa der Rose.

Die waren tatsächlich eher von der mickrigen Partie, jedoch aus unerfindlichen Gründen eine Zeitlang State-of-the-Art der Blumenbinderei - man erinnere sich: Sie bestanden aus drei oder fünf langstieligen Exemplaren in Weiß, Rosa oder Rot, dazwischen befand sich zur Auffettung der sich durch eben diese Langstieligkeit ergebenden klaffenden Leere Schleierkraut oder etwas Grünes, ganz fein Gefedertes, das man Gartenschleier nannte und wie eine Art Asparagus aussah.

Unverwechselbarer Duft

Sobald Schwiegermütter, Klassenlehrerinnen und Vorgesetztengattinnen die mageren Kompositionen von Papierhüllen und haltgebenden Schnüren befreit und in Vasen untergebracht hatten, lösten sich die Sträuße unweigerlich in ihre Einzelteile auf. Nelken und Füllmaterialien strebten gewissermaßen hartnäckig möglichst weit auseinander, und jedes Teil starrte trist in eine andere Richtung plafondwärts.

Ja, so war das. So muss es aber nicht sein.

Denn zum einen kann man auch in der Nelkenstraußbinderei ein wenig Fantasie zur Anwendung bringen und solchermaßen zu flotteren Konstruktionen kommen. Zum Beispiel, indem man diese langen Stängel, an denen immer alles gescheitert ist, ganz kurz abschneidet und mit unknausrigen, die Zahl fünf doch recht deutlich überschreitenden Mengen arbeitet.

Zum anderen gehört der Familie der Caryophyllaceae eine unüberblickbare Masse der verschiedensten Nelkenarten und Nelkensorten an. Die meisten von ihnen zeichnen sich vor allem durch eines aus: durch einen unglaublich köstlichen, unverwechselbaren Duft. Nelken werden seit der Antike gezüchtet, es gibt sie in allen Größen und Farbnuancen, gefüllt oder schlicht, mit gezackten oder glatten Blütenrändern und in den bizarrsten Blatt-Farb-Kombinationen. Sie sind leicht zu ziehen, die meisten überdauern viele Jahre und blühen erfreulich konsequent.

Samen-Whizards Thompson & Morgan

In den Gartenmärkten sind allerdings meist nur ein paar Standardsorten zu kriegen, und da die fast so fad sind wie die besagten Edelnelkensträuße, empfiehlt sich der ohnehin mit mehr Freude als Mühsal verbundene Aufwand, diese reizenden Pflanzen einfach aus Samen zu ziehen. Wieder einmal ist der Weg ins Internet lohnend, man kann zum Beispiel bei den an dieser Stelle fast schon etablierten britischen Samen-Whizards Thompson & Morgan vorbeisurfen und sich beispielsweise an der kornblumenblauen Siberian Blues oder der rosa-lila-weiß geringelten Arctic Fire ergötzen.

Die Ansaat sollte drinnen oder im Glashaus erfolgen, damit hat man nötigenfalls noch Zeit bis Juni - nur vor den ersten Frösten sollten die ins Freie verfrachteten Jungpflanzen doch noch genug Muße haben, um ordentlich einwurzeln zu können.

Noch etwas: Ob zu hässlichen oder hübschen Sträußen gebunden - Nelken halten in der Vase sehr lange, bis zu drei, vier Wochen. (Ute Woltron/Der Standard/rondo/25/04/2008)

Tipp:
Um sich einen Überblick in Sachen Nelkenwelt zu verschaffen, kann man die British National Carnation Society im Internet besuchen (www.carnations.org.uk). Dort werden nicht nur regelmäßig die neuesten Züchtungen gezeigt, es gibt beispielsweise auch ausführliche Beschreibungen, wie etwas andere Nelkensträuße gebunden werden können. Vielleicht hatten die in Großbritannien ja auch irgendwann einmal eine Edelnelken-Mode, der entgegengewirkt werden musste.
  • Nelken halten in der Vase sehr lange, bis zu drei, vier Wochen.
    foto: matthias cremer

    Nelken halten in der Vase sehr lange, bis zu drei, vier Wochen.

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