Eine sehr illustre Gesellschaft

25. April 2008, 17:00
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Ohne Illustration würde manch Text ganz schön traurig aussehen - Eine Ausstellung in Wien zeigt, was die österreichische Szene draufhat

Zuerst ist ein breites Grinsen erkennbar, dann Augenpaare und Nasen und Haare. Im Zeitraffer flitzt die Hand mit dem schwarzen Stift über das weiße Papier, das auf einer beleuchteten Glasplatte liegt. Einige Arbeitsschritte und Farbschichten später schält sich unter den Siebdruckplatten ein schwarz-weiß-rosa Bild mit fünf ineinander verwobenen karikaturartigen Konterfeis hervor.

Die Gesichter gehören zu den fünf Mitgliedern der "Atzgerei", eines jungen Illustratoren- und Grafikdesignkollektivs, dem das Designforum bei der Arbeit über die Schulter geschaut hat. Die per Video festgehaltenen Methoden von neun unterschiedlichen Zeichnern sind Teil der Ausstellung "illustre", einer Schau, die sich erstmals seit Jahrzehnten der bisweilen stiefmütterlich behandelten "Illustration aus Österreich" und den dahinter liegenden Produktionsbedingungen widmet.

Technik des Siebdrucks

"Die meisten Arbeiten entstehen zu zweit", schildert Michael Hacker die Atzgerei-Arbeitsweise. "Es gibt aber immer fünf Konstellationen bei der Ideenfindung. Das ist nicht nur effizienter, sondern auch lustiger als allein zu arbeiten." Das Quintett genießt einen gewissen Exotenbonus in der relativ überschaubaren heimischen Illustratorenszene. Nicht nur, weil die meisten Zeichner allein arbeiten, sondern auch, weil die Atzgerei sich unter anderem der nahezu ausgestorbenen Technik des Siebdrucks bedient und die Kultur der von Hand gezeichneten und vervielfältigten Poster wiederbelebt. Das Interesse dafür ist an der Universität für angewandte Kunst entstanden, wo alle studier(t)en.

Weil der Siebdruck dort zu umständlich war, haben sie kurzerhand eine eigene Maschine gebastelt. So wie auch das meiste im Leben der fünf Freunde auf Improvisation beruht, von der Einrichtung in dem 2005 gegründeten Studio auf einem aufgelassenen Fabriksgelände am Stadtrand Wiens bis hin zur Arbeitsorganisation. Das ist auch notwendig, denn: "Die Budgets sind sehr klein und die Agenturen trauen sich selten, neue Wege zu erforschen. Leben können wir nicht davon." Aufträge wie Illustrationen für Magazine, die Gestaltung von Plattencovern oder Drucksorten für das Wiener Theater brut, sowie der Verkauf von limitierten Konzertpostern für Bands wie Sonic Youth und die Melvins bringen zwar Renommee, aber wenig bis gar kein Geld.

Die Situation der Atzgerei ist paradigmatisch für den Illustratorennachwuchs: Mangels spezifischer Ausbildung gilt der Grundsatz "learning by doing" - plus der Bereitschaft, vieles unbezahlt zu machen, selbst aktiv zu werden, erfinderisch zu sein und Nischen zu finden. Und bei all dem bloß nicht den Mut zu verlieren, denn der Markt ist klein, und Jobs sind rar, sofern man nicht zu den wenigen etablierten Illustratoren wie etwa Heinz Wolf, Rudi Klein oder Tex Rubinowitz gehört.

"Austrian Illustration"

Eine gewisse "Angst vor der Zeichnung", ein "Defizit an Lust und Interesse, bildnerisch zu arbeiten", attestiert auch Ausstellungsmacher Thomas Hamann, selbst als Illustrator tätig, den Werbeagenturen, Verlagen und Blattmachern in Österreich. Welche Bandbreite an Ansätzen und Stilen diese Designsparte zu bieten hat, soll anhand von neun Illustratoren gezeigt werden: von der klassischen Bilderbuchillustration über Storyboardzeichner in der Werbung bis zur wissenschaftlichen Illustration; von den "klassischen" Zeichungen von Renate Habisch über die Collagen von Gina Müller bis zu hauptsächlich am Computer generierten Bildwelten von Tom Mackinger. Letzterer hat vor sieben Jahren die Internet-Datenbank "Austrian Illustration" aufgebaut, wo rund 60 Illustratoren und Illustratorinnen ihre Arbeit präsentieren. "Als ich vor 20 Jahren anfing, war das goldene Illustrationszeitalter noch nicht vorbei", sagt Mackinger. "Heute wollen die meisten Art-Directors ein Maximum an Kontrolle und greifen lieber auf Fotos und internationale Illustratoren zurück."

Dass Illustration mehr sagen kann als so mancher Text, davon sind die fünf Jungspunde von der Atzgerei überzeugt, die sich bewusst im Grenzbereich zwischen Illustration, Grafikdesign, Comic und Street-Art bewegen. Sie blicken entspannt in die Zukunft. "Die Illustrationskunst wird in der Jugendkultur immer wichtiger. Es dauert halt seine Zeit, bis der Generationenwechsel vollzogen ist." (Karin Krichmayr/Der Standard/rondo/25/04/2008)

"Illlustre. Illustration aus Österreich", 29. April bis 2. Juni im Designforum/quartier21 im MQ Wien

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Prince George
Chiara Pucher
Atzgerei
  • Linda WolfsgruberBildgeschichten können sprechen,  wo Worte und Fotos versagen, ob in der  Werbung oder bei der wissenschaftlichen Illustration.
    foto: hersteller

    Linda Wolfsgruber

    Bildgeschichten können sprechen, wo Worte und Fotos versagen, ob in der Werbung oder bei der wissenschaftlichen Illustration.

  • Prince George
    foto: hersteller

    Prince George

  • Kerstin LuttenfeldnerVon der Zeichnung über Collage und Computergrafik bis zum Siebdruck:  Jeder Stil und jedes Mittel sind recht.
    foto: hersteller

    Kerstin Luttenfeldner

    Von der Zeichnung über Collage und Computergrafik bis zum Siebdruck: Jeder Stil und jedes Mittel sind recht.

  • Atzgerei
    foto: hersteller

    Atzgerei

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