Mehr als Apfel- und Wandertage

25. April 2008, 13:23
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Weniger Krankenstände, mehr Motivation: Unter­nehmer erkennen, dass sie und ihre Mitar­beiter von Betrieblicher Ge­sundheitsförderung profitieren – Einige wurden ausgezeichnet

Rückenschule, Fitnesstraining, Stressprävention und Ernährungscoaching – das sind einige wenige Beispiele für Maßnahmen, die Unternehmen in Österreich zur Gesundheitsförderung ihrer Mitarbeiter umsetzen. Mit gutem Grund: Sie profitieren davon, wenn ihre "Human Ressources" gesund sind, sich wohl fühlen und letztlich auch weniger Krankenstandstage in Anspruch nehmen.

Zum vierten Mal wurde Mittwochabend im Kursalon Wien der österreichische Preis für Betriebliche Gesundheitsförderung 2008 vergeben. Elf Unternehmen warenen nominiert. Prämiert wurden hervorragende Projekte in zwei Kategorien (Klein- und Mittelbetriebe bis 100 Mitarbeiter und Großbetriebe) sowie zwei Sonderpreise der Bundesarbeitskammer, der Wirtschaftskammer und der SVA der gewerblichen Wirtschaft.

Gewinner

Die Sieger: Die Firma B. Kern Baugesellschaft mbH aus Unterweißenbach in Oberösterreich in der Kategorie Klein- und Mittelbetriebe, die zusätzlich auch den Sonderpreis der Wirtschaft erhielt. Erstplatzierte in der Kategorie für Großbetriebe: die Volkshilfe Wien, die außerdem den Sonderpreis der Bundesarbeitskammer erhielt. Bundesministerin Andrea Kdolsky und OÖGKK-Obmann Alois Stöger als Repräsentant der Koordinationsstelle des Netzwerkes haben die Preise an die ausgezeichneten Firmen überreicht. derStandard.at/Karriere hat sich bei den Siegern und einigen der elf nominierten Betriebe umgehört und nachgefragt, was sie denn konkret für die Gesundheit ihrer Mitarbeiter tun.

Nachhaltige Zielgruppenorientierung

Zielgruppengenaue Arbeit, niederschwellige Angebote und individuelle Beratung, sind die Bausteine, auf die die Volkshilfe Wien baut. Als besondere Zielgruppe wurden "ältere" Arbeitnehmer speziell im Berufsfeld der "mobilen Pflege und Betreuung" gewählt. "Mitarbeiter im Reinigungsdienst haben nach der Umsetzung um 34 Prozent weniger Rückenschmerzen", gibt Projektmanager Martin Glashüttner ein Beispiel für die erfolgreiche Umsetzung.

Der Verein setzte bei der Ausarbeitung der gesundheitsfördernden Maßnahmen besonders auf die Partizipation der gesamten Belegschaft: "Erfolg daraus war ein besonders hoher Grad an Akzeptanz für die später umgesetzten Maßnahmen und das sind immerhin 30", so Glashüttner. Ein anderes erfolgreiches Beispiel: In der mobilen Pflege und Betreuung ist gesunde Ernährung nicht immer einfach, in einem einjährigen Schlankschlemmer-Programm konnten die Mitarbeiter daher lernen, ihre Ernährungsgewohnheiten umzustellen. "Haben sie ihr Zielgewicht bis Projektende gehalten, bekamen sie als Belohnung die bereits geförderten Kosten dafür retour", erklärt Glashüttner. Das Programm wurde von Ernährungsberatern und Sportwissenschaftern gestaltet

Es sei auch gelungen neue Strukturen im Unternehmen nachhaltig zu implementieren: Dazu zählen die Position eines Gesundheitsbeauftragten mit einem festgelegten Budget für Gesundheitsförderung, die Schaffung der Struktur des abteilungsübergreifenden Gesundheits-Teams und die nachhaltige Einbindung aller Unternehmensebenen in den Prozess der Gesundheitsförderung. Bei der Arbeitszufriedenheit der Mitarbeiter ist es gelungen, besonders die Kommunikation zwischen den Innen- und Außenteams zu verbessern.

Rückenschule und Coach

"Nur wem es gut geht, der kann auch Top-Leistungen erbringen", ist Philipp Kern, Geschäftsführer der B. Kern Baugesellschaft mbH überzeugt. Seit acht Jahren arbeite man mit einem Masseur zusammen, der besonders auf das bei Bauarbeitern latente Problem der Rückenschmerzen und Haltungsschäden eingeht. Und das mit sehr guten Erfolgen, so Kern: Sowohl beim Wohlbefinden der Mitarbeiter als auch bei der Entwicklung der Krankenstände. Seit fast sechs Jahren stehe den Mitarbeitern auch ein kostenloser Coach zur Verfügung, mit dem berufliche oder private Sorgen besprochen werden können.

Mehr als Schadstoffreduzierung

Die Anschaffung von Hebehilfen oder der Einbau von Partikelfiltern über den gesetzlich vorgeschriebenen Umfang hinaus sind wichtige Beispiele in nominierten Unternehmen wie Wolfram Bergbau und Hütten (Aufbereitungsbetrieb und Bergbaubetrieb) in Mittersill. Der Betrieb belegte den dritten Platz in der Kategorie Klein- und Mittelbetriebe. Doch auch für das psychische Gleichgewicht wird etwas getan: "Wir ermöglichen unseren Mitarbeitern eine Jobrotation, um die Monotonie bei der Arbeit zu vermeiden", erklärt Felix Gaul, Betriebsleiter Bergbau. Und noch eine Besonderheit gibt es dort: Fahrräder für innerbetriebliche Fahrten als Ersatz für PKW-Fahrten.

Soziales wird hochgeschrieben

Ebenfalls auf Partizipation setzt Max Oberhumer, Geschäftsführer des Feinpapierherstellers Sappi Gratkorn (Platz Drei in der Kategorie Großbetriebe): Ein eigenes Gesundheitsteam hat die Aufgabe Interesse am Gesundheitsbewusstsein der Mitarbeiter zu wecken. Das Team ist bunt gemischt, es besteht aus Werksärztin, Schichtarbeitern, Angestellten und Führungskräften. Organisiert werden Vorträge von Ärzten und Ernährungsberatern, sportliche Aktivitäten und Informationsmaterial. "Die Veranstaltungen werden von den Mitarbeitern und zum Teil auch von deren Familienmitgliedern mit großem Interesse besucht", freut sich Oberhumer.

In den vergangenen vier Jahren seien 60 Mitarbeiter zur "Gesundheitsvertrauensperson" ausgebildet worden. "Sie haben sich ein großes Wissen zum Thema Ergonomie erworben, das nicht nur auf gesundes Sitzen oder Bildschirmarbeit beschränkt ist", so Oberhumer. Auch beim nominierten Unternehmen addIT Dienstleistungen in Klagenfurt setzt man auf das soziale Miteinander im Zuge der Gesundheitsförderung: betriebsinterne Workout-Networks. Über ein elektronisches "Stimmungsbarometer" können die Mitarbeiter quartalsmäßig im Intranet ihr Befinden kundtun, Soft-Skills werden in eigenen Ausbildungsreihen gefördert. "Barrieren und Stressoren können so abgebaut werden, das Teamklima und die Führungskräfteentwicklung verbessern sich", so Marketing Managerin Manuela Krendl. (mat, derStandard.at, 23.4.2008)

Preis für Großbetriebe
1. Volkshilfe Wien
2. Infineon Technologies Austria AG
3. Sappi Austria Produktions GmbH & Co KG

Preis für Klein- und Mittelbetriebe:
1. B. Kern Baugesellschaft mbH
2. Klüber Lubrication Austria Ges.m.b.H.
3. Wolfram Bergbau und Hütten GmbH Nfg KG, Bereich Aufbereitung

Sonderpreis der Bundesarbeitskammer:
Volkshilfe Wien

Sonderpreis der Wirtschaft
vergeben von Wirtschaftskammer und SVA der gewerblichen Wirtschaft:
B. Kern Baugesellschaft mbH, Unterweißenbach (Oberösterreich)

Preis-Kriterien

Die eingereichten Unternehmensprojekte mussten fünf wesentlichen Qualitätsanforderungen entsprechen, um preiswürdig zu sein:

Zieldefinition: Definition von Zielen und Überprüfung der tatsächlichen Entwicklungen projektrelevanter Größen (z.B. krankheitsbedingte Fehlzeiten, Inanspruchnahme betrieblicher Gesundheitsangebote etc.).

Ganzheitlicher Gesundheitsbegriff: Umfassendes Gesundheitsverständnis durch die Verbindung von verhaltens- und verhältnisorientierten Maßnahmen

Partizipation: Breite Einbeziehung der MitarbeiterInnen in die Planung, Abwicklung und Umsetzung des Projektes

Systematisches Projektmanagement: Orientierung am Managementzyklus. Durchführung von Ist-Analyse, Planung, Umsetzung und Evaluation.

Integration: Integration der Grundsätze von Betrieblicher Gesundheitsförderung in die Unternehmenspolitik (z.B. Einbindung in das Firmenleitbild, Führungskräfteschulung, Personalentwicklung). Damit soll Nachhaltigkeit gewährleistet werden.

Link

Informationen zur Betrieblichen Gesundheitsförderung unter netzwerk-bgf.at

  • Nicht der Normalfall: entspannte Mitarbeiter
    foto: photodisc

    Nicht der Normalfall: entspannte Mitarbeiter

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