"Gedacht, die Welt dreht sich neu"

30. April 2008, 10:45
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Heinz Peischl, Trainer mit Schweiz-Erfahrung, im derStan­dard.at- Interview über die Nati vor der EM, Österreichs Verspätung und seinen neuen Job bei Trenkwalder

derStandard.at: Nach den Jahren in der Schweiz schon wieder eingewöhnt, in das hiesige Fußballgetriebe?

Peischl: Ja, kein Problem. Ich habe den österreichischen Fußball immer verfolgt, nicht nur die Bundesliga sondern auch die Red Zac Liga. Die Schweizer Grenze ist ja näher als man denkt.

derStandard.at: Sie haben Ihre erste Stelle als Cheftrainer im Ausland angenommen. War das geplant, oder hat sich's so ergeben?

Peischl: Die Geschichte ist einfach erklärt. Ich habe in Innsbruck meine ersten vier Jahre als Co-Trainer absolviert. Meine Beurlaubung ist mir dann über das Fernsehen mitgeteilt worden. Martin Kerscher war Präsident - und die Geschichte vom FC Tirol, was da herauskam, ist ja bekannt. Dass es der FC Wil geworden ist, war aber eigentlich die Schuld von Didi Constantini. Der hat mir gesagt, dass dort eine Stelle frei geworden ist. Ich habe dann angerufen und mich für den Job beworben.

derStandard.at: Apropos Tirol. Wie beurteilen Sie die aktuellen Vorgänge dort?

Peischl: Ich möchte nicht ins Detail gehen, aber ich hoffe, dass die beteiligten Herren jetzt wissen, was sie zu tun haben. Das betrifft alle. Als jemand, der noch immer mit dem Herz an dem Verein hängt, weil es eine der wichtigsten Stationen in meinem Leben war, finde ich es traurig, was jetzt passiert ist. Es tut mir weh für diesen Klub, diese Fankultur, dieses Umfeld.

derStandard.at: Bekommt man von außen eine andere Sicht auf die heimischen Verhältnisse?

Peischl: Das würde ich gar nicht sagen. Ich glaube, dass die Sorgen und Probleme, die sie in der Schweiz haben, ganz ähnliche sind wie hier.

derStandard.at: Wird der Blick aus der Distanz kritischer?

Peischl: Ich habe immer einen kritischen Blick. Ich wehre mich nie gegen konstruktive Kritik und Anstöße für neue Ideen. Gleichzeitig trete ich aber durchaus mit einem gewissen Selbstbewusstsein auf. Ich bin mit Leib und Seele Österreicher, zu einer gewissen Bodenständigkeit sollte man stehen.

derStandard.at: Die Schweiz und Österreich im Vergleich: Was sind die Unterschiede?

Peischl: Da bräuchte man viel Zeit, um das im Detail zu erläutern. Aber einige markante Punkte gibt es schon. Die Schweiz hat um 15 Jahre früher mit dem begonnen, was in Österreich erst mit der Initiative von Stronach ein bisschen losgegangen ist. Man hat ihn ja belächelt, als die Akademie in Hollabrunn gegründet wurde und er gesagt hat, 2010 wollen wir Weltmeister sein. Ich glaube, er wollte die Leute damit provozieren und ihnen die Augen öffnen. Es ging um einen Neubeginn in der Jugendarbeit. Da hat die Schweiz einen Vorsprung. Auch bei der Individualisierung des Trainings, gekoppelt mit Angeboten für Schule und Ausbildung.

derStandard.at: Was genau machen die Schweizer besser?

Peischl: Sie haben von den existierenden Konzepten das beste für sich herausgepickt, während wir immer sehr Deutschland-lastig waren. Die Schweiz hat jetzt 20 Legionäre in den Topligen - und die spielen auch! 75 Prozent aller Nationalspieler sind sogenannte Secondos, Kinder eingewanderter Eltern. Die wurden besser in den organisierten Fußball einbezogen, als in Österreich. Sie können sich bis zum 21. Lebensjahr entscheiden, für welches Land sie spielen wollen. Nicht so gut angekommen ist natürlich, dass Ivan Rakitic von Schalke jetzt für Kroatien antritt, nachdem er seine ganze Ausbildung in der Schweiz genossen hat.

derStandard.at: Trotzdem ist die Stimmung in der Schweiz vor der EM auch nicht so toll. Das Team hat einen Hänger. Waren die Erwartungen zu hoch?

Peischl: Die Schweizer haben 2006 eine hervorragende Weltmeisterschaft gespielt. Sie sind ohne Niederlage ausgeschieden. Da haben schon viele gedacht, die Welt dreht sich neu. Schließlich musste man aber erkennen, dass es Unterschiede zu den großen Nationen weiterhin gibt. Die Stimmung ist angespannt. Aber es ist vielleicht nicht so schlecht, wenn man wieder auf den Boden der Realität zurück kommt.

derStandard.at: Wie beurteilen Sie die letzten Auftritte der Österreicher? Können die Spiele gegen Deutschland und die Niederlande positiv bewertet werden, obwohl letztlich verloren wurde?

Peischl: Es gab in beiden Spielen ganz unterschiedliche Phasen. Einerseits können wir - wenn die Tagesform bei allen stimmt - besser sein, als uns viele zutrauen. Die andere Seite: Als es am Ende ans Eingemachte ging, gab es unübersehbare Probleme. Ich bin selber gespannt, was passieren wird, wenn dann der Druck eines EM-Turniers dazukommt. Ich hoffe, dass die Mannschaft mit ihrer Verantwortung gut wird umgehen können.

derStandard.at: Richtig, dass Teamchef Hickersberger den Forderungen nach Rückholung von Routiniers weitgehend widerstanden hat?

Peischl: Ich bin überzeugt, dass er die richtige Mischung finden wird. Der Pepi Hickersberger ist ein sehr umsichtiger Mann. Er weiß was er tut und wird instinktiv die richige Entscheidung treffen. Außerdem sollte man nicht vergessen: Vor ein paar Jahren hat man die, die jetzt gefordert werden, genussvoll aus dem Team hinausgeschossen.

derStandard.at: Sie schätzen Disziplin, haben in St. Gallen quasi den ganzen Kader ausgetauscht. Haben da Ihre Erfahrungen als Spieler unter Ernst Happel einen Einfluss gehabt?

Peischl: Die Geschichte wurde damals von einem Journalisten aufgebracht, der ein Problem mit mir hatte. Da waren in einem Artikel 64 Unwahrheiten drin. St. Gallen wurde Meister und hat dann mit demselben Kader zwei Saisonen lang gegen den Abstieg gekämpft. Man hat mich geholt, um eine neue Mannschaft aufzubauen, die wieder um UEFA-Cup-Plätze kämpfen kann. Das wurde nicht transportiert. Ich habe aber kein Problem damit, solche Dinge umzusetzen.

Disziplin ist eine Komponente, aber nicht die wichtigste. Im Fußball spielt soviel mit, dass ich am liebsten fünf Trainings am Tag machen würde. Er ist eine hervorragende Lebensschule. Mit Happel hat das nichts zu tun, obwohl ich viel von ihm gelernt und profitiert habe.

derStandard.at: Kann man die Situation bei Admira Schwadorf mit jener in St. Gallen vergleichen? Hier soll ja auch etwas Neues entstehen?

Peischl: Mich interessiert das Konzept des Herrn Trenkwalder. Ich möchte aber festhalten, dass ich erst im Jänner gekommen bin. Da ist der Kader schon gestanden. Jetzt gilt es, den Abstieg zu verhindern und gleichzeitig die Mannschaft so umzubilden, dass der Verein den Schritt in die Bundesliga schafft. Außerdem wollen wir mit der Akademie wieder an die Zeiten anschließen, in denen sie in Österreich einzigartig war und so viele Talente produziert hat. Ich erinnere an Kern, Zsak, Rodax oder Kühbauer.

derStandard.at Wie stehen Sie zu Lizenz-Transfers und Klubwanderungen, wie etwa auch der von Schwadorf in die Südstadt? Nimmt das nicht Ausmaße an, die für Fans und auch Spieler untragbar sind?

Peischl: Da ist der Verband Ansprechpartner. Der muss das regeln und wenn es klare Gesetze oder Vorgaben gibt, dann muss man sich auch darin bewegen können. Meine persönliche Empfindung dazu ist nicht relevant.

derStandard.at Sie haben am Ende Ihrer Karriere ein halbes Jahr in Argentinien bei San Lorenzo gespielt. Wie war das?

Peischl: Eine tolle Erfahrung. Leider machten die Innsbrucker Probleme mit dem Spielerpass und ich durfte nur in Freundschaftsspielen eingesetzt werden.

derStandard.at Das Engagement hätte also auch länger dauern können?

Peischl: Ich hätte gerne noch ein paar Jahre dort verbracht. Aber das kann ja als Trainer oder Privatperson noch werden. Es gibt viele und regelmäßige Kontakte. Aber jetzt bin ich einmal hier und ich gebe 100 Prozent, damit wir unsere Ziele erreichen können.

(Mit Heinz Peischl sprachen Thomas Hirner und Michael Robausch - derStandard.at, 27.4. 2008)

Zur Person:
Heinz Peischl (44) wurde als Spieler mit dem FC Tirol zweimal österreichischer Meister. Als Trainer arbeitete er von 2001 bis 2007 bei den Schweizer Erstligisten FC Wil, St. Gallen und FC Thun. Seit 2008 betreut er den Trenkwalder Sportklub Admira Schwadorf.
  • Heinz Peischl, vorsichtig optimistisch, über das Nationalteam: "Wenn die Tagesform bei allen stimmt, können wir besser sein als uns viele zutrauen."
    foto: derstandard.at/hirner

    Heinz Peischl, vorsichtig optimistisch, über das Nationalteam: "Wenn die Tagesform bei allen stimmt, können wir besser sein als uns viele zutrauen."

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