Und täglich grüßen Murmeltier - und Motte

24. April 2008, 17:10
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Je länger der Bawag-Prozess dauert, desto häufiger schieben einander die Angeklagten die Schuld zu. Am Mittwoch lief das Match Büttner gegen Flöttl

Je länger der Bawag-Prozess dauert, desto häufiger schieben einander die Angeklagten die Schuld zu. Am Mittwoch lief das Match Büttner gegen Flöttl. Helmut Elsner hat ein anderes Problem: Motten.

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Wien - Helmut Elsner hat ein Problem. Das wurde am 94. Tag des Bawag-Prozesses offenbar. Es gehört zur Familie der Schmetterlinge, aber zu den unangenehmeren. Es trägt den Namen Kleidermotte.

"Überall Motten", klagte der Ex-Bankchef am Mittwoch Richterin Claudia Bandion-Ortner sein Leid. Seine Frau Ruth ergänzte in einer Verhandlungspause, die Tiere seien in der Verhandlungsdecke (mit der Elsner sein hochgelagertes Bein nun nicht mehr zudeckt) ebenso wie in seinen Anzügen. Die nervenstarke Richterin kürzte die sich abzeichnende Diskussion ab: "Ich bringe Mottenkugeln mit."

Nach den Motten kam Gutachter Fritz Kleiner an die Reihe, auf dessen Programm Antworten auf 201 Fragen von Elsners Anwalt, Wolfgang Schubert, standen. Allein zu Textziffer 347 (ist 16 Zeilen lang) "wurden schon 35 Fragen gestellt, das möchte ich nur feststellen", fasste er das in Zahlen, was sich im Saal als Gereiztheit der Angeklagten und Juristen manifestiert und bei den wenigen Zuschauern als Ablenkungserscheinungen. Sogar Elsners Ehefrau, die jeden Vormittag zuhört, liest Zeitung.

Rund zehn Minuten dauerte etwa die Beantwortung einer Frage nach Details der Kreditverträge zwischen Bawag und Flöttl-Gesellschaften, die freilich "schon oft besprochen wurden", wie die Richterin stöhnte. "Ich komme mir schon vor wie im Film 'Und ewig grüßt das Murmeltier'", meinte sie, in einer Art Freud'schen Fehlleistung (das Murmeltier grüßt in dem Film, in dem sich ein Tag unablässig wiederholt, täglich). Detail am Rande: In Wirklichkeit ging es nur darum, dass der Gutachter das Wort "Gläubiger" mit "Schuldner" verwechselt hatte, "das hätten wir in 1,5 Sekunden klären können", konstatierte der Staatsanwalt.

Als Schubert ins Spiel brachte, dass Flöttl zwei Gesellschaften namens Ross Capital Management hatte (RCM; eine auf Bermuda, eine auf den Caymans; es gab auch noch eine Ross Ltd; aber das wussten die Angeklagten laut ihren Aussagen gar nicht), begannen sich Wolfgang Flöttls Nerven zu spannen. Flöttl beklagt die Verfahrensdauer ja schon seit längerem (allerdings hat er am Dienstag, Tag 93, eine Menge neuer Unterlagen mitgebracht), Schuberts Einwürfe seien "völlig irrlevant, Sie wollen ja nur Rauch erzeugen". (Schubert sagte, er "verblase" ihn.) Die Vermutung, dass in einer der beiden RCMs noch Geld vorhanden war, wies Flöttl zurück: "Nach dem Verlust 1998 waren beide Gesellschaften nichts wert".

Flöttls Fast-Explosion

Riesenwirbel entstand dann bei der Diskussion, warum die Bawag nach den Verlusten nicht in die ihr verpfändete (wertlose; Anm.) Flöttl-Gesellschaft eingestiegen sei.

Da schaltete sich Ex-Treasurer Christian Büttner ein, das wäre ein Schritt in eine "vollkommen andere Welt gewesen, dafür hätte es langwierige juristische Schritte gebraucht". Als er Flöttl vorwarf, der hätte für seine Geschäfte eigentlich Lizenzen gebraucht, riss dem Investor die Hutschnur. Aufgeregt sprang Flöttl auf, zischte in den Zeugenstand und "bevor er explodiert" (Bandion-Ortner) durfte er seine Version erzählen und dem Kontrahenten antworten: "Ich brauche keine Lizenz, was Sie sagen, stimmt nicht." Büttner blieb dabei: "Sie haben ganz klar eine Gratwanderung entlang der Regulatorien gemacht."

Nach dem Gemütsausbruch: zehn Minuten Beruhigungspause. (Renate Graber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.4.2008)

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