Kein Spielgeld für riskante Wege

22. April 2008, 19:51
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Studie über Wissenschaftsnetzwerke gibt Sozialwissenschaften schlechte Noten

Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften (GSK) sind deutlich schlechter vernetzt als Naturwissenschaften. Eine nicht gerade überraschende Erkenntnis, allein die Methode, wie sie zustande kam, hat Neuigkeitswert. Die Netzwerkanalytiker von FAS.research haben im Auftrag des Forschungsrates, des Wirtschaftsministeriums und der Forschungsförderungsgesellschaft FFG die Studie "Netzwerke der Wissensproduktion" vorgelegt. Dabei wurden zwei Datenquellen angezapft: die vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekte und Umfragedaten aus der kooperativen Forschung.

Die Ergebnisse sind für die GSK wie erwartet niederschmetternd: Zwischen 2002 und 2006 wurden vom FWF durchschnittlich 6,8 Projekte pro naturwissenschaftlicher Disziplin, aber nur 1,6 Projekte pro sozialwissenschaftlicher Disziplin gefördert. Was, so FAS-Leiter Harald Katzmair, nur eines bedeutet: "Naturwissenschafter haben viel mehr Chancen, riskante Wege zu gehen." Fehler seien erlaubt, radikale Innovationen dadurch möglich. Die GSK hätten kein "Spielgeld" für Forschung abseits der Kernbereiche. Die Folgen: ein verstärkter Verdrängungsdruck und damit auch weniger Netzwerke. "Man schaut eher eifersüchtig aufeinander als den Weg der Kooperation zu gehen."

Katzmair ortet fehlende Übersetzungskompetenz bei den GSK. "Deswegen wird ihr Output nur selten Input für weiterführende Forschung, die möglicherweise zu einer Anwendung führen könnte ." Man ziehe sich zu oft auf die Rolle der "Orientierungswissenschaften" zurück, die kein unmittelbares Ergebnis liefern müssen. Schon richtig, sagt Katzmair, die Isolation sei aber eine logische Folge davon. Ein weiteres Ergebnis der Studie: 40 Prozent der naturwissenschaftlichen Disziplinen sind nach 1989 entstanden, nur 26,8 Prozent der Geisteswissenschaften sind neu. Je jünger die Disziplin desto höher auch der Frauenanteil.

Katzmair sieht nur einen Ausweg. Man müsse mehr Kooperationen eingehen, wie das in vielen Fällen schon passiert; wenn zum Beispiel Politikwissenschafter wie Herbert Gottweis in großen Netzwerken an Biobanken arbeiten.

Katzmair stellt kommenden Donnerstag die Studie vor. "Kulturelle Gräben und mentale Barrieren: Lücken in den Netzwerken der Forschung", 24. 4., 18.30 Uhr, Haus der Musik, Seilerstätte 30, 1010 Wien. Danach diskutieren Experten: Josef Hochgerner, Zentrum für Soziale Innovation, Helga Nowotny, European Research Council, Edeltraud Stiftinger, Siemens AG Österreich, und Georg Stonawski vom Zentrum VRVis. (pi/DER STANDARD, Printausgabe, 23.4.2008)

  • Netzwerke der heimischen Forschung: Je dicker und dunkler eine Linie, desto mehr Projekte verbinden zwei Forschungsbereiche.
    foto: fas

    Netzwerke der heimischen Forschung: Je dicker und dunkler eine Linie, desto mehr Projekte verbinden zwei Forschungsbereiche.

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