Der WU-Rektor fordert "Plätze, wo man sich hinsetzen kann"

22. April 2008, 18:52
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Christoph Badelt, Rektor der WU Wien, plant gerade sein neues Uni-Gebäude auf dem Wiener Messegelände, das 2012 eröffnet werden soll

Standard: Was wird an der neuen WU anders sein als an der alten?

Badelt: Das Wichtigste ist, mehr Arbeitsplätze für Studierende zu schaffen. Die alten Uni-Bauten haben Hörsäle, davor vielleicht eine Stauzone und eine Bibliothek, in der man nur liest. Aber dass die Studierenden eigentlich an der Universität arbeiten sollen und Plätze brauchen, wo sie sich in Ruhe hinsetzen können, wurde viel zu wenig beachtet. Wir wollen für die Studierenden ein "Learning Center", das Beratung und Bibliothek zusammenfasst, wo das Lernen in all seinen Funktionen stattfinden kann. Für das wissenschaftliche Personal wollen wir Forschungsbedingungen, wo man für Studierende zugänglich ist, aber sich auch zurückziehen kann, wenn man Ruhe braucht.

Standard: Wie lässt sich dieses Ziel baulich umsetzen?

Badelt: Das ist eine der großen architektonischen Herausforderungen. Wir wollen den wissenschaftlichen Bereich räumlich in größeren Einheiten organisieren - Departments statt der heutigen Institute. Diese Departments haben eine Eingangszone, wo Studierende den ganzen Tag persönliche Betreuung erhalten können, mit Platz für Besprechungen und kleine Diskussionen und dahinter einen Bereich, wo die Forscher unter sich sind. Sie können sich ins Zimmer zurückziehen, aber auch davor mit Kolleginnen und Kollegen beim Kaffee Meinungen austauschen. Das entspricht dem aktuellen Organisationskonzept der Universität, aber bisher konnten wir das nicht umsetzen, weil das alte Haus dies nicht zuließ.

Standard: Brauchen Studierende in Zeiten des Internets noch eine klassische Bibliothek?

Badelt: Ich glaube nicht, dass eine Universität ohne Bücher denkbar ist. Das Learning Center wird mit aller moderner IT ausgestattet sein, muss aber auch die klassische Bibiotheksfunktionen erfüllen. Und zumindest für den Kernbereich der Wirtschaftswissenschaften sollen die Departments so an der Bibliothek liegen, dass die Mitarbeiter dort jederzeit hineinkönnen, auch außerhalb der Öffnungszeiten.

Standard: Und Hörsäle?

Badelt: Auch jetzt findet das Studium nicht mehr dominant im Hörsaal statt. In unserer Studieneingangsphase haben wir Großvorlesungen, aber dort geht nur eine Minderheit hin, ein Großteil nützt die Internetplattform. Allerdings sollte es an Universitäten möglich sein, Lehrveranstaltungen mit Vortrag und Diskussion abzuhalten. Wir brauchen vor allem kleinere und mittlere Hörsäle, die einen besseren Kommunikationsstil ermöglichen. In unmittelbarer Nähe soll es "Break-out-Zonen" geben, wo man sich nach einer Einführung in Gruppen aufteilen und später wieder zusammenkommen kann.

Standard: Was haben sie an ausländischen Unis gesehen, das Ihnen besonders gefällt?

Badelt: Wesentlich ist eine Aula, die ein gutes Kommunikationszentrum ist und das studentische Leben anregt. Wie müssen die Universität so bauen, dass sie sich mit der Umgebung und mit der Gesellschaft verbindet. Sie muss ein kulturelles Lebenszentrum werden.

Standard: Eine Uni, die 24 Stunden offen ist?

Badelt: Das ist auch eine Sicherheitsfrage. Wir können nicht alle Bürotrakte offen lassen. Aber es soll in der Bibliothek und im Learning Center einen 24-Stunden-Bereich geben.

Standard: Auch einen Campus mit Treffpunkten im Freien?

Badelt: Der Standort Messegelände hat neben der U2-Anbindung den Vorteil, dass er am Rande eines Erholungsgebietes liegt. Das Grundstück ist groß genug, dass wir mehrere Gebäude bauen und so eine Campusatmosphäre schaffen können, wenn auch nicht vergleichbar mit den großen Traditionsuniversitäten in den USA oder in England.

Standard: Und die Verbindung zur Stadt - wie soll die ausschauen?

Badelt: Wir wollen urbanes Leben hereinholen und dafür sorgen, dass es echte Attraktionen auf dem Areal außerhalb des Uni-Betriebs gibt. Eine Universität muss auch ein geistiges Zentrum sein, da müssen heiße politische Debatten stattfinden und originelle kulturelle Veranstaltungen zu günstigen Preisen. Und wenn das gekoppelt ist mit Plätzen, wo man auf ein Bier gehen kann, dann hat man schon gewonnen.

Standard: Wie wichtig ist die architektonische Qualität?

Badelt: Wir wollen zeigen, dass wir etwas Besonderes sind, das soll sich in der Architektur niederschlagen. Das Gebäude soll eine Landmark werden.

Standard: Hoffen Sie auf Unternehmen als Sponsoren für den Bau?

Badelt: Die Finanzierung der Grundstrukturen einer öffentlichen Universität sind Verpflichtung der öffentlichen Hand, und das ist auch gut so. Ich bezweifle, dass es in Österreich Sponsoren dieser Größe gibt, dazu fehlt uns die Tradition. Und wenn ich mich für so ein großes Projekt Sponsoren ausliefere, dann wollen die Einfluss nehmen auf das, was drinnen passiert. Aber wenn der Bau abgehakt ist, gibt es noch dutzende Möglichkeiten, mithilfe von Sponsoren Dinge zu verbessern.

Standard: Kann es sein, dass auch die neue Uni gleich nach der Eröffnung wieder zu klein sein wird?

Badelt: In Zeiten des offenen Hochschulzugangs lässt sich das nicht ausschließen. Aber das Entscheidende ist nicht die Nominalzahl der Studierenden, sondern deren Möglichkeit, auch physisch an der Universität zu sein. Die jetzige WU funktioniert nur, weil der Großteil der 23.000 Studierenden nicht da ist. Das ist das Grundproblem der österreichischen Bildungspolitik: Die lange Studiendauer, die hohe Drop-out-Zahl, und letztlich auch die niedrige Akademikerquote haben auch etwas mit den räumlichen Bedingungen zu tun.

Standard: Die Uni als Zentrum des studentischen Lebens?

Badelt: Unsere ohnehin bescheidene Platzausweitung ist nichts anderes als die räumliche Konsequenz aus der Ankündigung der Regierung, in den Bildungsbereich zu investieren. Wir wollen einen deutlichen Schritt zur Verdichtung des Studiums und dadurch zu höheren Erfolgszahlen setzen. Wenn Studierende zu einer Lehrveranstaltung kommen und dort keinen Platz zu arbeiten finden, dann fahren sie wieder heim oder gehen gleich ins Kaffeehaus. Sie sollen ruhig ins Kaffeehaus gehen, aber lieber auf der Uni. Wir brauchen Plätze, wo sie sich hinsetzen und etwas lernen können - und einen Sozialraum. (Eric Frey/DER STANDARD, Printausgabe, 23. April 2008)

ZUR PERSON

Christoph Badelt (57) ist Professor für Wirtschafts- und Sozialpolitik an der Wirtschaftsuniversität Wien, seit 2002 ihr Rektor und seit 2005 Präsident der Österreichischen Rektorenkonferenz. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

  • Auch die neuen Unis (im Bild Vorklinikum Graz) haben ihre Hörsäle, der Schwerpunkt des Lernens findet allerdings anderswo statt.
    foto: der standard/m lipus

    Auch die neuen Unis (im Bild Vorklinikum Graz) haben ihre Hörsäle, der Schwerpunkt des Lernens findet allerdings anderswo statt.

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