STANDARD-Gespräch mit Gustav: "Und dann die Brechung!"

23. April 2008, 14:24
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Die heimische Musikerin Eva Jantschitsch veröffentlicht ihr neues Album "Verlass die Stadt" und stellt es beim Donaufestival mit böser Blasmusik vor

Wien – Seit man im schweizerischen Kanton St. Gallen mit dem "Heidiland" ein alpenländisches Gegenstück zur Disney World errichtete, um so den Erfolg speziell der in Japan ungemein populären Zeichentrickserie Heidi auch touristisch zu nutzen, mehren sich die enttäuschten Beschwerden japanischer Besucherinnen bei Reiseveranstaltern: Der Himmel im Heidiland sei in der Realität leider nicht so blau und die Wiesen ganz und gar nicht so intensiv grün wie im Film. Das Leben – eine lieblose Kopie der Kunst?!

Eva Jantschitsch alias Gustav, die österreichische Musikerin, die mit liebreizend-teuflischem Gesang (Nena als böse Königin!) und ihrer elektronischen Trickkiste (Computerabsturz bei der Schlagerparade!) genau an dieser Bruchstelle zwischen Schein und Sein Schätze hebt, dazu im Interview: "Sehr gut! Die Japanerinnen haben natürlich absolut recht, sich zu beschweren! Ich bin ein großer Fan des Klischees. Cinemascope-Welten, größer als das eigentliche Leben. Sound and vision! Und dann die Brechung!"

Dass Jantschitsch nichts gegen jene starken Bilder hat, die man gemeinhin dem Kitsch zuordnet, belegte schon das Cover ihres Ende 2004 veröffentlichten, international zu Recht gefeierten Debütalbums Rettet die Wale. Farblich dramatisch in die Cinemascope-Knalligkeit gehend, schwimmt da in einer harsch collagierten alpinen Wunderwelt aus Sound of Music ein Killerwal durch einen Gebirgssee. Idyllen sind immer trügerisch.

Dazu arbeitete die damals als Retterin des Protestliedes gefeierte, in Wien lebende Grazerin auch musikalisch mit bewusst oberflächlichen, schlageresken oder Richtung Broadway-Musical gehenden Laptop-Arrangements und Melodien. Und sie baute in ihre klaren, scheinbar einbödigen deutschen Texte wie auch in die naiv geträllerten Melodien kunstvoll gesetzte akustische wie inhaltliche Störelemente: "Rettet die Wale und stürzt das System – und trennt euren Müll, denn viel Mist ist nicht schön."

Medienscheue Medienkunst

Gustav wurde bald als "Ikone der feministischen Musikszene" verehrt wie auch als "globalisierungskritisches Gewissen ihrer Generation". Ein bisschen viel für eine damals 26-jährige. Fast drei Jahre lang zog sie sich, vom Erfolg und dem Medienecho speziell in Österreich befremdet, zurück und gönnte Gustav eine Pause.

Die wegen besseren Wissens als studierte Medienkünstlerin naturgemäß extrem Medienscheue arbeitete lieber für Theater und Film. Jantschitsch legte sich in aller Stille auch eine Begleitband und eine Agentur zu, die ihr nun die Konzerte bucht: "Damit ich jemand anderem als mir und meiner Faulheit die Schuld geben kann! Außerdem ist es angenehmer, das eigentlich Quälende am Musikerinnendasein – also Instrumente schleppen, Soundchecks, die Gagen verhandeln, Autofahren – in einem sozialen Gefüge eingebettet zu ertragen."

Und Gustav gab nur ausgewählte Gastspiele in vorzugsweise wärmeren Weltgegenden. Mit Billigfluglinien und im Zweifel nur einem Laptop statt ihrer zwei Musiker Oliver Stotz und Elise Mory als Begleitorchester dürfen dann bei entsprechend bescheidender Lebensführung auch die Gagen niedriger werden; weil die Leute nicht mehr in die Clubs strömen, sondern 120 Euro für Madonna im Fußballstadion sparen müssen.

Bevor nun am 16. Mai mit Verlass die Stadt das zweite, etwas grimmiger, weil erfahrener klingende neue Album von Gustav erscheint, stellt Jantschitsch am Freitag beim Donaufestival in der Minoritenkirche von Krems/Stein das Werk erstmals live vor. Man wird dabei wunderbare neue Gänsehaut und/oder Lachfalten machende Lieder wie Abgesang, Neulich im Kanal oder Happy Birthday hören: "Heute wieder ein Jahr älter. Lacht nicht, ihr alle werdet sterben." Die wurden gewohnt eklektisch zwischen deutschem Schlager, falschem Pathos, innigem Gefühl, sizilianischen Mandolinen und gezinktem Urwald-Mambo aus dem Sampler oder Alleinunterhaltercharme an Bontempi-Orgel und billiger Drumbox konzipiert.

Kernstück des Albums wie auch des Konzerts in Krems dürfte eine Zusammenarbeit sein, mit der sich Jantschitsch nicht nur einen Jugendtraum erfüllt, sondern auch jugendliche Traumata aus ihrer Musikschulzeit zu überwinden versucht.

Für Alles renkt sich wieder ein (wie auch live bei einigen anderen Stücken) arbeitet Gustav mit der Wachauer Trachtenkapelle Dürnstein als etwas windschiefem Bläsersatz für einen mit Bibelzitaten vollgestellten, zum Weinen schönen Apokalypsewalzer. "Austro-Soul" im besten Sinne! Die Seele muss ja nicht immer erleuchtet, sie kann ja auch düster und klamm sein. Zitat: "Mach aus den Städten Schutt und Asche, ich will nie wieder Sonnenschein, ein Menschenleben weg genügt nicht, es müssen Gottesleben sein. Ich will die Kinder weinen hören, die Mütter einsam fleh’n am Grab – und keine Vögel soll’n mehr singen, nur unsere Melodien erklingen ..."

Jantschitsch: "Neben all den stockkonservativen Assoziationen und der Blasmusik als eher rechts politisiertem Klangkörper ist es doch auch einfach wunderschön, wenn man hier hört, dass sich die beteiligten Musiker eigentlich nicht mit dem Lied identifizieren. Es ist nicht das ihre. Da stimmt etwas nicht! Für mich als Städterin gibt es natürlich die Sehnsucht nach einer ländlichen Erlebnisrealität, einem Ort, an den ich mich wegwünschen kann, der ein besseres Leben verspricht. Andererseits erzähle ich natürlich von der Unmöglichkeit, außerhalb der Stadt zu existieren.“ Harter Stoff! Große Volkskunst. Mit der Betonung auf Hybrid und Hybris. (Christian Schachinger/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23. 4. 2008)

Gustav live: Fr., 25. 4., Minoritenkirche, Krems/Stein, 19.00
  • Eva Jantschitsch über ihr neues Gustav-Album "Verlass die Stadt": "Für mich als Städterin gibt es natürlich die Sehnsucht nach ländlicher Erlebnisrealität, einen Ort, der nicht schon besetzt ist."
    foto: robert newald

    Eva Jantschitsch über ihr neues Gustav-Album "Verlass die Stadt": "Für mich als Städterin gibt es natürlich die Sehnsucht nach ländlicher Erlebnisrealität, einen Ort, der nicht schon besetzt ist."

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