Von Tirana bis St. Petersburg

28. April 2008, 11:15
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Geografisch, politisch, historisch oder kulturell - Die unterschiedlichen Definitionen von "Osteuropa" zum Vergleich

Osteuropa, was ist das eigentlich genau? Als einzige Antwort auf diese Frage darf man seriöserweise keine Antwort geben, zumindest keine eindeutige. Eine Definition von Osteuropa kann immer nur ein Versuch einer Annäherung sein. Ganze Bände voller wissenschaftlicher Einordnungsversuche kommen zu keinem anderen Ergebnis.

Hört man heute "Osteuropa" oder gar "Ostblock", mischen sich unweigerlich Kalter-Krieg-Klischees ins Bild. Auch eines der erfolgreichsten Fantasybücher der Welt operiert noch heute mit dem Stereotyp des grimmigen Ostens, mit den Resten eines - ehemaligen - innereuropäischen Konkurrenzkampfes. Harry Potter kämpft beispielsweise gegen den bulgarischen "Todesser" Igor Karkaroff, gute Hexen werden nach Albanien verschleppt, wo sich auch die Verkörperung des Bösen, Graf Voldemort, aufhält. Im Kampf zwischen den guten und bösen Mächten folgen die Potter-Romane den Mustern des Kalten Krieges und führen so eine alte Einteilung Europas bis heute fort: die Unterscheidung zwischen dem zivilisierten und dem anderen Europa.

Eiserner Vorhang

Auch jetzt noch basiert die politische Definition von Osteuropa teilweise auf dieser Zweiteilung Europas während des Kalten Krieges. Alle ehemals kommunistischen Länder Europas, alles was sich auf dem europäischen Kontinent hinter dem Eisernen Vorhang befunden hat, wird als Osteuropa bezeichnet. Länder wie Polen und Tschechien gelten als "osteuropäisch", obwohl sie rein geografisch eigentlich zu Mitteleuropa gehören. Diese "politische Definition" hat sich im allgemeinen Gebrauch bis heute gehalten.

Byzantinisch geprägt

Im historisch-kulturellen Sinn kann man zu Osteuropa diejenigen Länder zählen, die kaum vom lateinisch-christlichen Westen Europas aus, sondern überwiegend von Byzanz (heutiges Istanbul) aus geprägt wurden und höchstens am Rande unter osmanischem Einfluss standen, das wären der europäische Teil Russlands und die größten Teile Weißrusslands und der Ukraine. Die so definierten osteuropäischen Länder sind historisch und kulturell maßgeblich von den orthodoxen Kirchen geprägt - im Gegensatz zum auch byzantinisch geformten, aber osmanisch überformten Balkan.

Unter dem Einfluss der jüngsten Geschichte werden oft auch Ostmitteleuropa und Südosteuropa zu Osteuropa gerechnet, wobei als Kerngebiet Ostmitteleuropas die sogenannte Visegrad-Gruppe (Polen, Slowakei, Tschechien und Ungarn) gilt und man auch noch Slowenien und Kroatien dazuzählt. Südosteuropa bezeichnet üblicherweise die Staaten der Balkanhalbinsel (Serbien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Kosovo, Makedonien, Albanien, Griechenland, Bulgarien) sowie Rumänien und die Republik Moldau. Auch diese Definition ist allerdings umstritten. (mhe, derStandard.at/28.4.2008)

  • Karte frei nach der politischen Definition von Osteuropa.
    grafik: utexas

    Karte frei nach der politischen Definition von Osteuropa.

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