Manchmal denke ich, dass Fußball eine Art Ersatzbefriedigung ist, die vor allem junge Menschen...
...von anderen, wesentlicheren Dingen des Lebens fernhält. Ein Opium des Volkes, dazu da, die Machthaber und deren Haberer zu schützen und zu stützen, das Volk nicht an Umbruch denken zu lassen.
Ein starres System wie das indische, das durch Kasten fest verfugt ist, hat Fußball nicht notwendig, braucht Sport nur für das Nationalgefühl. Aber ein labileres? Russland? Lateinamerika? Oder Ägypten, wo man dem Nil in die Augen und der Sphinx in die Nebenhöhlen schauen kann, 40 Prozent der Menschen in Armut leben, 80 Prozent der Frauen beschnitten sind, Internet-Blogger verhaftet werden, Misswirtschaft und Korruption regieren, Medien zensuriert werden, eine Steigerung der Brotpreise oder ein Einbruch im Tourismus für viele eine Existenzgefährdung ist, Studentinnen spätestens um 10 Uhr abends daheim sein müssen, es keinen Raum für Sex vor der Ehe gibt, man sich aber erst verheiraten kann, wenn die Existenz gesichert ist - also oft erst mit 35, 40, 50.
Ägypten ist der größte Abnehmer westlicher Pornografie und fußballverrückt, zweifacher Afrikameister. Nicht nur Männer, auch Frauen lieben diesen Sport, kennen alle Spieler, stürmen die Stadien. Hat also in diesem Land, wo die Religion eine gewaltige Rolle spielt, viele Frauen verschleiert sind, Polizisten, Parkwächter, Taxifahrer nicht nur den Koran lesen, sondern sich auch noch Gebetsdippel an der Stirn züchten, während die Jugend Chips und Cola liebt, überall alte Photos von Präsident Mubarak prangen, sich der Verdacht aufdrängt, man wartet, bis sein Sohn aussieht wie er vor 20 Jahren, um ihn unauffällig austauschen zu können, hat also in Ägypten der Fußball eine systemstabilisierende Funktion - ähnlich der Pornografie? Dienen beide Branchen dazu, die jungen Menschen ruhig zu halten, vom wirklichen Leben abzulenken?
Die Ägypter selbst sagen, sie haben nirgendwo so viel Freiheit wie beim Fußball. Gehört auch das noch zum Konzept? Und was macht der Fußball dann bei uns? Denn dass er die Gesellschaft ausfüllt und durchtränkt, etwas anderem den Platz verstellt, in Wirklichkeit etwas bewirkt, verwirkt?, wird niemand leugnen. Wohin ginge all die Energie und Emotion, all die Leidenschaft und Wut, wenn es keinen Fußball gäbe?
Dieselbe Frage stellt sich bei den Pornos. Beide hatten früher etwas Subversives, Anrüchiges, Schmuddeliges, sind in den letzten zwanzig Jahren aber dermaßen aufpoliert und kommerzialisiert worden, dass man sich nur fragen kann, was sich daraus wohl ägypt? Und vor allem auch: was nicht? (Franzobel ; DER STANDARD Printausgabe 22. April 2008)