Mit Präsident Fernando Lugo wird ein neuer Regierungsstil in Paraguay Einzug halten
Sein Vorgänger zeichnete sich durch deftige Rhetorik aus, der 56-jährige Ex-Bischof hingegen ist auch in seiner politischen Blitzkarriere ein besonnener Kirchenmann geblieben. Am Sonntag ging er gleich nach der Stimmabgabe zur Messe - und seine erste Pressekonferenz nach dem Sieg endete mit der Bitte um Gottes Segen für Paraguay. An seinem freundlichen Lächeln scheint jeder Angriff abzuprallen wie an einer Gummiwand.
"Er hatte immer für alle ein offenes Ohr, nie habe ich ein böses Wort aus seinem Mund gehört", erzählt der 23-jährige Informatikstudent Fernando Rivera, der Lugo aus dessen Zeit als Bischof kennt. Er habe nie in die Politik gewollt, behauptet der aus einer kinderreichen und traditionellen Colorado-Familie stammende Wahlsieger. Sein Onkel war ein Colorado-Politiker, der sich mit Diktator Alfredo Strössner überwarf und im Exil starb. Sein Vater wurde mehrfach verhaftet, drei Brüder gefoltert und des Landes verwiesen. Mit 19 Jahren trat der jüngste Spross der Lugos in die Kirche ein - um sich vor Repressalien zu schützen, sagen Bekannte. Der Missionar studierte in Rom Soziologie und ging nach Ecuador, wo er mit dem Befreiungstheologen Leonidas Proano in Kontakt kam.
1994 wurde er zum Bischof von San Pedro ernannt. 2006 bat er um Entlassung aus der Kirche - die Verfassung lässt keine Kandidatur von Geistlichen zu. Doch der Vatikan, der von politischen Aktivitäten nicht begeistert ist, suspendierte ihn lediglich.
Zur Präsidentschaft kam Lugo wie die Jungfrau zum Kinde: Als sich die Bürger vor zwei Jahren gegen die Wiederwahlabsichten von Staatschef Nicanor Duarte zusammenschlossen - Duarte hätte dafür die Verfassung ändern müssen -, trugen die Veranstalter Lugo die Verlesung eines gemeinsamen Manifests auf. Er akzeptierte - und seine politische Karriere nahm ihren Anfang. Der Mann mit dem silbergrauen Haar und der sonoren Stimme kam beim Publikum an. Wenige Monate später sammelten Bürger 100.000 Stimmen, um ihn um eine Kandidatur zu bitten.
Lugo ist kein schlagfertiger Rhetoriker, aber er wirkt authentisch und ehrlich - Eigenschaften, nach denen sich die Paraguayer offenbar nach 61 Jahren Vetternwirtschaft durch die Colorados sehnten. Der Befreiungstheologe sympathisiert zwar mit linken Ideen, will sich aber nicht mit Politikern wie Hugo Chávez vergleichen. Er sei ein Outsider, ein Mann der "goldenen Mitte", sagt er. (Sandra Weiss/DER STANDARD, Printausgabe, 22.4.2008)