Der Reiz einer "unmöglichen Rolle"

28. April 2008, 11:49
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Nina Stemme wird am Sonntag bei der "Siegfried"-Premiere an der Staatsoper die Brünnhilde singen - Über diese schwierige Rolle im STANDARD-Interview

Standard: Frau Stemme, Sie sind es gewohnt, viele Interviews zu geben. Nervt es Sie eigentlich, immer mit denselben Fragen konfrontiert zu sein?

Stemme: Das ist gar nicht unbedingt so. Es gibt doch so viele Kenner hier in Wien, daher ist das kein Thema.

Standard: Aber auch die Kenner wiederholen sich derzeit in einer Frage.

Stemme: Ja, die Frage zur Brünnhilde. Aber das habe ich ja schon vorher gewusst. Das ist immer so ein Riesenschritt und eine große Geschichte, auch für mich, die Erwartungen …

Standard: Woher kommt wohl diese enorme Aufmerksamkeit gegenüber dieser Rolle und dem Schritt dorthin?

Stemme: Das habe ich mich eigentlich auch immer gefragt. Es ist doch eine Rolle wie alle anderen (lacht). Nein, es ist schon eine Herausforderung, das merkt man, wenn man sie studiert. Es liegt anders, ist halt eine dramatische Partie …

Standard: ... die Sie lange für sich ausgeschlossen hatten. Was hat sich verändert?

Stemme: Die Entwicklung dieser Frau hat mich einfach interessiert. Ich wollte sie auf meine Art und Weise verkörpern, wenn die Stimme einmal reif dafür sein würde. Aber ich habe es auch bei meinen Kolleginnen gemerkt, dass man dadurch auch andere Partien ausschließt.

Standard: Bei den meisten Kolleginnen war es eine Einbahnstraße – eine Entwicklung, die sich nicht mehr umkehren lässt. Sie haben ja auch vor zehn Jahren noch die Pamina aus Mozarts "Zauberflöte" gesungen. War das für Sie ein natürlicher Weg von Mozart zu Richard Wagner?

Stemme: Es war nie gezwungen. Mozart war irgendwann vorbei; ich habe gespürt, dass etwas in mir weiterwill. Aber ich habe immer versucht, diese Strecke so langsam wie möglich zurückzulegen.

Standard: Ist es eigentlich wirklich ein guter Einstieg, mit der "Siegfried"-Brünnhilde zu beginnen, die nicht so dramatisch ist wie dieselbe Rolle in "Walküre" und "Götterdämmerung"?

Stemme: Ja, ich wollte immer damit beginnen, weil es die lyrischste Partie ist. Sie liegt nahe an Isolde, die ich 30- bis 40-mal gesungen habe – auch dadurch hat sich meine Stimme entwickelt. Insgesamt ist Brünnhilde eigentlich eine unmögliche Partie, weil sie in der Walküre so hochdramatisch ist und so tief liegt und dann zur verliebten Frau im Siegfried und zur Erlöserin in der Götterdämmerung wird. Für die Schmach und die Betrügereien, die sie da erleidet, braucht man wirklich sehr viel Stahl in der Stimme.

Standard: Das wird dann wohl dazu führen, dass man Sie endgültig auf Wagner festgelegt wird. Sie sagten immer, dass Sie das vermeiden wollten.

Stemme: Ja, aber das ist nun einmal so. Vorher habe ich mich mehr davor gefürchtet. Aber ich fühle mich bei Richard Wagner, bei seiner Musik, den vermittelten Gefühlen und seiner Poesie sehr zu Hause, ich bin immer zu ihm zurückgekommen. Er liegt mir sehr nahe. Aber ich finde es immer noch wahnsinnig interessant, Ausflüge zu Verdi mit seinem ganz anderen Temperament zu machen. Mit der italienischen Sprache kommt auch ein anderer Zugang, es verändert sich die Stimme.

Standard: Und das hilft der Stimmpflege, oder?

Stemme: Ja, aber beide helfen einander. Wagner soll ja auch Belcanto gesungen werden, so viel wie möglich. Und bei Giuseppe Verdi wiederholt sich der Text, bei Wagner nicht. Das verlangt nach viel mehr Wortdeutlichkeit und verlangt auch danach, dass man als Sängerin gut mit dem jeweiligen Orchester kommuniziert. Und das funktioniert hier in Wien gut: Die Musiker an der Staatsoper sitzen sehr hoch, sie können auf die Bühne schauen und sind wirkliche Teilnehmer bei der ganzen Geschichte.

Standard: Und auch der zukünftige Musikchef der Staatsoper, Dirigent Franz Welser-Möst, ist wohl jemand, der den Sängern sehr entgegenkommt.

Stemme: Ja, das ist er, das hört man in jeder Probe. Wir sprechen gar nicht so viel darüber, aber Welser-Möst ist sehr viel flexibel und hat die Augen sehr oft auf der Bühne, was ich dann doch sehr beruhigend finde. Daher traue ich mich, hier in Wien meine erste Brünnhilde zu singen. Denn das ist schon ein Wagnis.

Standard: Hilft es dabei, dass Sie nun schon das dritte Mal mit Regisseur Sven-Eric Bechtolf zusammenarbeiten?

Stemme: Ich kenne seine Art, und die ist wunderbar musikalisch. Bechtolf ist immer super vorbereitet, er weiß, was er will, er ist aber auch immer offen für neue Vorschläge. Die Arbeit an den beiden Teilen des Rings war bisher total unterschiedlich. Bei Siegfried hat Bechtolf mit einer Textanalyse angefangen, bei der Walküre waren die Gänge auf der Bühne der Anfang – dann kam die Analyse.

Man kann ja auch durch kleine Bewegungen sehr viel ausdrücken. Wenn man sich einen guten Schauspieler ansieht, dann merkt man, dass die ja gar nicht so viel machen, aber man glaubt, dass sie mit dem ganzen Körper etwas sagen. Man spürt einfach sofort, wenn etwas genau durchdacht ist. Das merke ich, wenn ich selbst im Publikum sitze. Wenn etwas gezielt eingesetzt ist, ist die Wirkung sehr groß. Und es kann auch schön sein, wenn plötzlich eine unerwartete Situation entsteht.

(Daniel Ender, DER STANDARD/Printausgabe, 22.04.2008)

Zur Person:
Die schwedische Sopranistin Nina Stemme, geboren in Stockholm, absolvierte zunächst ein Bratschen- und Wirtschaftsstudium und ist heute eine der gefragtesten Wagner-Sängerinnen. Mit EMI hat sie einen Exklusivvertrag.
  • Die schwedische Sängerin Nina Stemme, die schon bei der "Walküre"-Premiere an der Staatsoper als Sieglinde zugegen war und nun Brünnhilde sein wird, hat Subtiles vor: "Wagner soll ja auch Belcanto gesungen werden, so viel wie möglich."
    foto: staatsoper

    Die schwedische Sängerin Nina Stemme, die schon bei der "Walküre"-Premiere an der Staatsoper als Sieglinde zugegen war und nun Brünnhilde sein wird, hat Subtiles vor: "Wagner soll ja auch Belcanto gesungen werden, so viel wie möglich."

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