Vorwahlen in Pennsylvania könnten bei Demokraten die Vorentscheidung bringen - Wirtschaftslage ist zentrales Thema geworden - Angst vor Rezession steigt
"Halt den Arm gerade. Dreh deine Hand, bevor du die Kugel loslässt, sieh her, nur ein wenig. Das gibt den Effet." Roxanne Hart ist eine geduldige Lehrerin. Und bowlen kann sie wie eine Weltmeisterin. Kurz vorm Ziel beschreibt ihre Kugel genau die Kurve, die sie braucht, um schräg in die Kegel zu rollen und abzuräumen.
Blonde Haare, aufwändig hochgesteckt, die Bluse geblümt, die Füße in Badelatschen, wenn sie nicht kegelt: Das ist Roxanne. 43 Jahre alt, zweifache Mutter, Hausfrau – und seit kurzem berühmt. Das liegt an Barack Obama. Eines Abends kam er hereingeschneit ins "Pleasant Valley Bowl". Roxanne fotografierte drauflos, irgendwann fasste sie sich ein Herz: "Herr Senator, wie wär’s mit einer Kegelpartie?" Prompt bildeten die beiden ein Paar, Bahn 21, Rox und Bar, wie die Tafel anzeigte. Die Tipps, die sie ihm gab, nützten nicht viel, zu oft schob Obama die Kugel in die Rinne. Eine Kegelbahn komme ihm nicht ins Weiße Haus, scherzte er, eher ein Basketballplatz.
Stimmungs-Highlight
Begeistert waren sie trotzdem im "Valley Bowl". "Obama redete wie Average-Joe, wie du und ich", schwärmt Don, Roxannes Ehemann. Die zwei Kegel, auf die der Kandidat mit schwarzem Filzstift freundliche Widmungen schrieb, werden nie wieder aufgestellt, sie bleiben für immer in der Vitrine.
Sie konnten es gut gebrauchen, so ein Highlight. Die Stimmung ist schlecht, die Zeiten sind schwierig. Jean Montgomery, eine Rentnerin, der die Bowlingbahn zur Hälfte gehört, merkt es an der Zahl ihrer Kunden. Vor zwei Jahren war es samstags noch so voll, dass auf allen 32 Bahnen die Kugeln rollten. Heute ist sie froh, wenn die Hälfte belegt ist. "Die Leute wissen kaum noch, wie sie die Tanks ihrer Autos füllen sollen. Da bleibt nichts mehr übrig fürs Vergnügen."
Altoona, das war einmal eine Boomtown. Günstig gelegen zwischen den Stahlschmelzen Pittsburghs und den Häfen der Ostküste, lebte die Stadt von der Eisenbahn. Die Pennsylvania Railroad ließ Lokomotiven bauen und warten, beim Kathedralenbau stand der römische Petersdom Pate. Heute thront der graue Steinriese über einer Fußgängerzone, die zur Hälfte aus leeren Schaufenstern besteht. "Hier gibt es nur noch Kartonjobs", erzählt Don Hart. "Kisten auspacken, Regale einräumen, Wal-Mart, sage ich nur." Als Letzte schloss eine Kugellagerfabrik.
Er selbst hat noch Glück. Seit dreißig Jahren arbeitet er in einem Lager für Arzneimittel, immer am selben Ort. Seine Kinder Danielle und Matthew, ahnt Don, werden wegziehen müssen. "Hast du gehört, was Obama vorschlägt?", schaltet sich Jean Montgomery ein. "Für kleine Leute, die weniger als 75.000 Dollar im Jahr verdienen, will er die Steuern senken." Sie müssen lachen. "Fünfundsiebzigtausend!", ruft Jean, "das kriegt hier keiner von uns". Wer 75.000 Dollar macht, gilt in Altoona als Großverdiener.
Da ist es wieder, das Leitmotiv der Debatten vor der Primary in Pennsylvania. Die Frage, ob der Harvard-Jurist die Arbeiterklasse versteht. Vor Spendern im fernen San Francisco hatte Obama zu erklären versucht, wie es Menschen geht, die ihren Job verlieren. "Es überrascht doch nicht, dass sie bitter werden", dozierte er. "Dass sie sich an Waffen oder an die Religion klammern, dass sie Leute nicht mögen, die nicht sind wie sie – das alles erklärt sich aus ihrem Frust." Seitdem dreht sich die Diskussion darum, ob ihm das die Chancen im Milieu weißer Arbeiter vermasselt. "Ich gehe jeden Sonntag in die Kirche. Aber verbittert? Das bin ich nicht", sagt Roxanne Hart.
Kein Frust, aber Ärger
In der Corner Bar hängt Zigarettenqualm. Aus den Boxen dröhnt Bruce Springsteen, an den Wänden blinkt rot-weiße Harley-Davidson-Werbung. Jim, grauer Bürstenhaarschnitt, Oberarme wie Baumstämme, sitzt vor einem Glas Coors Light. Obamas These, dass sich einer wie Jim frustriert an seine Flinte klammert, entlockt ihm ein Kichern. "Meine Remington gehört zu mir, seit ich denken kann. Mit Frust hat das gar nichts zu tun." Aber verärgert ist er, oh ja.
Jim verlegt Pflastersteine. Die Aufträge tröpfeln nur noch, keiner gibt mehr Geld aus. "Schuld ist dieser Analphabet im Weißen Haus." Für George W. Bush hat sich Jim Strafen ausgedacht, die man druckreif nicht wiedergeben kann. Bill Clinton, den fand er gut, unter dem brummte der Wirtschaftsmotor. Daher tendiert er zu Hillary, wenn auch halbherzig. "All diesen Politikern müsste man groß ins Gebetbuch schreiben: Kümmert euch zuerst um Amerika. Hier habt ihr jede Menge Konflikte zu lösen." (Frank Herrmann aus Washington/DER STANDARD, Printausgabe, 22.4.2008)