Zur Verabredung mit Großmutters Beinen

21. April 2008, 17:50
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Joachim Meyerhoff setzt seine Vestibül-Soloabende mit der autobiografischen Serie "Alle Toten fliegen hoch" fort

Wien – Auf Rotiertellern in gläsernen Kuben liegen die Erinnerungsstücke des grandiosen Burg-Schauspielers Joachim Meyerhoff. Stofftiere aus der Kindheit, ein alter Pullover; in einem ist ein Biotop angelegt, sorgfältig drapierte Schuhpaare drehen sich um ein kleines Gipfelkreuz. Schon am Berliner Maxim-Gorki-Theater hatte Meyerhoff Soloabende gestaltet, im Burgtheater-Vestibül hatte nun Teil drei seiner autobiografischen Serie Alle Toten fliegen hoch Premiere, diesmal Die Beine meiner Großmutter untertitelt.

Diese Großmutter war die deutsche Theaterschauspielerin Inge Birkmann. Über sie und ihren Mann, den Philosophen Hermann Krings, berichtet Meyerhoff, wie gewohnt in hellgrauem Pullover im grünen Fauteuil aus einem Stoß Ausdrucke lesend. Meyerhoff, der seine Schauspielkraft so erklärte: "Man holt Dinge zu sich heran und geht der Frage nach, was sie einen angehen", hat eine schlichte, erlesene, ja sogar luxuriöse Form der Erzählkunst gefunden.

Die liebenswürdigen Eigenwilligkeiten der Großeltern, die er zärtlich in Episoden gliedert, die Ratschläge der Schauspielerin Birkmann an ihren Enkel ("Kein Mensch ist mit sich selbst eins, wie soll er es dann mit einer Rolle sein!?") – es kommt nicht auf die, wenngleich selten "durchschnittlichen" Personen und Erlebnisse im offenkundig bodenlosen Erinnerungstopf an, aus dem Meyerhoff, der im Burgtheater derzeit in Yasmina Rezas Der Gott des Gemetzels spielt, schöpft. Sondern: Meyerhoff befriedigt konkurrenzlos ein tief verankertes menschliches Grundbedürfnis, das im Grunde bloß verzweifelt nach Geschichten hungert – und jemandem, der sie eloquent zu erzählen weiß. (Isabella Hager, DER STANDARD/Printausgabe, 22.04.2008)

  • Joachim Meyerhoff im Vestibül: wieder am 4. 5.
    foto: werner

    Joachim Meyerhoff im Vestibül: wieder am 4. 5.

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