Der Stern von Margareten

9. April 2008, 19:00
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Prince & the Revolution, sagte N., hätten in den 80ern das Lied zu diesem Platz geschrieben

Es war gestern. Gegen Mittag. Da fragte N., ob ich mich noch an ihre Lieblingsplatte von damals erinnern könne. Und wenn ja, ob ich sie eventuell noch hätte. Weil das jetzt gerade zu Ort und Umfeld passe – obwohl das doch ein Song aus einer anderen Zeit, vielleicht sogar aus einem anderen Leben gewesen sei.

N. war ein großer Prince-Fan gewesen. Schon früher. Und auch wenn es im Nachhinein wahnsinnig cool war (und auch noch immer ist), damit angeben zu können, damals von N. ins U4 geschleppt worden zu sein, als Prince dort aufgetreten war, hatte ich immer zu jenen Menschen gehört, die offen bekannten, die wahre Größe des kleinen Mannes nie erkannt zu haben.

Charakterschwäche

N. hatte schon damals, als Prince ihr Held gewesen war, immer den Großmut gehabt, über diese Charakterschwäche hinwegzusehen. Und irgendwann war das Thema dann von selbst von der Tagesordnung gerutscht.

Umso mehr war ich überrascht, nun Jahre – und gefühlte Jahrhunderte – später so unvermittelt auf Prince angesprochen zu werden. Noch weniger verstand ich, was „Sometimes it Snows in April“ (war das nicht irgendwann Ende der 80er gewesen?) mit dem Hier & Jetzt zu tun haben sollte: Wir saßen im frisch eröffneten Gastgarten des Eissalons am Margaretenplatz – und es war beinahe ein bisserl Sommer.

Abendlicht

Aber N. fragt nie ohne Grund. Bloß wollte sie den nicht nennen. Zugegeben, meinte sie, bei Tag sie das jetzt vielleicht ein bisserl schwer zu erkennen. Und also auch nicht zu verstehen. Aber wenn ich am Abend hierher käme und bedächte, dass sie ein totaler Weihnachtsjunkie sei, dann würde ich ganz rasch sehen und verstehen, wieso sie jetzt und hier an Prince denken haben müsse. Aber für den Augenblick, sagte sie, genösse sie mein verständnislos-doofes Glotzen.

Natürlich bin ich am Abend wieder gekommen. Und – so wie es N. empfohlen hatte – die Margaretenstraße entlang von stadtauswärts: So (das hatte ich auch vorher gewusst) erschließt sich die Beinahe-Dorfplatz-Struktur des Platzes viel besser, als in Fahrtrichtung. Aber abends, hatte mich N. vorgewarnt, würde ich das nicht merken. Ich würde, hatte sie angekündigt, nämlich abgelenkt sein.

Gergely-Country

N. hatte Recht. Der Margaretenplatz könnte von Plattenbauten, Raiffeisensilos oder gotischen Kirchen umrahmt sein – ab dem Moment, in dem die Staßenbeleuchtung eingeschaltet ist, ginge das spurlos an mir vorüber. Denn hier, im Vorhof von Gergely-Country, ist Weihnachten. Immer noch. Oder schon wieder. Oder das ganze Jahr: Bäume und Astwerk sind mit Lichterketten durchwirkt, vom Schlossquadrat-Balkon ergießt sich ein gleißender Glitzerlampen-Wasserfall – und über der Fahrbahn hängen leuchtende Weihnachtssterne.

Und dass mir zumindest letztere nicht auch bei Tag aufgefallen waren, wunderte mich: Baumlampengirlanden zu übersehen, halte ich für eine lässliche Sünde – aber Weihnachtssterne in der Oberleitung? A. meint zwar, dass das vermutlich gar keine Weihnachtsterne sondern Bezirksblumen sein sollen (oder dazu erklärt werden, sobald jemand von vergessener Weihnachtsdeko spricht) – aber egal: Die Dinger sind ja trotzdem auch bei Tageslicht nicht unsichtbar.

Milde Nacht

In jedem Fall verstand ich N.: Weihnachtsbeleuchtung im April, just dann, wenn man sich das erste Mal überlegt, auch in der Nacht vor dem Heimradeln noch kurz im Freien stehen zu bleiben und auf den Stufen des Bezirksbrunnens zu chillen, kann schon seltsame Assoziationen hervorrufen. Etwa die Sehnsucht nach Schnee. Wegen der Weihnachtsfreak-Traumvorstellung von weißen Weihnachten in der Stadt. Prince ist da nur der logische next step.

Später, daheim, blätterte ich durch meine I-Tunes-Sammlung: Purple Rain fand ich. Schnee im April nicht. Irgendwann hatte ich die Nummer gehabt. Auf Vinyl. Aber das ist mittlerweile so weit weg, als wäre es ein anderes Leben auf einem anderen Stern gewesen. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 21. April 2008)

Jeweils montags und donnerstags eine Stadtgeschichte Thomas Rottenberg
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    foto: thomas rottenberg
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