Homöpathie breitenwirksamer machen

21. April 2008, 12:14
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Im 20. Jahrhundert entwickelte der Wiener Homöopath Mathias Dorcsi neue Konzepte und entzweite die Community in zwei Richtungen

Der Begründer der Homöopathie, Samuel Hahnemann, focht sein Leben lang einen erbitterten Kampf mit der Zunft der Apotheker aus. Das lag vor allem daran, dass er seine Medikamente grundsätzlich selbst zubereitete, um auf diese Weise sicherzugehen, dass seine Globuli und potenzierten Wässerchen den hohen Ansprüchen auch wirklich genügten.

Auch heute noch haben Apotheker wenig Freude mit der klassischen Homöopathie. Am Ende eines Erstgesprächs, das mehrere Stunden dauern kann, wird den Patienten meist nur eine einzige Arznei im Umfang weniger Kügelchen mitgegeben.

Ein Mittel für viele

Damit lässt sich kein großer Umsatz machen. Sogar bei den eindeutigsten Beschwerden stehen dutzende Mittel zur Auswahl, und damit ist immer der Ratschlag eines Experten nötig. Der Popularisierung und Verbreitung der Homöopathie stand diese Grundauffassung mitunter im Wege.

Der vor einigen Jahren verstorbene einflussreiche Wiener Homöopath Mathias Dorcsi führte deshalb den Begriff der sogenannten "bewährten Indikation" ein. Das heißt: Jeder Patient, der das gleiche Problem hat, kann auch das gleiche Mittel bekommen - also etwa Cuprum gegen Wadenkrämpfe oder Chamomilla bei Zahnungsbeschwerden. Das Prinzip der bewährten Indikation vereinfacht also die Individualisierung der Arzneiauswahl nach der Gesamtheit aller Symptome, wie es die klassische Homöopathie vorschreibt.

Ein noch radikalerer Schritt in Richtung besserer Vermarktung der Homöopathie war die Einführung von Komplexmitteln. Ein Klassiker ist beispielsweise das Mischpräparat Metavirulent, das vor allem für grippale Zustände verkauft wird. Ein klassischer Homöopath würde in so einem Fall aus rund hundert infrage kommenden Einzelmitteln das am besten zu den Beschwerden passende auswählen.

Grundsatzdiskussion

Aus diesen vollkommen unterschiedlichen Sichtweisen entstand ein veritabler Richtungsstreit. Zu Beginn der 90er-Jahre spaltete sich die Ärztegesellschaft für Klassische Homöopahtie (ÄKH) mit Sitz in Salzburg von der von Mathias Dorcsi stark geprägten Österreichischen Gesellschaft für Homöopathische Medizin (ÖGHM) ab.

Heute sind die Homöopathen, die nach bewährten Indikationen verschreiben, auch in der ÖGHM in der Minderheit. Insgesamt betrachtet ist aber die Wiener Gesellschaft sehr heterogen, neben klassischen Homöopathen vereint sie auch Homöopathen zahlreicher anderer Richtungen. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.4.2008)

  • Mathias Dorcsi (1923-2001) entwickelte Homöopathie weiter
    foto: standard/öghm

    Mathias Dorcsi (1923-2001) entwickelte Homöopathie weiter

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