Die Architektur des Musiktheaters: Zwei Uraufführungen bei der Münchner Biennale

28. April 2008, 11:49
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Vor zwanzig Jahren gründete Hans Werner Henze die Münchner Biennale - er wollte eine regelmäßige Werk- und Leistungsshow neuer Opern bieten

Die Mischung aus hochkomplexem Theater für Insider und den einem breiteren Publikum eher vermittelbaren Stücken hielten Henze und sein Nachfolger Peter Ruzicka zwei Jahrzehnte lang durch - und auch heuer gibt es Werke mit sehr unterschiedlichem Anspruch an Verstand, Ohren und Sitzfleisch. Das Konzertprogramm verbindet etwa Karlheinz Stockhausens Orchesterstück "Jubiläum" mit Uraufführungen von Peter Michael Hamel und Jens Joneleit. Im Zentrum des Interesses stehen indes vier Opernuraufführungen, wobei der Genrebegriff Oper sicherlich im ein oder anderen Fall zu diskutieren wäre.

Leider war der Biennale-Auftakt ein doppelter Flop. Jungstar Enno Poppe (Jahrgang 1969) setzte sich in Arbeit Nahrung Wohnung mit Robinson Crusoe auseinander. Gemeinsam mit Marcel Beyer schuf er gleichsam ein Assoziationsfeld rund um Robinson, Freitag und das Inseldasein. In 14 Szenen begegnen sich die Gestrandeten, verrichten Tagwerk und Nachtarbeiten, werden beinahe gerettet, wollen dies jedoch nicht. Des Öfteren kommt ein Männerchor vorbei und interagiert mit dem sehr merkwürdigen Duo. Robinson spricht, singt oder hyperventiliert, die Partie des Freitag ist konventioneller, gesanglicher gehalten. Hinzu kommt ein Synthesizerorchester nebst Schlagwerk.

Da der Text über weite Strecken nur aus Sprachspielereien, Wort-Assoziationsketten und Neologismen besteht, bleibt die "Handlung" auf der Strecke. Auch die Verbindung von Musik und Text ist schief, Poppe lässt es heftig elektronisch krachen, (er)findet ein paar originelle Klangspielchen wie das mal sanfte, mal eruptive Übergehen von Gesang ins Schlagzeug. Unseligerweise wirkt zudem Anna Viebrock als Regisseurin. Sie verlegt die Figuren in einen tristen Raum mit Miniküche. Wirkliche Personenführung findet nicht statt, es gibt Gags und Hampeleien, sonst herrscht Stillstand. Nach gut einer Stunde musste die Aufführung dann abgebrochen werden, da der Robinson-Darsteller Graham F. Valentine einen Schwächeanfall erlitt. Das, was man bis dahin in München sah und hörte, hinterließ einen sehr, sehr schalen Eindruck.

Mit Musik und Licht

Dafür wurde die zweite Premiere zu einem Triumph. Der Grazer Klaus Lang schuf in enger Zusammenarbeit mit der Regisseurin und Bühnenbildnerin Claudia Doderer einen ungemein sinnlichen Musik- und Lichtraum. architektur des regens nennt Lang sein Musiktheater, der Bezugspunkt ist ein altes japanisches Nô-Stück. Auf einem Spaziergang trifft ein Stadtmensch einen Holzfäller und spricht mit ihm über die Schönheit der Natur. Der Holzfäller entpuppt sich als Gottheit und zeigt dem skeptischen Flaneur eine tiefere Wirklichkeitsebene.

Zwei Soprane singen flirrende Linien, drei Bässe grundieren als "Klang der Landschaft" das (innere) Geschehen. Lang arbeitet mit zartesten Klangfiguren, tastendem Schlagzeug, sanften Streicherklängen. Es entsteht ein intensives Hörerlebnis, das durch den Bühnenraum wirkungsvoll verstärkt wird. Hinter einem Vorhang bewegen sich die Figuren schemenhaft in Lichtstimmungen, die vom späten Mark Rothko über Turner bis hin zu Noldes norddeutschen Wolkenbildern reichen. Exemplarisch setzten die Musiker des ensemble trioLog (Leitung Mark Rohde) die Musik um, die allerdings auch ein paar Längen besitzt. (Jörn Florian Fuchs aus München, DER STANDARD/Printausgabe, 21.04.2008)

  • Komponist Enno Poppe hatte Pech: Wegen eines Schwächeanfalls des Hauptdarstellers musste die Uraufführung von "Arbeit Nahrung Wohnung" abgebrochen werden.
    foto: biennale

    Komponist Enno Poppe hatte Pech: Wegen eines Schwächeanfalls des Hauptdarstellers musste die Uraufführung von "Arbeit Nahrung Wohnung" abgebrochen werden.

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