Tanzquartier & Mumok: Charakterbastler in der Floskelschmiede

28. April 2008, 11:52
posten

Mårten Spångberg, Heimo Zobernig und Tim Etchells geben sich in einem Gemeinschafts­projekt von Tanzquartier Wien und Mumok als feinsinnige Experten für das Lächerliche

Wien - Schlechte Kunst, also ein beachtlicher Teil dessen, was unter dem Titel Kunstwerk daherkommt, ist peinlich - außer für jene, die das anders sehen. Kunst, die mit dem Lächerlichen spielt, definiert dasselbe, wie Mårten Spångberg, Heimo Zobernig und Tim Etchells in der zweiten Hälfte von "Nichts ist aufregend. Nichts ist sexy. Nichts ist nicht peinlich" nachweisen konnten.

Der Performer und Theoretiker Spångberg liebt es, einen Narren aus sich zu machen, weil er weiß, dass die Narrentümelei als ehrenvolles Geschäft zum Kunstmachen gehört. Vor allem, wenn einer mit allen Wassern des Darstellens gewaschen ist. Das hat Spångberg mit Zobernig und Etchells gemeinsam. Aber an seinem "Untitled Slowfall" ist etwas Besonderes. Spångberg zieht sich nackt aus: nicht peinlich. Er zeichnet mit Filzstiften kleine Dinge auf eine Wand: ganz unpeinlich. Aber er tut es mit heiligem Ernst und pseudomeditativen Ingredienzen. Peinlich: das Ritualhafte, der Hang zum Essenziellen, das Zelebrieren des Dilettantischen! Ein Westler, der an seinen Chakren bastelt und Erleuchtungen kritzelt: eigentlich eine Lachnummer. Aber das Publikum bleibt ruhig. Es weiß, dass er weiß, was er tut, und dass er es deshalb macht, weil er mit der Weisheit hinter dem Lächerlichen jongliert.

So wird auch Dick und Doof genossen, als Transformation des Peinlichen zur Unterhaltung. Der bildende Künstler Heimo Zobernig ist zu "Zobernig erklärt seinem Double, wie man eine Performance macht" nicht gekommen. Jakob Lena Knebel und Lone Haugaard Madsen gaben seine Doubles ab. Sie suchten ironisch zu erklären, warum sie da waren, mokierten sich über die Situation. Das Publikum genoss die Doppelconférence-Stimmung.

Im Wissen, dass der künstlerische Profit von Blödelei nicht hoch ist, scheint Tim Etchells von "Forced Entertainment" eine Art Gegenposition zu Spångberg und Zobernig einzunehmen. Sein von Jim Fletcher vorgetragener Monolog "Sight is the sense that dying people tend to loose first" schneidet tief in die Strukturen der alltäglichen Sprachanwendungen. Fasziniert von der Abgründigkeit der Floskel beschwört Etchells den Zusammenbruch der Tiefsinnigkeit im Konversationsfeld. Banale Behauptungen, pointierte Feststellungen und vertraute Binsenweisheiten werden zu einem raffiniert geknüpften Netz unterschiedlicher Assoziationsstränge verbunden.

Es sind überwiegend Männer, die in dieser "Peinlichkeit"-Kuratierung als Experten konsultiert wurden. Das hat einen tieferen Sinn, denn das Mannsein ist zurzeit in der intellektuellen Elite ein ambivalenter Zustand. Eine dezidiertere Frauenpräsenz wäre naheliegend gewesen, wo doch gerade das Verhältnis der Geschlechter einen Gutteil aller Peinlichkeit dieser Welt produziert. Aber vielleicht sollte gerade diese Vordergründigkeit vermieden werden. (Helmut Ploebst, DER STANDARD/Printausgabe, 21.04.2008)

  • Banale Behauptungen und allzu vertraute Binsenweisheiten werden von Tim Etchells interessant verarbeitet.
    foto: tanzquartier

    Banale Behauptungen und allzu vertraute Binsenweisheiten werden von Tim Etchells interessant verarbeitet.

Share if you care.