Das Mendel'sche Gesetz heißt: Lieben

20. April 2008, 18:40
2 Postings

Mit der Inszenierung Joseph Roths "Hiob"-Roman gelingt Johan Simons in München eine berührende Meditation über die Moderne - Ab 20. Mai bei den Wiener Festwochen

An Joseph Roths Romangestalt des ostjüdischen Bibellehrers Mendel Singer, den das Schicksal so lange prüft und heimsucht, bis er an der göttlichen Einrichtung der Welt verzweifelt, haftet ein Makel. Dieser Mendel alias Hiob, der nacheinander alle seine Angehörigen verliert, der den jüngsten Sohn Menuchim, einen hilflosen Epileptiker, der eigenen Bequemlichkeit opfert, indem er ihn in Europa zurücklässt, ist nicht bloß ein Spielball des launenhaften Geschicks - er selbst ist offenkundig das Problem.

Wie ein etwas klobig zugehauener Stein ruht Mendel (André Jung) in den Münchner Kammerspielen auf der Trittkante eines Jahrmarktkarussells. Die kleinen Augen hinter großen Gläsern versteckt, das sich lichtende Wirrhaar jahrein, jahraus unter immer der gleichen Mütze zusammengeklebt, gibt Jung den Hausvater in Strümpfen. Niemand ist gehalten, dieses Monument der Gottesfürchtigkeit ernst zu nehmen. Seine Spießigkeit, vorgetragen mit der hölzernen Redlichkeit eines Baudezernenten im Feierabendpullover, erdrückt aber auch alle Angehörigen. Diesen droht die Erstickung durch die allgemeine, abstrakte Menschenliebe.

In den Münchner Kammerspielen faltet Regisseur Johan Simons Joseph Roths zum Weinen schönen Emigrationsroman (1930) noch einmal wie ein stockfleckiges Konzeptpapier auseinander. Er erzählt aber nicht über den letzten Jahrhundertbeginn - als die Masse der ostjüdischen Armen die europäische Kriegskatastrophe verwinden musste, ohne etwas von der Massenvernichtung gut zehn Jahre nach 1930 ahnen zu können.

"Love" und "Death"

Ausstatter Bert Neumanns mit den Wörtern "Birth", "Love" und "Death" beklebtes Ringelspiel bleibt von Tuchfahnen verhängt. Mendels Kinder drängen mit Macht nach draußen - hinaus ins "tätige Leben", in ein Feld der Lebenschancen und des ungehinderten Konsums, wenn dergleichen in Käffern wie Zuchnow überhaupt für sie vorgesehen wäre.

Menuchim (Sylvana Krappatsch), der "ungeratene" Jüngste, schlottert in epileptischen Zuckungen. Er wird vom Vater wie von der streng frisierten Mutter (Hildegard Schmahl) wie ein Stück Hausrat unter den Karussellrand gepackt. Die Geschwister zerren und schütteln an ihm wie an einer Gliederpuppe.

Die Schauspieler müssen in Simons' betörend kluger Arbeit den Überdruck unleidlicher Verhältnisse in den jeweils knappestmöglichen Haltungen und Gesten ausstellen. Träumt Sohn Jonas (Steven Scharf) vom Leben der Soldaten, stampft er, der doch auch "Bauernmädchen schwängern" möchte, mit rollenden Augen wie ein Zugtier im Geschirr. Die mannstolle Schwester Mirjam (Wiebke Puls) tut es ihm gleich - die Beine entblößend, im trostlosen Begehrlichkeitsklima sozialistischer Vororte.

Dem anderen Sohn Schemarjah (Edmund Telgenkämper) gelingt in einer bösen Gewitterstimmung, die durchsetzt ist mit dräuendem Flirren und Kosakenliedwispern, die Flucht ins Freie: hinüber nach Amerika, wo Mendel, der Menuchim zurücklässt, prompt keinen mehr Halt findet.

Wie ein etwas korpulentes Kind sitzt Mendel auf dem Karussell. Von einem Stoß ineinander gesteckter Gartenstühle lässt er die Füßchen herunterbaumeln und stellt dem "amerikanischen Traum" in schöner Selbstgefälligkeit ein so verheerendes wie zutreffendes Zeugnis aus. Wenn dann alle tot sind - Schmahls Mutter wie ein Schatten verschwunden, die Tochter mit dem wallenden Blondhaar in das Reich der Einbildung verräumt -, beginnt Mendels Hader. Von der Kanzel eines Gartensessels herab will er "Gott verbrennen".

Er mengt sich als Lohnbettler in die jüdische Gemeinde. Er dreht mit dicken Kinderfingern an Grammofonplatten, während das Karussell hinter ihm ins Taumeln gerät. Menuchim, inzwischen ein berühmter Dirigent, kommt und löst seinen geprüften Vater aus. Krappatsch, gekleidet wie ein Kadett, ist ein spätes, schlichtes Echo aus jenen späten Bertolt-Brecht-Stücken, in denen die Vernunft noch einmal ihre milde Sorge über die Menschen- (und Gotteskinder?) behauptet. So endet, unter frenetischem Jubel, in München eine der berührendsten Inszenierungen seit sehr langer Zeit. Sie wird den Wiener Festwochen zur Zierde gereichen. (Ronald Pohl aus München, DER STANDARD/Printausgabe, 21.04.2008)

20. bis 22. 5., Theater an der Wien, jeweils 19.30 Uhr
  • Als in Galizien die alte Pädagogik noch geholfen hat: Mendel Singer (André Jung) züchtigt seine freiheitsdürstenden Söhne (Steven Scharf, li., und Edmund Telgen-kämper).
    foto: pohlmann

    Als in Galizien die alte Pädagogik noch geholfen hat: Mendel Singer (André Jung) züchtigt seine freiheitsdürstenden Söhne (Steven Scharf, li., und Edmund Telgen-kämper).

Share if you care.