Atzgersdorf: Der langsame Tod der alten Friedhofsgründe

Redaktion, 18. April 2008, 21:38
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    foto: stadt wien

    Atzgersdorf: Die Umwidmung des Friedhofareals in Bauland soll noch vor dem Sommer über die Bühne gehen.

Als "äußerst verhängnisvoll" bezeichnete das Kontrollamt 2001 eine Bebauung - Dennoch sollen dort bald neue Wohnungen entstehen

Mitte der Neunziger erachtete die Stadtregierung den Flecken Grün zwischen Reklewski- und Eduard-Kittenberger-Gasse in Liesing noch als "wertvoll" und "sichernswert". So steht es jedenfalls im Konzept zur Erhaltung des Grüngürtels. Ein paar Jahr später war dann alles anders: Nachdem der Bauträger Wien Süd die acht Hektar gekauft hatte, bemühte man sich mehrfach um eine Umwidmung des Grundstücks neben dem Atzgersdorfer Friedhof in Bauland. Sehr zum Ärger der Wiener Grünen, die 2001 einen Antrag auf Überprüfung durch das Kontrollamt stellten. Der Bericht des unabhängigen Kontrollorgans ließ kein gutes Haar an den Umwidmungsversuchen der Stadtregierung. Von "Anlasswidmung zu Gunsten Dritter" und "Berücksichtigung deren subjektiver Interessen" war da die Rede. "Der stadtnahe Bauträger, der das Grundstück gekauft hat, wusste natürlich von Anfang an von der anstehenden Umwidmung. Sonst hätte er es sicher nicht gekauft", sagt Georg Irsa Klubobmann der Liesinger Grünen. Jetzt, sieben Jahre später, versuche man erneut, das "politische Versprechen" einzulösen.

Für den Fall, dass der Atzgersdorfer Friedhof irgendwann zu klein werden sollte, wurde das angrenzende Grundstück vor Jahrzehnten vorsorglich _als "Grünland, Friedhof, Liegenschaft für öffentliche Zwecke" gewidmet. Bis vor ein paar Jahren diente die "Gstättn" hauptsächlich als Spiel- und Drachensteigplatz. Nach dem ersten fehlgeschlagenen Umwidmungsversuch war damit allerdings Schluss: Der Bauträger ließ die Grünfläche einzäunen, "Betreten Verboten"-Schilder aufstellen und sämtliche darauf befindlichen Bäume und Sträucher roden. Irsa vermutet böse Absicht: "Die Wiese wurde absichtlich vernichtet, damit man nachher sagen kann, der Grund ist ökologisch ohnehin wertlos."

Im Büro von Planungsstadtrat Rudi Schicker (SPÖ) versteht man die Aufregung ob der geplanten Umwidmung zugunsten neuer Genossenschaftwohnungen nicht. "Im Stadtentwicklungsplan ist die Fläche als Areal ausgewiesen, das in den nächsten Jahren entwickelt werden soll", sagt Schicker-Sprecherin Vera Layr. Außerdem habe man ein aufwändiges Info-Kooperations-Verfahren gestartet, um auf die Wünsche der Bürger einzugehen. "Es gab keine einzige Stellungnahme gegen das Projekt", so Layr.

Autoorientiert erschlossen

Rund 280 Wohneinheiten sollen auf dem Grundstück gebaut werden. "Wir bekommen sehr viele Anfragen von Wienern, die wissen wollen, wo man sich für eine Wohnung anmelden kann", sagt Layr. Das neue Wohnprojekt in Atzgersdorf wird auch schon fleißig in diversen Bezirksblättern beworben.

Die Grünen wurmt besonders, dass in der Begründung für die Umwidmung – diese soll noch vor dem Sommer den Gemeinderat passieren – die gleichen Formulierungen zu finden sind wie in jener vor sieben Jahren. "Da ist erneut die Rede von funktionierender Nahversorung und guter Anbindung an den öffentlichen Verkehr", sagt Irsa. Dabei habe die MA 18 (Stadtentwicklung) sowie der Fachbeirat für Stadtplanung damals klipp und klar festgestellt, dass die vorgesehene Widmung "äußerst verhängnisvoll" sei.

Im Kontrollamt von damals heißt es, dass die Nahversorgungseinrichtungen "nicht im fußläufigen Einzugsbereich" lägen und auch die Buslinien zur U6 nur mit "langen Fußwegen" zu erreichen seien. Daraus ergebe sich eine "autoorientierte Erschließung". "Daran hat sich nichts geändert", sagt Irsa. "Es gab jedenfalls keine Erdverschiebung, durch die das Grundstück näher ans Zentrum herangerückt wäre." Auch die MA 22 (Umweltschutz), die MA 42 (Stadtgartenamt) sowie die Wiener Umweltanwaltschaft äußersten damals schwere Bedenken gegen eine Umwidmung in Bauland.

Anders als die Grünen kann die Wiener ÖVP nichts Schlechtes an der Bebauung der alten Friedhofs-Reservefläche in Liesing finden. "Es gibt dort Wohnbedarf", sagt der schwarze Planungssprecher Alfred Hoch. "Aber natürlich ist es ärgerlich und typisch für die SPÖ, dass Kritik einfach ignoriert wird." Der Anschluss an das öffentliche Netz lasse auch in anderen neuen Stadtteilen zu wünschen übrig. "Beim Nordbahnhof haben wir ja ein ähnliches Problem."

Tote Erdgeschoßzonen

Sabine Gretner, Planungssprecherin der Grünen, ortet generell "mangelnde Durchsetzungskraft" bezüglich neu zu entwickelnder Stadtteile. "Bei den Komet-Gründen in Meidling etwa stimmt einfach die Dimension des geplanten Bauprojekts nicht. Das sehen nicht nur Anrainer so, sondern auch die Wirtschafts- sowie die Architektenkammer." Flächenwidmungspläne zeichnen sei zu wenig. "Man braucht klare Rahmenbedingungen. In anderen Ländern sagen Stadtpolitiker klar, was sie sich für einzelne Stadtteile wünschen".

Gretner verweist dabei auf die Hamburger "Hafen City": "Dort wurden Grundstücke nur unter der Bedingung vergeben, dass das Erdgeschoß mindestens fünf Meter hoch sein muss und die Mieten erschwinglich sind." In Wien hingegen sei so etwas undenkbar. "Jeder Investor hat nur sein eigenes Projekt im Auge." (Martina Stemmer/DER STANDARD-Printausgabe, 19./20.4.2008)

Kommentar posten
18 Postings
Proconsul
00
12.2.2012, 22:56
Wenigstens werden dann 25%

Steuer für die Umwidmung fällig! ;)

gregleto
00
12.2.2012, 19:43
Da hat doch wieder...

...wer ein paar Freunderln einen Gefallen gemacht und a bisserl Körberlgeld verdient.,,,

Briefmarkenkleber
10
17.5.2010, 17:51
Supi Gegend

Ich ziehe dort gerne hin -
alleine zum Fahrradfahren ein Hit!

¤
00
7.12.2009, 15:49
"ass das Erdgeschoß mindestens fünf Meter hoch sein muss"

Was genau soll das bringen?

Der Ferdl
00
8.12.2009, 11:04
Hochwasser.

unterwegs in Österreich
00
18.8.2009, 07:49
Schlechte Anbindung an den öffentlichen Verkehr

glaub ich nicht, der Häupl lässt sicher eine Ubahn dort hin bauen.

ahja
00
7.12.2009, 16:21
das müsste aber eine ganz neue u bahn sein, denn keiner der existenten u bahnen kann man nahc atzgersdorf verlängern

xruxl
00
30.11.2010, 13:29

Aber geh, mit einer schönen Schleife von Siebenhirten nach Atzgersdorf ist das kein Problem. Alternativ wartet man einfach noch eine Weile, die U2 soll eh irgendwann mal nach Inzersdorf fahren und verlängert sie dann weiter nach Atzgersdorf, die U6 ist auf ihrem Südast ja schon jetzt nahe der Kapazitätsgrenze.

badat
01
20.5.2008, 16:33

Und wieder eine Siedlung fernab leistungsfähiger öffentlicher Verkehrsverbindungen. Aus der Wienerberg-City nichts gelernt? Anscheinend nicht....

Der Kreter
 
012
19.4.2008, 17:49
Leider kein Ausnahmefall, sondern eher die Regel

Außerordentlich empfehlenswert in diesem Zusammenhang:
"Wer baut Wien? " von Reinhard Seiß.

Eine - äußerst deprimierende - Übersicht über die Hauptprojekte, sowie die strukturell-politischen Hintergründe und die Profiteure der Stadtentwicklung/erweiterung in Wien während der letzten 20 Jahre. Auch der Atzgersdorf-Skandal von 2001 wird behandelt: vor diesem Hintergrund kann man angesichts der offensichtlich auf die Vergeßlichkeit der Bürger spekulierenden Kaltschnäuzigkeit, mit der das - bereits damals von "höchster Seite" hartnäckigst verfolgte - Projekt nun wieder reaktiviert wird, nur den Kopf schütteln.

Nach der Lektüre dieses Buches wird man auch die aktuellen PR- und "Branding"-Bemühungen um Aspern mit ganz anderen Augen sehen.

Michael B
016
19.4.2008, 10:48
Bis vor wenigen Jahren war dort eine Gärtnerrei. Dann ließ die "Wien Süd" sich das vom Senatsrat V***** umwidmen.

Dessen korrupte Machenschaften waren aber selbst ür Wiener Verhältnisse untragbar, und deshalb wurde die Sache dann auf Eis gelegt. (Protokolle des GR: http://www.wien.gv.at/mdb/gr/20... 25-113.htm )
Jetzt ist anscheinend genügend Gras über die Sache gewachsen...






















Quim Barreiros
00
19.4.2008, 12:07

Gibt es den V nicht noch immer? Ich bilde mir ein, ab und zu über seinen Namen gestolpert zu sein (bei Flächenwidmungen usw.)

BraS
 
00
15.5.2008, 17:35

nein, das ist ein anderer V.

der bewusste V hat siche rechtzeitig in die wohlverdiente Pension verabschiedet.

flotter denker
50
19.4.2008, 10:30
Verbauen ist ja ok

Diese Kämpfer für jeden Grashalm gehen mir sowieso fürchterlich auf die Nerven.
Was aber schon ärgerlich ist, ist die Umwidmung zugunsten eines gemeinnützigen Bauträgers. Der Gewinn aus der Umwidmung soll gefälligst versteuert werden.

quirax
00
19.4.2008, 09:32
erinnert irgendwie an

Poltergeist.....

Michael B
01
19.4.2008, 00:24
Bis vor wenigen Jahren war dort eine Gärtnerei. Dann ließ sich die "Wien Süd" vom korrupten Senatsrat Vok*** das Grundstück umwidmen.

Als aber dessen Machenschaften selbst für Wiener Verhältnisse untragbar wurden, wurde er pensioniert, und die Bebauung auf Eis gelegt.
Untersuchungsausschussprotokolle: http://www.wien.gv.at/mdb/gr/20... 01-074.htm
Jetzt ist anscheinend genügend Gras über die Sache gewachsen.
Im übrigen erstaunt es, wo und was noch so schlecht und abgelegen gebaut werden kann, und trotzdem kann man es verkaufen....

Quim Barreiros
00
18.4.2008, 22:58

Das ist so typisch für diese Stadt und überrascht niemanden.

wolfgang flieher
 
18
18.4.2008, 22:11

in den achtzigern war wien die grünste millionenstadt der welt...wie sich die zeiten ändern...früher mehr qualität, heutzutage quantität...echt schad drum

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