Criminale: Polizeiseminare für den Krimi-Alltag

22. April 2008, 16:34
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220 Autoren bei der "Criminale" - Im Bundeskriminalamt lernen sie für ihre Arbeit

"Die Waffe muss an Schulter und Wange schlüssig liegen", erläutert der Wega-Beamte. Mit korrigierter Haltung drückt die Frau ab, spürt, wie es sich anfühlt, wenn die Pumpgun zurückstößt, hört, wie der Schuss klingt. Nach ihr ist ein männlicher Kollege an der Reihe. Er macht die Erfahrung, dass man wegen des Rückstoßes leicht buchstäblich über das Ziel hinausschießen kann.

Die rund 30 Gäste im Schießstand der Eliteeinheit Wega müssen das alles wissen und korrekt beschreiben können für ihren Job - sind sie doch Autoren von Kriminalromanen. Und von denen gibt es derzeit in Wien weit mehr als gewöhnlich. Mehr als 220 Krimi-Schreiber waren diese Woche zur "Criminale" in Wien gepilgert, der größten einschlägigen Veranstaltung im deutschen Sprachraum, mit Lesungen, Preisverleihungen (Samstag) - und vor allem mit Fortbildungsseminaren. Organisiert wird die "Criminale" vom "Syndikat", einer Vereinigung deutschsprachiger Krimi-Autoren. Der beliebteste Workshop der Veranstaltung: Das "Polizeischießtraining" am Wega-Schießstand im Wienerwald.

An fünf Schießständen können die unterschiedlichsten Waffen ausprobiert werden: Vom Kleinkaliber über eine Glock, eine 44er Magnum bis hin zu Pumpgun und Sturmgewehr. Geschossen wird mit Brille und Ohrenschutz sowie - steuerschonend - mit beschlagnahmter Munition.

Theorie zur Praxis Die Theorie zur Praxis gibt's dann direkt im Bundeskriminalamt (BK), beim Seminar "Waffen und Geschoße". Aber das ist längst nicht alles, was die Krimi-Experten wissen müssen, um ihre Geschichten authentisch rüberbringen zu können.

"In Filmen haben Drogenhändler oft auch mit Prostitution und Menschenhandel zu tun. Ist das Fantasie, oder gibt es da zwingende Zusammenhänge", will etwa ein Autor im "Drogenkriminalität"-Seminar wissen. Gerhard Stadler, Leiter der Abteilung Drogenbekämpfung, denkt kurz nach. "Drogenkriminalität ist an sich die Urform der organisierten Kriminalität", wägt er ab. "Das Ziel in diesem Geschäft ist es aber immer, Gewinn zu machen. Unversteuert." Und um es auf den Punkt zu bringen: "Wenn einer Kokain für die Rotlichtszene schmuggelt, wird er schau'n, dass er auch gleich die Mädels mitbringt. Das ist nicht zwingend, wird aber oft festgestellt."

Bei Stadler erfahren die Schriftsteller, dass Heroin, das in Österreich sichergestellt wird, üblicherweise hellbeige und nur ganz selten weiß ist. Oder dass Kokain nicht mehr nur eine "Möchtegern-Schickimicki-Droge" ist, sondern auch "breiter gestreut in den Straßenhandel" kommt - und über welche Wege es üblicherweise geschmuggelt wird.

Auch neueste Entwicklungen nehmen sie von Stadlers Erfahrungsschatz für ihren Schreiballtag mit: "Bis vor kurzem hätte ich noch gesagt: Eine serbische Tätergruppe, die Kokain schmuggelt - das gibt's nicht. Die machen nur Heroin." Gibt's aber inzwischen schon. Ob die EU-Erweiterung einen Anstieg bei der Drogenkriminalität gebracht habe, will eine Autorin wissen. "Nicht signifikant - das hatten wir beim Fall des Eisernen Vorhangs."

Und ob Jugendlichen in Diskotheken wirklich heimlich Drogen in Getränke gemischt würden? "Das ist eher eine Legende. Das hat ja keinen Sinn", ist sich Stadler sicher. "Wie soll das süchtig machen, wenn man nicht weiß, woher das kommt? Wenn man jemandem Kokain oder Ecstasy unterjubelt, würde sein Organismus sicher hochfahren - aber deswegen würde er ja nie Abnehmer werden, weil er ja nicht weiß, woher die Symptome kommen."

Erfahrungen aus Venezuela Und manches, was die Schriftsteller bei den Seminaren hören, würde ohne weiteres bereits einen perfekten Stoff für einen weiteren Kriminalroman abgeben. Wenn etwa Helmut Reinmüller, Leiter der Zielfahnder-Gruppe im BKA, berichtet, wie eine internationale Fahndung abläuft - anhand eines der größten Erfolgserlebnisse aus der fünfjährigen Geschichte der Abteilung: Denn dass sie die Amis-Betrüger nicht nur in Venezuela aufstöbern, sondern auch nach Österreich zurückbringen würden, hätte niemand gedacht.

Wie das die österreichischen Zielfahnder zustande brachten, kann man vielleicht einmal nachlesen - in einem neu erschienenen Krimi. (Roman David-Freihsl/DER STANDARD-Printausgabe, 19./20.4.2008)

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Wien im Kriminalfieber
  • "Schreibtischtäter" beim Schießtraining auf dem Wega-Schießplatz. So fühlt es sich an, wenn man eine Pumpgun abfeuert.
    foto: fischer

    "Schreibtischtäter" beim Schießtraining auf dem Wega-Schießplatz. So fühlt es sich an, wenn man eine Pumpgun abfeuert.

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