Von Einwanderungsfragen und europäischen Werten

18. April 2008, 20:03
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Kontroverse Experten-Standpunkte zum Thema Migration bei der STANDARD-Stand­punkte-Diskussion

Je konkreter die Ideen, desto lebhafter die Auseinandersetzung. Etwa, als sich Herbert Buchinger, Vorstandsvorsitzender des österreichischen Arbeitsmarktservice (AMS) bei der Standard-Standpunkte-Podiumsdiskussion am Freitag über "Migration braucht Innovation" als Anhänger unverblümter Bedingungen für potenzielle Einwanderer outete.

"Das gefällt mir gut!", kommentierte der AMS-Chef Fragebogen-Fragen, wie sie Migranten vor ihrer Einreise nach Dänemark beantworten müssen. "Sind Sie für gleiche Rechte von Frauen?" und "Treten Sie für die Gleichstellung von Homosexuellen ein?", wollen dort die Einwanderungsbehörden von Anwärtern auf eine längerfristige Aufenthaltsbewilligung mit Ansiedlungsoption wissen. Für Buchinger ist das der richtige Weg. Immerhin gehe es um die Erhaltung einer "europäischen Leitkultur", verkündete er.

"Sicherheitsdebatte"

Mit Fragen wie den dänischen werde versucht, die Zustimmung des oder der Betreffenden zu dem "komplizierten europäischen Wertesystem" zu erfassen, meinte hingegen Peter von Bethlenfalvy, Direktor der International Organisation for Migration (IOM). Der dänische Einwanderer-Fragebogen sei im Geiste einer "zur Sicherheitsdebatte gewordenen Religionsdiskussion" um den Islam in Europa zu verstehen.

Im Ländervergleich - so Bethlenfalvy - sei der dänische Fragebogen eher streng. Doch um das Ansprechen kultureller "Soft Skills" von Neuen im Land komme man in Einwanderungsstaaten ohnehin nicht herum - zumal alle Länder mit offensiver Einwanderungspolitik wie Kanada, die USA oder auch Argentinien auf klare Bedingungen setzten: Eine Ansage, die später, während der Publikumsdiskussion, zu Auseinandersetzungen zwischen einem Vertreter der Volkshilfe und einer australischen Staatsbürgerin führte: Dem NGO-Mann war das Abfragen von Soft Skills grundlegend suspekt.

Vielleicht aber bestehe durch große Offenheit beim Fragen die Gefahr, in eine Falle zu tappen, wandte an dieser Stelle Georg Kapsch, Vorstandsvorsitzender der Kapsch AG, ein. Natürlich könne man auf diese Art Einwanderer, die offen zu allzu autoritären Werten stehen, aussieben: "Doch was ist mit Leuten, die einfach das von uns Erwünschte ankreuzen und dann gar nicht dazu stehen?", fragte er in dem trotz Mittagstermins gut besuchten Urban-Saal des Wiener Hauses der Industrie. Er, Kapsch, trete daher dafür ein, Einwanderer mit Hilfe "harter Kriterien" auszuwählen und "bei den Soft-Skills nachzuarbeiten, wenn die Menschen erst einmal da sind".

"Welche Kriterien meinen Sie?", fragte daraufhin die Moderatorin, Standard-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid, in die Runde. "Sprache, Bildung, Ausbildung", antwortete Kapsch. "Bildung und Sprache", sekundierte Franz Küberl, Präsident der Caritas Österreich. Um dann doch auch noch die weitaus softeren "Kommunikationsformen" mit zu erwähnen. Hier seien auch die gebürtigen Österreicher gefordert: "So lange zum Beispiel Österreicher mit Zuwanderern nicht Hochdeutsch reden, sollte sich niemand wundern, wenn es den Migranten schwerfällt, die deutsche Sprache zu erlernen."

Steuerbar oder nicht

Dies jedoch sei unabdingbar, um Einwanderer fit für den Arbeitsmarkt zu machen, der sie dringend brauche, meinte Kapsch. Der derzeitige Facharbeitermangel - "es fehlen 60.000 Kräfte - sei anders als durch "Forcierung qualifizierter Einwanderung" nicht zu beheben. Die Frage sei nur, ob die Migration nach Österreich überhaupt in ausreichendem Maß steuerbar sei, wandte hier AMS-Chef Buchinger ein. Von Steuerbarkeit könne etwa bei jenen, die auf der Basis des Familiennachzugs nach Österreich kommen, sowie bei Flüchtlingen, die hier um Asyl ansuchen, nicht die Rede sein. "Auch beim Familiennachzug kann man schon in den Herkunftsländern mit der Integration anfangen", widersprach daraufhin Caritas-Chef Küberl.

Die Idee eines Zuhörers, für Möchtegern-Einwanderer nach dem Vorbild mancher Reisebüros Videos über die Lebensumstände in Österreich zu produzieren, nahm er interessiert auf. Zudem würden derzeit auch die in Österreich existierenden Arbeitskraftreserven nicht wirklich ausgeschöpft, weil Asylwerber praktisch keinen Zugang zu Jobs haben.

Für Erleichterungen in diesem Bereich machte sich auch Kapsch erneut stark. An diesem Thema zeige sich, "dass eine humanitäre und eine ökonomische Perspektive einander nicht ausschließen", sagte er. Das ließ Küberl aufhorchen: "Ich hätte mir niemals gedacht, dass die Caritas hier von der Industrie links eingeholt wird." (Irene Brickner/DER STANDARD-Printausgabe, 19./20.4.2008)

  • Humanitäre Ansätze versus "Leitkultur": AMS-Mann Buchinger (li.) will nach dänischem Modell Fragebögen an Einwanderer austeilen, Georg Kapsch ist skeptisch.
    foto: christian fischer

    Humanitäre Ansätze versus "Leitkultur": AMS-Mann Buchinger (li.) will nach dänischem Modell Fragebögen an Einwanderer austeilen, Georg Kapsch ist skeptisch.

  • Caritas-Chef Franz Küberl (li.) nimmt die Österreicher in die Pflicht, Migrationsexperte Peter von Bethlenfalvy plädiert auch für die Abfrage kultureller "Soft Skills".
    foto: christian fischer

    Caritas-Chef Franz Küberl (li.) nimmt die Österreicher in die Pflicht, Migrationsexperte Peter von Bethlenfalvy plädiert auch für die Abfrage kultureller "Soft Skills".

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