Umwege, heraus aus der Verfinsterung - Wohin steuert der arabische Raum?

30. April 2008, 19:26
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In Beirut präsentierte das libanesische Kulturforum "Home Works" Phänomene aus Kunst, Medien, Architektur – Dialog zwischen Praxis und Theorie

Ja, wir haben den Verräter getötet!" Ein Auto, darin drei offenkundig euphorisierte Männer, rundum eine Horde von Reportern, denen sie wie Superstars bereitwillig Auskunft über die Ermordung eines Hisbollah-Führers geben. Dass die Attentäter Handschellen tragen, scheint sie nicht zu stören.

Terror Unleashed, "Terror, entfesselt", heißt ein knapp halbstündiges Video, in dem sich der junge libanesische TV-Journalist und Filmemacher Roy Samaha auf den Weg macht, um zu erfahren, wer da wen mit welchen Parolen zu Himmelfahrtskommandos entsendet. Er sucht Kontakte zu Al-Kaida. Er sichtet diverse Bekennervideos. In einem Palästinenserlager bei Sidon trifft er sogar Mitglieder einer radikalen Islamistengruppe. Naturgemäß darf er seine Interviews nicht dokumentieren, geschweige denn dass er wirklich Antworten erhielte. Material wie dieses ist für News-Sendungen eigentlich nicht brauchbar. Insofern ist Terror Unleashed ein Antidokument, das westliche Nicht-Insider etwas ratlos zurücklassen mag. Eine betont uninformative Laufbildfolge über Lücken im durch permanente Krisen- und Gewaltberichte erschütterten medialen Geflecht. Ein Statement: Ja, wir werden weiterrecherchieren, Material sammeln und sichten.

Gezeigt wurde diese Arbeit am vergangenen Wochenende bei einer denkwürdigen Veranstaltungsreihe in Beirut: Das Kulturforum Home Works, zum mittlerweile vierten Mal veranstaltet von der libanesischen Künstlervereinigung Ashkal Alwan, hat sich genau dieser Strategie verschrieben: "Wir müssen Informationen sammeln, Standpunkte und Positionen hinterfragen, oft sogar übersetzen – innerhalb der höchst unterschiedlichen Kulturen des arabischen Raums und nach außen", meint die Beiruter Kuratorin Christine Thomé. "Anders werden wir die Klischeebilder von religiösen Fundamentalismen und ,Krisengebieten‘ nicht aufbrechen können."

Lesarten der Gewalt

Insofern wäre Home Works wohl durchaus richtig übersetzt, wenn man sagt: Hier versuchen Künstler und Intellektuelle, längst fällige Hausarbeiten zu machen. Why Do We Kill Ourselves? war zum Beispiel der Titel eines Panels im Kinotheater Masrah al Madina, bei dem Lesarten von Selbstmordmissionen präsentiert wurden. Dass dabei mitunter Ratlosigkeit und Vorsicht gegen mögliche folgende Bedrohungen bestenfalls mäßige analytische Ergebnisse zeitigen, kommt nicht ganz unerwartet. Auch der Philosoph Bashar Haydar, der Selbstmordattentäter als "Modeerscheinung" beschrieb, tappte schnell in die Falle der allzu schnellen Erklärung.

Ziemlich produktiv war hingegen der Beitrag des Performancekünstlers Rabih Mroué. Bei der Arbeit zum Stück Three Posters (2000) war er auf ein denkwürdiges Video gestoßen, auf dem ein junger "Märtyrer" und kommender "Held" sein Geständnis probt. Mroué dekuvriert, wie viel darstellerische Arbeit hinter der kompakt inszenierten Überzeugtheit steckt. Es sind solche medialen Inszenierungen, die dann in den Wiederholungsschleifen des öffentlichen Raums zirkulieren. Und sie sind hocheffizient.

Mit praktischen, um nicht zu sagen: arbeitspragmatischen Ansätzen wirkt man nicht selten erhellender als mit intellektueller Prätention: Dies galt, mit durchaus zynischem Kalkül, auch für einen Vortrag des libanesischen Architekten Bernard Khoury, Working in the Private Sphere. "Ich habe noch keine Schule, kein Krankenhaus, kein Museum gebaut. Von der Seite kommen keine Aufträge. Ich arbeite, auch wenn Sie das jetzt nicht sehr amüsant finden mögen, lediglich für sehr reiche Leute", sagt Khoury, dessen Bars, Dancehalls, Restaurants, Shoppingmalls internationale Beachtung finden.

Dabei hatte der Architekt anfangs durchaus politisch kritische Ambitionen: Unter dem Titel Evolving Scars hatte er Anfang der 90er-Jahre ein Modell für ein Verfahren entwickelt, in dem man den Abriss von im libanesischen Bürgerkrieg zerstörten Gebäuden quasi unter einer Glasglocke "ausstellen" hätte können.

Nachtclub auf Schlachtfeld

Dieses Projekt wurde, durchaus bezeichnend, nicht realisiert. Gebaut wurde aber immerhin der riesige Nachtclub B018, und zwar am Rand von Beirut auf einem von Gewaltausschreitungen besonders drastisch betroffenen Grundstück – was das Gebäude, wie ein riesiger schwarzer Sarg in die Erde versenkt, auch thematisiert. Bernard Khourys Entwürfe wirken oft wie das bittere Lachen eines Bevorzugten, der bizarre Missverhältnisse mitkreiert, sie aber gleichzeitig ausstellt. So erklärte er etwa bei Home Works am Beispiel einer futuristischen Sushi-Bar, wie man es am besten anstellt, feine Restaurantgäste nicht mit dem Blick auf Obdachlose in der unmittelbaren Nachbarschaft zu irritieren. Mit doppeltem Erfolg: Die Sushi-Bar lockte weitere vermögende Investoren an. Die Armen wurden umgesiedelt.

Architekturkritik in einem sehr poetischen und gleichzeitig politisch hellwachen Sinne betrieb wiederum der Autor und Theoretiker Tony Chakar, der sich einem prekären Wiederaufbauprojekt im Süden von Beirut widmete: Eine Familienwohnsiedlung war da in den israelischen Bombardements des Jahres 2006 zerstört worden. Nun soll sie, so der Wille mancher Hisbollah-Führer, möglichst unverändert wiedererrichtet werden und das nationale Gemeinschaftsgefühl der Bewohner beleben.

Bei seinem Versuch, eine Architektur und eine Ideologie zu beschreiben, "die unter Gedächtnisschwund leidet", "ein Vokabular ohne Grammatik", "Wortfolgen ohne Sprache" – bei diesem Versuch/Essay entfaltete Chakar eine beträchtliche kulturhistorische Spannweite. Private Erinnerungen an die Eskalationen der letzten 30 Jahre gingen einher mit Exkursen zur libanesischen Architekturfotografie und zu nationalistischem Missbrauch des Begriffs "Gemeinschaft", etwa im NS-Deutschland der 30er- und 40er-Jahre. Und: "Ich glaube nicht, dass man über Katastrophen sprechen kann, man muss sich ihnen quasi ex negativo, von den Rändern her nähern."

Dieses Verfahren der Umschreibung war im Rahmen von Home Works oft zu erleben, auch in künstlerischen Performances und (weitgehend exzellenten) Austellungen: In der Sfeir-Semler-Galerie wurden etwa visuelle Kommentare zu Filmplakaten ausgestellt, in denen der Theoretiker und Künstler Jalal Toufic Vertigo-Gefühle bei Alfred Hitchcock oder Szenen aus Steven Spielbergs Artificial Intelligence quasi auf arabische Urängste projiziert.

Und der in Chicago und New York ansässige Künstler Michael Rakowitz unternimmt seit Jahren nichts weniger als eine Rekonstruktion verschollener Schätze aus dem irakischen Nationalmuseum zu Bagdad – mit einer schönen Finesse: Er lässt die im Internet für internationale Suchrecherchen genau beschriebenen Statuetten, Dolche, Stelen aus Abfallprodukten nachbauen: eine Installation als berührendes Poem über Vergänglichkeit, Erinnerung und die Verweigerung von Gedächtnisverlust. (Claus Philipp, DER STANDARD/Printausgabe, 19/20.04.2008)

  • Architektur und Gesellschaftskritik in Beirut: Mit einer Sushi-Bar mitten in einem Armenviertel (li.) zeigte Bernard Khoury, wie das geht: Wegschauen! Rechts: Pläne für den Neuaufbau einer Wohn-siedlung, anhand derer für Kritiker die Ideologie der Hisbollah ablesbar ist.
    fotos: joe chartouni, chakar

    Architektur und Gesellschaftskritik in Beirut: Mit einer Sushi-Bar mitten in einem Armenviertel (li.) zeigte Bernard Khoury, wie das geht: Wegschauen! Rechts: Pläne für den Neuaufbau einer Wohn-siedlung, anhand derer für Kritiker die Ideologie der Hisbollah ablesbar ist.

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