Rundschau: Flash, a-aaah!

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coverfoto: heyne

Robert J. Sawyer: "Flash"

Broschiert, 430 Seiten, € 9,20, Heyne 2008.

Der Kanadier Robert J. Sawyer schreibt nicht nur wissenschaftlich orientierte SciFi-Romane, die denen von Robert Charles Wilson ebenbürtig sind - er verwendet offensichtlich auch gerne HighTech-Anlagen als "Magic Boxes", die unerwartete Effekte produzieren. In "Die Neanderthal-Parallaxe" (2005 bei Festa erschienen) taucht in einem Neutrino-Observatorium der Neandertaler Ponter Boddit auf: Kein Urmensch, sondern Angehöriger einer hochtechnisierten Zivilisation von einer parallelen Erde. Seine Gesellschaft ist zwar auch nicht perfekt, aber deutlich vernunftorientierter und vor allem ökologischer als die unsrige. Bass erstaunt nimmt Ponter zur Kenntnis, dass die destruktiven Gliksins, die auf seiner Erde längst ausgestorben sind, hier die dominante Spezies stellen und sich stolz Homo sapiens nennen.

In "Flash" wird ein Experiment am Large Hadron Collider des CERN im Jahr 2009 zum Ausgangspunkt der Handlung: Gesucht war das Higgs-Boson, gefunden wird statt dessen die Zukunft. Für 1,43 Minuten sehen alle Menschen weltweit eine Vision ihrer persönlichen Zukunft in 21 Jahren - und diese individuellen Fragmente ergeben zusammen ein in sich stimmiges und gar nicht so negatives Bild der Welt im Jahr 2030: Die USA haben die Todesstrafe abgeschafft, die katholische Kirche weiht Frauen zu Priesterinnen und Microsoft ist in Konkurs gegangen. Darunter auch rätselhafte Beobachtungssplitter: etwa dass die US-Fahne plötzlich 52 Streifen hat und anscheinend so gut wie alle Menschen am Stichtag frei haben werden ...

Die unmittelbare Folge des Flashforward (so auch der Originaltitel des Romans) ist eine Katastrophe, da die in der Vision Gefangenen kurzfristig für die Gegenwart blind wurden. Als sich aber der Staub der weltweiten Unfallserie gelegt hat, macht man sich daran das Gesehene einzuordnen. Manche sahen leider auch gar nichts und müssen daraus schließen, dass sie vor 2030 sterben werden - einer davon ist der junge CERN-Forscher Theo Prokopides, der fortan zum Ermittler in seinem eigenen Mordfall wird. Seine KollegInnen Lloyd Simcoe und Michiko Nomura wiederum müssen verarbeiten, dass sie offenbar nicht wie geplant heiraten und für immer zusammen sein werden. Vorausgesetzt sie akzeptieren ihr "Schicksal".

... drei Beispiele für die Grundfragen, die der Flashforward aufwirft: Ist die Zukunft unveränderlich, existiert ein freier Wille oder wird die Vision gar zur Self-fulfilling Prophecy? Ist das Universum ein Minkowski-Würfel, in dem die Zukunft so fix festgeschrieben ist wie die Vergangenheit, oder stimmt das Konzept der Multiplen Universen, das jede Entscheidungsmöglichkeit zulässt? Oder literarisch ausgedrückt: Ist der Mensch Ödipus oder Scrooge?

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