Zwischen Erwartung und Erfüllung

28. April 2008, 12:00
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Die Schönheit des Schweren: über den Schriftsteller Wolfgang Hermann und das Herumstreifen als Spezialdisziplin

Wir haben, im Allgemeinen, eine kümmerliche Anschauung von Philosophie und Philosophen. Das eine stellen wir uns trocken und abstrakt vor, die anderen sesshaft und verstiegen. Da mag die biografische Notiz verblüffen, dass Wolfgang Hermann, den früh schon die Sehnsucht nach dem richtigen, nicht entfremdeten Leben umgetrieben hat, ein studierter, gar promovierter Philosoph ist. Dabei zeigen gerade das Verlangen, es in seinen unverfälschten Erscheinungsformen aufzuspüren, und die Fähigkeit, Wahrnehmen und Wahrgenommenes in seltener Schönheit aufzuzeichnen, dass er seine Studienwahl nicht aus einer spätpubertären Laune heraus oder aus Protest gegen eine auf unmittelbare Verwertung getrimmte Umgebung getroffen hat.

Der Titel seiner ersten Buchveröffentlichung, einer Sammlung von 107 Prosaminiaturen, die scheinbar unbedeutende Gegenstände aus ihren vertrauten Zusammenhängen lösen, könnte auch einem philosophischen Traktat voranstehen: Das schöne Leben. Und auf sein literarisches Gesamtwerk ließe sich münzen, was der Schriftsteller und Politiker Peter Zajac zur Erhabenheit als ästhetischer Kategorie anmerkte: In unserer gegenwärtigen Welt, in der nahezu alles real oder virtuell zur Verfügung stehe, werde das Erhabene, Schöne zur letzten Sphäre des Unverfügbaren - und in diesem zu einem ästhetischen Raum, einem Bereich des Aufscheinens von Ehrfurcht aus der Verknüpfung von Erstaunlichem und Schrecklichem.

Manch frühem Bewunderer Hermanns hat diese Verbindung von genauer Beobachtung, emphatischer Stimmung und unstillbarem Bedürfnis nach Schönheit auch eingeleuchtet: "Es ist", schrieb schon 1988 der Literaturwissenschafter Gerhard Melzer, "als wollte Hermann mit seiner Prosa das Staunen wiedergewinnen." Und Melzers früh verstorbener Kollege Armin Wallas erkannte das Unscheinbare in der Prosa des Autors als das Eigentliche, dessen Vorliebe für das reell oder vermeintlich Kleine als Ausdruck des Misstrauens gegen Macht. Hermanns Schönes Leben erweise sich als Gegenentwurf zur gesellschaftlichen Wirklichkeit, widersetze sich beharrlich der Korruption durch Gewalt, Gewinnstreben und Konformismus. Die von Wallas gewählten Begriffe für die Eigenschaften kapitalistischer Machtausübung könnten darüber hinwegtäuschen, dass sich diese im Verhalten der Menschen und in ihren Beziehungen zueinander, jedenfalls in unseren Ländern und Jahren, auf den ersten Blick gar nicht recht nachweisen lässt: Den Menschen wird im Alltag ein grob nachlässiges Verhalten eingebläut, das, nebenbei gesagt, auch ihre Sprache beschädigt, so dass also die üblichen Umgangsformen von einer Leichtigkeit künden, die aufgezwungen, nicht erworben ist. Es lohnt sich, hier an eine Aussage von Peter Sloterdijk zu erinnern: "Es ist ein Fehler, wenn Menschen sich leichter geben, als Menschen sein können. Aber ein Fehler wäre es auch, die Tragödie vom Zaun zu brechen, nur damit wir uns wieder mit dem ontologischen Adel des Schweren schmücken dürfen. Mir kommt das einfachste Leben schwer genug vor."

Schwer genug auch, dieses einfache Leben einzufangen. Und, als Erstes, es überhaupt zu finden, zu bewerten, sich ihm gegenüber zu verhalten. In den traumscharfen Momentaufnahmen einer Stadt, Das Gesicht in der Tiefe der Straße, verwirft Wolfgang Hermann die Statistik als Stoff und den Dokumentarismus als Methode seiner literarischen Arbeit: "Wenn ich auch alles verfügbare Material über eine Großstadt zusammentrüge, Trinkwasserverbrauch, Anzahl der täglichen Tonnen Müll, Anzahl der täglichen Geburten, Anzahl der täglichen Suizide, aufgelistet nach Stunden und Bezirken, Anzahl der Verkehrsopfer, Anzahl der Künstler, Nervenärzte, Bäcker, Produktmanager, Schneider im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung - so wäre doch nichts gesagt. Ich muss also etwas erfinden - bei der Geschichte eines einzelnen bleiben und vieles aus der Luft greifen. Am Ende bleiben vielleicht viele kleine Geschichten, die Geschichte vom Angeber, die Geschichte von einem Paar Schuhe im Regen, die Geschichte vom Schläfer auf der Bank."

Das Zitat weist über sich hinaus, auf die besondere Kunst dieses Autors, sein auf Beobachten und Empfinden gestimmtes Schreiben mit Nachdenken über Schreiben und über das zu Beschreibende zu verbinden, ohne dass auch nur entfernt der Eindruck von Gedankenschwere entstünde. Natürlich lässt sich diese Kunst erklären, mit Hermanns Belesenheit, die ja auch Bescheidenheit ist, mit seiner ungeheuren Disziplin und Sprachökonomie, mit der Neigung selbst in den als "Roman", "Erzählung" oder "Legende" ausgewiesenen Texten eine Fabel nicht vorauszusetzen, sondern sie durch die Beschreibung kleinster Regungen, angedeuteter Gesten, knapper Begegnungen erst zu konstituieren. Wie er das macht, im Einzelnen und nun schon über Jahrzehnte, bleibt sein Geheimnis, auch wenn er bereitwillig Auskunft gibt.

"Die Städte, in denen ich ... lebte", heißt es in Paris Berlin New York, "sie haben mich verwandelt. Es scheint, ich habe keinen Widerstand gegen sie, lasse sie ganz in mich ein, werde, was die Stadt in mir wird. Ich denke, wie man in ihnen denkt, bin traurig, wie man in ihnen traurig ist, gehe, wie man in ihnen geht, erfüllt von ihren Bildern, ihren Gerüchen, ihren Unausweichlichkeiten." Dann wäre es also die Leidenschaft, die den Zauber all dieser Prosastücke und Gedichte ausmacht, in denen sich, meist unverstellt, manchmal verhohlen, der Verfasser zu erkennen gibt. Trotzdem ist das keine Ichichich!-Literatur, denn er nimmt Bedacht auf die Menschen, Tiere, Dinge, die um ihn sind. Die Kunst, sie so wahrzunehmen, wie sie sind, auch in ihrer Bewegung, ihren Möglichkeiten erkauft er sich mit Einsamkeit. Ich weiß nicht: Ist das ein hoher, ein niedriger Preis?

Wie die ganz normalen Touristen schleppen auch die meisten Intellektuellen und Künstler - die Österreich-Verächter ebenso wie die Gleichgültigen, Lauen, die gut finden, wo ihnen gutgetan, und schlecht, wo ihnen nicht gehuldigt wird - ihr Vorurteil und ihre Blindheit gegenüber anderen Ländern, Menschen, Kulturen mit sich herum. Die meisten kommen ohnehin nur bis Manhattan oder in die Toskana. Trägt es sie in Länder der sogenannten Dritten Welt, dann ist ihnen dort die vergoldete Füllfeder nicht minder bedeutsam als das Elend, das sie mit dieser in ihr Notizbuch eintragen. Sie kuratieren Ausstellungen, in denen die Seufzer gequälter Kreaturen im Nervenkitzel der Satten aufgehen, und stellen sie, in schuldhafter Ahnungslosigkeit, unter das Motto eines faschistischen Massenmörders: ¡Viva la Muerte!, "Es lebe der Tod". Zu Hause wieder sind sie auf eine zufriedene Art unzufrieden. Auch deshalb schätze ich Wolfgang Hermann so sehr: weil er ganz anders ist. Weil in seinen Texten die Erregung sich mitteilt, einzutauchen in eine fremde Stadt, unter einem fremden Licht, sie zu erkunden, in ihr aufzugehen. Weil diese Hingabe, die für ihn wie für mich keiner Erklärung bedarf, offenbar schon immer in ihm gewesen ist. "Sich das Leben nie glauben: man muß es in der Fremde lernen." So steht es in Mein Dornbirn, dieser weithin einzigartigen Erkundung von Kindheit und Jugend in der sogenannten Provinz - keine Abrechnung, sondern ein Plädoyer dafür, sich nicht abzufinden mit dem, was war und ist. Stolz und Achtung und Trauer. "Ich lebte an der Peripherie. Vielleicht liegt hier der Grund für die so offensichtliche Unvollkommenheit und Wehrlosigkeit dieser Zeilen, die sich zu keinem Ganzen fügen werden."

Nach Jahren in den großen Städten - Paris, Berlin, New York, Tokio - ist Wolfgang Hermann dorthin zurückgekehrt, wo, wie es im Roman Die Farbe der Stadt heißt, "Berge sind, ein See, viel Regen, immer Regen, leere Bahnhöfe". In eine zersiedelte und zerstückelte Gegend, nicht eingerichtet für einen passionierten "Spazierseher", der darauf aus ist, "auf dem Asphalt und beim Staub der Straße" seine Schuhe zu erproben. Es ist, als ob überall blicklose Blicke auf ihn lauerten, Gehen ihm nur eiligen Schritts erlaubt wäre und auf kürzestem Weg von Punkt A zu Punkt B, mit einem Grüßgott auf den Lippen und grauen Wolken im Herzen. Wie kommt ein bekennender Zeitdieb in solcher Umgebung zurecht? Die Antwort findet sich in den Abenteuerromanen des Herrn Faustini, der zwar Züge seines Erfinders trägt (zielloses Umherstreifen zählt er "zu seiner Spezialdisziplin"), aber in seiner harmlosen Verschrobenheit geschüttelt und vom Kopf auf die Füße gestellt werden möchte. Manchmal leuchtet die Sehnsucht nach Teilhabe auf, nach Verständigung der Menschen über das, was sie bedrängt. Dann spricht ganz der Autor aus ihm, in seiner unzerstörbaren Überzeugung, dass alles verfehlt war, "wenn man sich nicht hingab an das Leben, hingab für das Leben, für einen wunderbaren Menschen". Also auch hier, bei Faustini, dieses für Wolfgang Hermann so bezeichnende Flirren, zwischen Erwartung und Erfüllung.

Dieser Tage ist ihm der österreichische Förderungspreis für Literatur verliehen worden. Zu spät, meine ich. In Hermanns achtzehn Büchern und seinen vielen verstreut publizierten poetischen Betrachtungen steht doch alles, was es zum Leben braucht. Allein, dass er noch nicht fertig ist und am Ende, rechtfertigt die Entscheidung der Jury, ihm diesen Preis umzuhängen, und sein freundliches Entgegenkommen, sich ihn umhängen zu lassen. Platon hat den Dialog Hippias major mit Sokrates' Geständnis enden lassen, über das Schöne eigentlich nichts zu wissen. Sein letzter Satz lautet: "Das Schöne ist schwer." Wolfgang Hermanns Werk widerspricht dieser bekümmerten Einsicht nicht, aber es zeigt auch, wie schön das Schwere sein kann. Nicht zuletzt dafür will ich ihm danken.(*) (Erich Hackl, ALBUM/DER STANDARD, 19/20.04.2008)

(+) Es handelt sich bei diesem Text um die leicht veränderte Laudatio, die Erich Hackl anlässlich der Verleihung des Förderpreises zum Österreichischen Staatspreis für Literatur an Wolfgang Hermann hielt. Kürzlich erschien von Hermann im Deuticke-Verlag der Band "Herr Faustini und der Mann im Hund".

Zur Person:
Erich Hackl (Jg. 1954) lebt als Schriftsteller und Übersetzer in Wien und Madrid. Zuletzt erschien bei Diogenes "Als ob ein Engel".
  • Verwandlungen: Wolfgang Hermann in seiner Wohnung.
    foto: heribert corn

    Verwandlungen: Wolfgang Hermann in seiner Wohnung.

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