"Beichte und Verhör"

28. April 2008, 12:00
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Man erhält als Interviewter für die Beantwortung von Journalistenfragen kein Geld. Man muss ja froh sein, wenn man vorkommt - Franz Schuh im Interview

Der Standard: Unser Thema: Wir sprechen über Interviews. Vor 20 Jahren ist man noch nicht mit einem Aufnahmegerät zu Begegnungen mit Politikern und Intellektuellen gegangen, sondern man hat sich gemerkt, was der andere sagte. Man hat sich allenfalls Notizen gemacht. Diese Art und Weise jetzt – ich schalte das Gerät ein, und nachher tippe ich das ab und danach schicke ich Ihnen mein Transkript und Sie können noch Korrekturen und Ergänzungen machen –, die ist noch nicht sehr alt.

Franz Schuh: Das ist ein Hinweis auf die alte Weisheit, dass Aufzeichnungssysteme das Wesentliche sind: Sie bringen die Inhalte hervor, und es ist nicht der Inhalt, der die Aufzeichnung produziert. So wie ein Film am Schneidetisch gemacht wird, wird das Interview montiert – in Dialogform oder monologisch durch einen, der etwas "aufnimmt". Und das ist der Punkt, an dem das Interview eine Chance hat, eine literarische Form zu werden: durch den Autor, der aus dem, was er gehört hat, "etwas" macht. Dagegen gibt es das Ideal des Gesprächs. Das "Gespräch" ist immer eine Geschichte gleichberechtigter Gegenüber. Es lebt davon, dass jeder etwas zur Sache, und sei es die Sache nur eines der beiden, beizutragen hat. Ein Interview hingegen funktioniert ...

Der Standard:... so, dass einer Stichworte liefert.

Schuh: ... bzw. über die versteckte Macht des Interviewers. Das ist nicht schlecht. Für mich vor allem deshalb, weil ich schmuddelige Formen liebe. Auch, weil sich in zwielichtigen Nischen Charakteristisches verbergen kann. Das Interview ist die kommerzialisierte Form des Gesprächs. Ein Gespräch, das einerseits die Macht des Interviewers verbirgt und das andererseits zum Geschäftsverkehr der Öffentlichkeit gehört. Man kann beobachten, wie in diesem Geschäftsverkehr das Ich eines öffentlich agierenden Menschen hervorgebracht wird. Diese Ich-Hervorbringungen sind in der kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft ein wirkliches Theater, ein Tanz um die prächtigste Charaktermaske. Leider gilt das auch für mein Ich in diesem Interview. In der Konkurrenzgesellschaft sind wir alle dadurch gleich, dass ein jeder sich vom anderen unterscheiden will. Und es gibt Interviewte, die diese Unterscheidungskunst mit ihrem gefragten Ich bis ins Absurde beherrschen und damit zugleich ad absurdum führen. Claus Peymann ist zum Beispiel eine Spitzenkraft im Sich-Unterscheiden und auf diese Art genau wie alle anderen zu sein, nämlich ein Konkurrent auf dem Markt. Eine wunderbare Formulierung von Peymann, kürzlich im Wirtschaftsteil der Süddeutschen: "Der Castorf hat schon zweimal den Vertrag verlängert und kriegt jetzt bestimmt mehr als ich."

Der Standard: Für Ihre soeben erschienenen "Memoiren" haben Sie eben diese Form des Interviews gewählt. Sie stützen sich auf Interviews mit Ihnen, die Sie noch einmal rückbefragen. Kann man das so sagen?

Schuh: Ich verwende den Ausdruck Memoiren auch in dem Sinne, dass ich memoriere, was ich einmal auf Fragen geantwortet habe und noch einmal in diese Fragen hineininterveniere. Auf eine sanfte Weise, die ganze Fragwürdigkeit der Konstellation belassend, führe ich das Interview ad absurdum, indem ich mich letzten Endes selbst interviewe. Es gibt im Buch auch fiktive, niemals geführte Interviews. Es liegt mir daran, dass man den Unterschied nicht merkt.

Der Standard: Was unterscheidet einen Gesprächspartner vom Interviewer?

Schuh: Mit einem Gesprächspartner ist der Inszenierungsrahmen ein ganz anderer. Er bleibt im Privaten. Ein Gespräch ist für mich nur dann eines, wenn es keiner Veröffentlichung unterliegt. Das ermöglicht eine Spontaneität, die sich nicht von einer Kamera oder einem Mikrofon entflammen lässt. Ein Gespräch ist sich selbst genug. Beim Interview merkt jeder, dass Material produziert wird, das erst dann "fertig" ist, wenn der Interviewer es zum "Interview" verwurstet hat. So wie es in der einfachsten medialen Technik ein Spiegelgesicht gibt, gibt es den interviewten Satz, und es ist natürlich auch möglich, dass sich der Interviewer auf ein Nichts zusammenzieht.

Der Standard: Und so selbst zur Aufnahme-Apparatur wird.

Schuh: Ja, damit der andere sich ausbreiten kann. Das ist das masochistische Interview. Es gibt auch das sadistische Interview, das sich wiederum unterschiedet vom pseudo-sadistischen...

Der Standard:... jemanden zum Beispiel auf Formulierungen und "gute Sager" festzunageln ...

Schuh: Das ist sadistisch. Das pseudo-sadistische hingegen – das sind meist Radio- oder TV-Interviews –, da tut jemand, ständig mit größter Süffisanz in der Stimme, so, als wäre er allen Antworten prinzipiell überlegen. Also dieses unterschwellige "Ich-kenne-meine-Pappenheimer", das in eleganter Kleidung und Manier vorgebracht wird, das halte ich für pseudo-sadistisch. Es läuft wie geschmiert, und die Leute machen bis zur Unappetitlichkeit eh gemeinsame Sache. Sadistisch hingegen sind Interviews, die im vorhinein klarmachen: Der Befragte ist in seinen Widersprüchen gefangen, und wir holen jetzt diese Widersprüche Satz für Satz aus ihm heraus. Am schönsten sind die abgebrochenen Interviews. Der Interviewte springt auf und sagt: Das lass ich mir von Ihnen nicht bieten, und in diesem Moment kommt eine Spur von Ernst in das ganze verkommene Theater. Es ist also eine zwiespältige Sache: So wie das Handeln aus Tun und Lassen besteht, besteht das Interviewen, als eine Form der Kommunikation, auf der einen Seite aus Beichte, um mich hervorzubringen als der, der ich "wahrhaftig" bin. Und auf der anderen Seite aus Verhör: Ich will jemanden so weit bringen, dass er sagt, wer er ist, obwohl er es die ganze Zeit verschleiert.

Der Standard: Sie selbst, Herr Schuh, mäandern ja auf Fragen auch ganz gerne zu Themen, über die Sie gerade eigentlich lieber nachdenken oder sprechen möchten. Wie gehen Sie mit Interview-Fragen in diesem Sinne um?

Schuh: Meine Kindheit und Jugend hat sich in einer Umgebung abgespielt, wo meine Interessen überhaupt nicht gefragt und mitteilbar waren. Ich hing diesen Interessen alleine nach, fraglos und ungefragt. Mich hat doch keiner gefragt! Für mich ist bis heute noch jede Frage, die mir gestellt wird, eine Erlösung aus jugendlicher Einsamkeit. Man kann sich vorstellen, wie willkommen mir Interviewer sind, nicht nur aus Eitelkeit, sondern auch als Stachel, der mich sowohl an meine Einsamkeit erinnert als auch daran, dass es eine Erlösung davon gibt. Das ist das ewig Pubertäre, aber Interviews haben auch eine Seite für den Erwachsenen: Sie sind ein hervorragendes Format für die Wiedergabe von Erfahrungen. Jeder von uns Sesshaften macht viel zu selten Erfahrungen. Wir leben irgendwo im Windschatten der Geschichte und haben zum Beispiel überhaupt kein Wissen oder Verständnis für das, was es heißt, ein amerikanischer Soldat zu sein. Oder was es heißt, in Pakistan auf die Welt gekommen zu sein. Wir haben keine Ahnung, wie die Menschen in Manchester leben. Von China wissen wir wenig und können uns den Kollektivismus in Japan nicht vorstellen. Die Zugänge, die wir zu alledem haben, sind journalistische oder künstlerische Zugänge. Da wird Weltwahrnehmung gefiltert. Aber der einfachste ist wohl, Leute zu fragen, die Erfahrungen gemacht haben. Dann haben wir zwar diese Erfahrungen nicht selbst gemacht, aber wir haben jemanden gefunden, der kennt, was wir nicht kennen, und den wir wenigstens selber fragen können. Eine echte Chance auch für die heimischen Medien läge immer noch darin, dass man lernt, die richtigen Leute zu fragen, um an Erfahrungen zu kommen, die man selbst nicht macht, die aber zum Menschsein gehören.

Der Standard: Es ist aber ein großer Unterschied, ob ich zum Beispiel den Schriftsteller Franz Schuh treffe und daraus ein Porträt mache, oder ob ich das Frage-Antwort-Spiel bloß als Protokoll wiedergebe und gleichzeitig die Subjektivität meiner Fragen verstecke, indem ich zum Beispiel "Standard" davor schreibe und nicht den Namen des Interviewers.

Schuh: Ich finde es ehrlicher und authentisch, wenn da "Standard" steht, und zwar deshalb, weil eine der Techniken des öffentlichen Geschäftsverkehrs die Selbstanonymisierung ist. Da es sich nicht um ein Gespräch im besagten Sinne handelt, würde der Personenname nur eine Intimisierung des Vorganges vorgaukeln. Und den Starinterviewer, dessen Name immer mehr gilt als der des Befragten (der Befragte ist damit gesegnet, dass der Starinterviewer ihn fragt) – das halte ich für eine Geschmacklosigkeit. Das heißt aber nicht, dass ein Interview, so festgefahren es in seiner Konvention auch sein mag, nicht an andere Gesprächsformen wenigstens erinnern kann. Daran, dass sich beim miteinander Sprechen Gedanken einstellen und eine Vielfalt möglich ist.

Der Standard: Noch einmal zur Methode Ihres Buches. Sie haben diversen Journalisten Interviews gegeben, und wenn Sie jetzt die publizierten Interviews überarbeiten und die Fragen ummontieren oder ausbauen, dann nehmen Sie praktisch wieder zurück, was Sie hergegeben haben.

Schuh: Genau. Es ist ein Raubverfahren. Vor einem schnöden Hintergrund: Man erhält ja als Interviewter für die Beantwortung von Journalistenfragen kein Geld. Man muss ja, denkt der Journalist, froh sein, wenn man "vorkommt", weil das Reklame bedeutet. Wenn einer also ein Interview "gibt", dann steckt darin "Gabe". Und Gabe ist die Vernichtung von Besitz. Und unterstellt zugleich: Da kann es sich einer leisten, zu geben. Davon abgesehen ist es für den Interviewten quälend, dass er im publizierten Interview oft nicht genug zu Wort kommt, weil sachfremde Produktionszwänge das verhindern: keine Zeit, zu wenig Platz. Die Verschriftlichung hat andere Regeln als die Mündlichkeit. Und es macht mir – sowohl dramaturgisch als auch Satz für Satz – Spaß, von der Mündlichkeit etwas im Schriftlichen erhalten zu können. Ach, ich spreche ja so gern.

Der Standard: Wie würden Sie für sich den Sprechvorgang beschreiben?

Schuh: Man muss so sprechen lernen, dass man als Sprecher immer gewinnt, und zwar nicht gegen einen anderen. Sondern in dem Sinne gewinnt, dass man Sachen sagt, die man vorher nicht weiß. Das berühmte Verfertigen der Gedanken beim Reden. Man muss darin geübt sein, dass die Sprache den Gedanken verwirklicht; erst, wenn ich etwas ausgesprochen habe, hat der Gedanke seine Geistesgegenwart. Das ist natürlich auch ein Spiel mit einem Risiko. Man kann das Falsche denken und die Sprache kann einen dazu verführen. Im Guten oder im Schlechten hat man immer etwas Unbekanntes im Rücken. Als Mensch, der sprachlich arbeitet, könnte man paranoid werden. Denn in den Wörtern steckt vieles, das man nicht weiß – und noch viel mehr in den Wortverbindungen. Das Lautwerden der Stimme hat eine andere Dramaturgie und der Rhythmus ist in der Sprache ein anderer. Die Akustik kommt mir entgegen, weil sie flüchtig ist. Der gesprochene Ton verschwindet. Und ich bin ein Anhänger des Verschwindens. Das entspricht meiner Lebensauffassung mehr als die Vorstellungen des Bleibenden. Das Bleibende ist am Ende auch eine Last. (Claus Philipp, ALBUM/DER STANDARD, 19/20.04.2008)

Zur Person:
Franz Schuh, geb. 1947 in Wien, ist österreichischer Schriftsteller und Essayist. Von ihm erschien zuletzt "Memoiren. Ein Interview gegen mich selbst" (bei Zsolnay). Am 22.4. um 19 Uhr liest Franz Schuh in der Alten Schmiede in Wien aus dem Buch.
  • Augen zu und durch:Das Interview ist erst dann "fertig", wenn der Interviewer es zum "Interview" verwurstet hat.
    foto: heribert corn

    Augen zu und durch:Das Interview ist erst dann "fertig", wenn der Interviewer es zum "Interview" verwurstet hat.

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