Vom Ursprung des Peckerls

28. April 2008, 11:52
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Das Frankfurter Städel zeigt "Die Magie der Dinge". Gleichzeitig beginnt die Badesaison. Zeit, nachzudenken über den Ursprung des Totenkopfs am Gösser-Muskel des Bademeisters

Frankfurt – Die Magie der Dinge lebt. Die Stilllebenmalerei ist längst nicht ausgestorben. Ganz im Gegenteil. Jeder Besuch im Hallen- oder Freibad, in der Sauna oder in der Kraftkammer offenbart gnadenlos: Zumindest die Bildfolgen des guten alten Vanitas-Gedanken sind über jede Zeit erhaben. Nicht nur, dass sich Paul Cézanne noch mit Schädelpyramiden in der Morgenröte der Moderne blicken ließ, kein Spa-Besuch mehr heute, der nicht verdoppelte Eindrücke von Vergänglichkeit hinterlässt: Schädel nebst Blumenschmuck, Schmetterlingen und allerlei niederem Getier, womöglich noch an Sanduhr auf ins letal Maligne kippendem, solariumgestütztem Faltenwurf. Die Vorstadthaut ist zur Bühne des Eingedenkens der Vergänglichkeit geworden. Die Leinwand hat ausgedient, die Stillleben finden sich im Wellenbad, die Blumenstücke mahnen, arschlings angebracht am Vorreiter beim Wasserrutschen, das gallopierende Verwelken ein, die Schmetterlinge versuchen vergeblich, sich hinter furchenschindenden Litzentangas vor dem Ablaufen der persönlichen Integrität als souveräner Körper zu schützen.

Noch ehe aber der Einzug der natura morte in das Königreich der Badewaschln stattfinden konnte, galt es, die Kategorie "Stillleben" als solche erst zu emanzipieren. Und zwar vom ausschließlich symbolischen oder ikonografischen Gebrauch der Alltagsgegenstände in der religiösen Malerei des späten Mittelalters hin zum bedeutungsschwangeren Arrangement stillliegender Dinge. Dem Barock kam die Idee zupass, und fortan suchte man, Ordnung und Struktur der Welt in plappernden Dingkonstellationen nachzustellen. Nicht immer ging es dabei um die Vermittlung christlicher Werte.

Sicher sollte so ein Blumenstück offiziell vom raschen Verwelken und dem womöglich schon morgen beginnenden Verlust der Schönheit künden, zumindest ebenso aber belegte es stets die Meisterschaft des Malers und den Reichtum seiner Auftraggeber. Die Calvinisten, die bekanntlich den Blumenhandel immer schon dominierten, führten die Stillleben aus Holland und Flandern zur Hochblüte, verkündeten kunstsinnig Monopolstellung und also Reichtum.

Tiefere Bedeutung

Immerhin aber kamen so exotische Früchte und grellbunte Südseefische ins kollektive Gedächtnis einer Bevölkerung, die sich derartige Spezereien en nature niemals hätte leisten können. Immerhin lernte und lernt der staunende Betrachter nicht nur viel über Mimesis, sondern auch über sündteures venezianisches Glas, üppige Mahlzeiten und Wildbret, das zu erlegen nur der Adel das Privileg hatte. Und jedenfalls aber war die pädagogisch- wie machtpolitisch entscheidende tiefere Bedeutung der vermittels Stillleben verbreiteten Symbole als allgemein bekannt anzunehmen, als man das heute angesichts der Relation von Tattoomotiv und Träger im Stadionbad annehmen kann.

Gut, dass im Frankfurter Städel Museum jetzt eine Spitzenversammlung von Stillleben stattfindet und ein Begleitbuch auch Auskunft über wirklich jedes mögliche Sinnbild gibt. Also liebe Gepeckte: Wenn Harmen Steenwijk sein Vanitas-Stillleben mit Totenschädel und Pfeife anlegt, dann künden "skull", wie das bei euch heißt, und Pfeife von Vergänglichkeit, ganz nach dem Motto "Alles ist sowieso dem Tod verfallen, und Genussmittel produzieren doch nur Rauch". Die Flöte im Gebiss weist noch den schönsten Ton als flüchtig aus. Wollt ihr das wirklich sagen? Lasst euch doch Bücher tätowieren, die künden gemeinhin von der Wissenschaft als ebenso eitlem wie nutzlosem Zeitvertreib.

Oder Krebse: Die stehen dafür, dass alles Irdische rückwärts und verkehrt herumrennt. Oder Lilien: Die stehen für Reinheit, Keuschheit und Unschuld (der Mutter Gottes) und finden sich doch dauernd auf euren topless vorgetragenen Dekolletés wieder. Na ja, die Magie der Dinge ist eben kein beliebig erweiterbares Vieles. Und immerhin gibt es gute Laser zur allfälligen Korrektur. (Markus Mittringer, DER STANDARD/Printausgabe, 19/20.04.2008)

Bis 17. August
  • Harmen Steenwijk (1612 bis nach 1656), "Vanitas-Stillleben mit Totenschädel und Pfeife".
    foto: kunstmuseum basel/martin bühler

    Harmen Steenwijk (1612 bis nach 1656), "Vanitas-Stillleben mit Totenschädel und Pfeife".

  • Johann Heinrich Roos (1631–1685), "Totes Geflügel", aus 1676, Städel-Museum.
    foto: artothek

    Johann Heinrich Roos (1631–1685), "Totes Geflügel", aus 1676, Städel-Museum.

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