"Mobilität beginnt im Kopf"

21. April 2008, 13:42
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Die Österreicher sind "Mobilitätsmuffel", so der Tenor einer Diskussion von derStandard.at und dem TU Career Center - Gute Chancen im Inland sind eine Barriere für den Gang ins Ausland

Gute Jobperspektiven am heimischen Arbeitsmarkt erweisen sich oft als Hemmschuh für berufliche Auslandsaufenthalte. Studentische und berufliche Mobilität stand im Mittelpunkt einer Podiumsdiskussion, veranstaltet vom TU Career Center und derStandard.at/Karriere. Im Studienjahr 2006/07 haben nur 190 Studenten an der Technischen Universität Wien das Austauschprogramm "Erasmus" in Anspruch genommen, berichtet Marietta Türk, Moderatorin des Bühnentalks und Redakteurin von derStandard.at/Karriere. Nicht einmal die Hälfte des zur Verfügung stehenden Kontingents an freien Plätzen wurde ausgeschöpft. Als Hauptgrund für das geringe Interesse führt Andreas Zemann, Leiter des Außeninstituts "Internationale Bildungskooperationen" an der TU Wien, die "exzellenten Jobchancen" für TU-Absolventen in Österreich ins Treffen.

Nebenjobs und private Gründe

Wer auch ohne zusätzliche Referenz in seinem Lebenslauf wie ein Auslandssemester in der Wirtschaft reüssieren könne, der sei auch weniger mobil. "Außerdem haben neben dem Studium viele gut dotierte Jobs, die sie nicht aufgeben möchten", meint Zemann. Weit verbreitet sei auch die Befürchtung, das Studium durch einen Auslandsaufenthalt "unnötig in die Länge zu ziehen". Eine weitere Barriere sieht Zemann in "privaten Gründen" wie Beziehungen, Sorgen um die Wohnung etc.

Techniker gefragt

"Auslandsbeziehungen sind oft nur mit Deutschland verknüpft", plädiert die Gesandte Judith Gebetsroithner, über den Tellerrand hinauszuschauen. Die EU bestehe schließlich aus 27 Ländern, hofft die Leiterin der Abteilung Bundeskanzleramt in der ständigen Vertretung Österreichs bei der EU auf mehr Internationalität. Die Vernetzung untereinander spiele eine immer größere Rolle. Gebetsroithner ortet gerade für Techniker und Informatiker "genügend Beschäftigungsmöglichkeiten" im EU-Raum. "Technischer Verstand, gepaart mit Managementqualitäten", prädestiniere TU-Absolventen für gut bezahlte Jobs in den verschiedenen EU-Institutionen.

Arbeiten im Ausland stärke das Selbstbewusstsein und fördere die Selbstständigkeit, meint Gebetsroithner, die seit 14 Jahren fern ihrer Heimat beschäftigt ist. Fremdsprachen zu können, sei ein immenser beruflicher Vorteil und im öffentlichen Dienst eine unabdingbare Qualifikation: "Kein Ministerium nimmt Mitarbeiter auf, die keine Fremdsprachen können."

EU-Jobs über EPSO

"Mobilität beginnt im Kopf", so Sabine Piska-Schmidt vom Bundeskanzleramt. Sie arbeitet als Stellvertretende Leiterin der Abteilung (III/4) für Personalentwicklung und Mobilitätsförderung. Die Jobs in den EU-Institutionen werden über das Europäische Amt für Personalauswahl (EPSO) ausgeschrieben und sind auf der Homepage abrufbar. "Dabei gibt es ein dreistufiges Auswahlverfahren", erläutert sie das Prozedere.

Der erste Schritt auf dem Weg zum EU-Bediensteten sei ein Vorauswahltest über die EU, wo auch Fremdsprachenkenntnisse überprüft werden. Neben der Muttersprache sollten die Kandidaten noch mindestens eine Amtssprache der EU beherrschen. Wer diese Eingangshürde meistert, müsse noch eine schriftliche und abschließend eine mündliche Prüfung absolvieren. Bewerbungen können online erfolgen.

"Kontakte knüpfen"

"Wir hatten vor kurzem eine Stelle ausgeschrieben, wo sich 50 Leute beworben haben und uns dann für jene Kandidatin entschieden, die über die meiste Auslandserfahrung verfügt hat", betont Piska-Schmidt die Wichtigkeit der Mobilität. Ein großer Bonus von Tätigkeiten über Österreichs Grenzen hinaus manifestiere sich im "Kontakte knüpfen" und dem Erwerb von "Insiderwissen".

Mehr Erasmus-Studenten

Die Zahl der österreichischen Erasmus-Studenten hat sich von gut 3.000 in den Jahren 2000/01 auf über 4.200 in 2006/07 erhöht. Die kontinuierliche Steigerung sei auch ein Resultat des Bologna-Prozesses, konstatiert Andreas Zemann von der TU einen großen Nutzen des Instruments zur "Umsetzung eines Europäischen Hochschulraumes". Das Ziel sei, durch die Vergleichbarkeit der universitären Abschlüsse die Mobilität zu fördern. In Österreich werde die angepeilte Studienarchitektur "Bachelor, Master, Doktorat" gerade flächendeckend implementiert.

Zemann hält das Angebot an Stipendien hierzulande prinzipiell für gut, wünscht sich aber eine monetäre Erhöhung. Derzeit betragen die monatlichen Zuschüsse je nach Zielland zwischen 148 (Schweiz) und 323 Euro (skandinavische Länder). Den höchsten Anteil an Studierenden mit Auslandsaufenthalten hat die Bodenkultur (37,5 Prozent). Den geringsten weisen die Naturwissenschaften mit 18,7 Prozent auf. Das beliebteste Gastland ist Spanien, gefolgt von Frankreich und Italien.

Österreicher am wenigsten mobil

Zurzeit leben und arbeiten nur etwa 1,5 Prozent der EU-Bürger in einem anderen Mitgliedstaat als ihrem Herkunftsland. Eine Zahl, die sich innerhalb der letzten 30 Jahre, trotz besserer Niederlassungsmöglichkeiten in anderen Ländern, nicht signifikant verändert hat. Die Österreicher sind in der EU laut einer Umfrage am wenigsten geneigt, bei Jobverlust in ein anderes EU-Land zu ziehen, falls sie dort Arbeit fänden. Die "mobilsten" Europäer sind die Polen, wo mehr als die Hälfte der Befragten ein Jobangebot im Ausland annehmen würden. Zum Vergleich: nur etwas mehr als 20 Prozent der Österreicher würden das tun. (om, derStandard.at, 20.4.2008)

  • V.l.n.r: Andreas Zemann, Leiter des Außeninstituts "Internationale Bildungskooperationen" an der TU Wien; Sabine Piska-Schmidt, 
Stellvertretende Leiterin der Abteilung (III/4) für Personalentwicklung und Mobilitätsförderung (Nationale Kontaktstelle für Mobilität); Gesandte Judith Gebetsroithner leitet die Abteilung Bundeskanzleramt in der ständigen Vertretung Österreichs bei der EU; derStandard.at-Redakteurin und Leiterin der Podiumsdiskussion Marietta Türk.
    foto: klaus pichler/evotion.at

    V.l.n.r: Andreas Zemann, Leiter des Außeninstituts "Internationale Bildungskooperationen" an der TU Wien; Sabine Piska-Schmidt, Stellvertretende Leiterin der Abteilung (III/4) für Personalentwicklung und Mobilitätsförderung (Nationale Kontaktstelle für Mobilität); Gesandte Judith Gebetsroithner leitet die Abteilung Bundeskanzleramt in der ständigen Vertretung Österreichs bei der EU; derStandard.at-Redakteurin und Leiterin der Podiumsdiskussion Marietta Türk.

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    foto: klaus pichler/evotion.at
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